Vettel und Rosberg

Formel 1: Gas & Bremse

— 05.10.2016

Fährt Vettel am Start zu aggressiv?

Sebastian Vettel war in Malaysia zum vierten Mal in dieser Saison in eine Startkollision verstrickt. Pures Pech oder sollte sich der viermalige Champion an der Nase packen?

Die Formel-1-Starts haben es 2016 in sich. Es vergeht kaum ein Rennen, an dem es nicht schon zu Beginn kracht. Die Umstellung auf nur noch einen statt zwei Kupplungshebel, sowie das Verbot von Coaching via Funk durch Ingenieure führen dazu.

Blöd nur: Immer wieder ist auch Sebastian Vettel mittendrin, wenn’s kracht. In Malaysia schon zum vierten Mal in dieser Saison. Zwei Mal schied er dadurch ganz aus, bei den anderen beiden Mal verlor er zusammengerechnet 21 Plätze.

Immer wieder Vettel – das wirft die Frage auf: Fährt der viermalige Champion am Start viel zu aggressiv?

Gas: Die Falluntersuchung

Ja. Vettel zeigt in meinen Augen seine schlechteste Saison nach dem Debakel 2014. Und seine Starts sind ein Grund dafür. Eigentlich ist der Heppenheimer ein ausgezeichneter Starter: In Australien und Kanada überrumpelte er beide Mercedes-Piloten und ging in Führung.

Aber dem gegenüber stehen eben auch vier Unfälle. In Russland ist der Fall klar: Da trifft ihm keine Schuld. Da schob ihn Daniil Kvyat erst auf Daniel Ricciardo und dann ganz ins Aus. Es war das Rennen, in dem Kvyat seinen Platz bei Red Bull verlor – an Max Verstappen.

Auch China war ein normaler Rennzwischenfall. Auf Platz drei gestartet kam er eigentlich gut weg, verbremste sich dann und rutschte nach außen. Beim Zurückfahren zuckte Kimi Räikkönen nach innen, wo allerdings Kvyat war. Damit löste sich eine Kettenreaktion aus und die beiden Ferrari-Stars kollidierten. Vettel fiel auf Platz neun zurück.

Vettel war schon an vier Startkollisionen beteiligt

In Belgien und Malaysia trifft Vettel aber meines Erachtens mindestens eine Mitschuld. In Spa zog er so stark nach innen, dass er seinem Teamkollegen Kimi keinen Platz mehr ließ. Natürlich konnte Vettel nicht ahnen, dass sich Max Verstappen noch neben Räikkönen drückt. Aber mit so etwas muss er rechnen. Und er muss wissen: Ist noch ein Fahrer neben Räikkönen, dann hat der keine Überlebenschance. Seinen Teamkollegen zwingt man nicht in eine Kollision, schon gar nicht wenn es gegen Red Bull um Platz zwei in der Konstrukteurs-WM geht.

Und: Dass Vettel mit einem Angriff auf der Innenbahn rechnen muss, das bewies er selbst in Malaysia – als er nämlich Verstappen-like innen in eine Lücke stieß. Wieder kam es zur Kollision, dieses Mal mit Verstappen und Nico Rosberg.

Für mich sind das Rennzwischenfälle, an denen Vettel zwar Mit-, Teil- oder Hauptschuld trägt, die aber im Rennsport vorkommen – und die absolut nicht bestrafungswürdig sind. Bestrafen tut sich Vettel damit schon selbst, mit Ausfällen, Platzverlusten und einem immer schlechter werdenden Ruf. Will er nächstes Jahr um die WM fahren, muss Vettel auch am Start wieder präziser sein und Harakiri-Aktionen vermeiden. (Michael Zeitler)

Bremse: Ferrari zwingt Vettel zu Risiko

Vettel der alleinige Schuldige an seinen Start-Karambolagen? Nicht aus meiner Sicht. Ich halte es mit Gerhard Berger: „Jeder Rennfahrer dieser Welt stößt in so eine Lücke rein. Wenn Vettel das nicht macht, ist er kein guter Rennfahrer. Dass das mit einem Restrisiko verbunden ist und bei einer Verkettung unglücklicher Umstände auch schiefgehen kann, gehört dazu."

Genau das ist Vettel in Malaysia passiert. Ihn deshalb jetzt als Harakiri-Piloten abzuschreiben, ist völlig fehl am Platz. Der Heppenheimer war nie für unüberlegte Aktionen bekannt. Fakt ist aber: Je weiter er mit seinem schwächelnden Ferrari von hinten starten muss, desto größer ist die Gefahr für einen Startcrash. Zumal er immer mehr Risiko gehen muss, um Red Bull in Schach zu halten. Soll man ihn dafür jetzt abmahnen? Dass er ganz wie der Vettel von früher versucht alles aus seinem lahmenden Ferrari-Pferdchen rauszuholen?

Mit dem Ferrari kann Vettel halt nicht wie Nico Rosberg im Mercedes entspannt und vorausschauend über die Strecke cruisen. Deshalb finde ich auch übertrieben, dass Rosberg sich hinterher über den „vierfachen Weltmeister, der angeschossen kam wie ein Torpedo“, lustig gemacht hat.

Nur in einer Sache muss ich Vettel an den Rotzlöffel-Ohren langziehen. Er hatte der Weltöffentlichkeit hinterher weismachen wollen, Verstappen hätte ihn vor dem Crash mit Rosberg berührt und so die verhängnisvolle Kettenreaktion erst in Gang gesetzt. Auch ich wäre fast darauf reingefallen. Den Videobeweis, dass Vettel geflunkert hat, sehen Sie unten.

Das Schlimmste aber bleibt für mich die Inkonsequenz der Regelhüter: Beim Startunfall in Spa wurde niemand bestraft, Vettel hingegen muss in Japan drei Startplätze zurück, weil er laut FIA-Urteil einen „kleinen Fehler“ machte. Ja, wollen die Rennkommissare denn gänzlich verhindern, dass wir weitere Überholmanöver sehen? (Bianca Garloff)

Autoren: Michael Zeitler, Bianca Garloff

Fotos: picture-alliance

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