Ayrton Senna

Formel 1: Gerhard Berger über Senna

Ayrton hat uns die Augen geöffnet

Zum 24. Todestag von Ayrton Senna spricht sein ehemaliger Teamkollege und Wegbegleiter Gerhard Berger mit AUTO BILD MOTORSPORT über den Brasilianer.
Ayrton Senna war der beste und charismatischste Rennfahrer aller Zeiten – und mein Freund aus McLaren-Tagen. Ich weiß noch, wie der Streckensprecher in der Startaufstellung am 1. Mai 1994 in Imola meinen Namen nannte und die Tifosi brüllten. Ich fuhr damals bei Ferrari. Ayrton schaute mich an und es war, als huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Es war sein letztes Lächeln.
Ich frage mich bis heute, was an dem Wochenende los war. Erst Barrichellos schwerer Unfall, dann der Tod von Roland Ratzenberger. Und am Sonntag auch Ayrton.
Meine nächste Erinnerung ist, wie ich an der Unfallstelle vorbeifahre und sehe, wie er die Mauer entlang kreiselt. Es schien halb so wild. In der Startaufstellung nach dem Abbruch sagte mir Bernie Ecclestone, dass Ayrton raus ist aus dem Auto. Unter Fahrern heißt das, er ist okay. Ich habe mir keine Sorgen gemacht. 

Freund der Familie: Berger mit Sennas Schwester Viviane

Nach meinem Ausfall saß ich auf einer Werkbank, als ich erfahre, dass es bei Ayrton im Sterben liegt. Ich habe mir einen Hubschrauber organisiert und bin ins Krankenhaus von Bologna. Ich wollte ihn noch mal sehen, um mich zu verabschieden. Er lag auf dem OP-Tisch. Ein paar Ärzte standen um seinen Kopf herum, sein Gesicht war abgedeckt. Ich wusste, was auch immer ihn getroffen hat, es hat ihn getötet.
Ich werde oft gefragt, wie Senna wirklich war. Zunächst einmal war er ein Mensch mit einer irren Ausstrahlung, einem Wahnsinns-Charisma. Als Rennfahrer war er der beste, gegen den ich je gefahren bin. Ein Perfektionist. Einerseits hatte er Wahnsinns-Emotionen und immer das Gefühl, er habe recht. Andererseits war er cool und überlegt.
Er hatte keine Fehler und keine Schwächen. Wenn er voll konzentriert war, hat er keinen Schmerz gespürt, keine Anspannung, er war in einer anderen Welt, in die wir keinen Zutritt kriegen konnten. Wahrscheinlich war deshalb seine Rolle so einzigartig. Jeder von uns wusste, wenn ER hinter uns auftauchte, würde er die erste Gelegenheit zum Überholen nutzen. 
Die meisten zuckten schon zur Seite, wenn sie den gelben Helm im Rückspiegel sahen. Ayrton hat uns allen damals die Augen geöffnet. Er hat als Erster angefangen, im Training eine Boxeneinfahrt zu trainieren.
Er hat sich im Winter bei 40 Grad Hitze auf die neue Saison vorbereitet, ist jeden Tag 15 Kilometer gejoggt. Wir anderen haben im Winter ein bisschen herumgeturnt und als wir zum Saisonauftakt nach Brasilien gekommen sind, bekamen wir keine Luft mehr, weil es uns zu heiß war. Außerdem schaltete Ayrton immer nach dem Drehzahlmesser, auch im dichten Startgewühl.

Bei Sennas Begräbnis fungierte Berger (re.) als Sargträger

So konnte er die Gänge bis zur Grenze ausdrehen und hatte gegenüber denen einen Vorteil, die sich auf sich selbst, die Gegner und alles andere konzentrieren mussten und nach Gehör schalteten. Kurz: Er zeigte mir, was man braucht, um Weltmeister zu werden. Ich hatte leider nie Ayrtons Ernsthaftigkeit und seinen Egoismus. Ayrton hat mir meine Grenzen aufgezeigt. Ich hatte zwar das nötige Talent, aber mir fehlte die Perfektion. Fest steht: Würde man allen Fahrern das gleiche Auto geben, würde er immer gewinnen. Schade, dass wir ihn verloren haben.

Autoren: Ralf Bach, Bianca Garloff

Fotos: Getty Images

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