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Formel 1: Hamilton legt verbal nach

— 25.06.2017

Nach Strafe: Vettel droht Rennsperre

Sebastian Vettel und Lewis Hamilton geraten in Baku aneinander: Das sagen die WM-Rivalen und die Experten im Fahrerlager zur Kollision und Vettels Strafe.

Sollte jemals ein gutes Verhältnis zwischen Lewis Hamilton und Sebastian Vettel existiert haben, nach dem Großen Preis von Aserbaidschan ist das definitiv Geschichte! Die Chronologie des ersten richtigen Zoffs zwischen den Titelaspiranten: Bis zur Mitte des Rennens liegen die beiden F1-Schwergewichte noch in Führung. Doch dann kommt es während einer Safety-Car-Phase zum folgenschweren Zwischenfall. Der Führende Hamilton geht stark vom Gas, Vettel rauscht ihm ins Heck. Dann das Revanche-Foul: Vettel fährt neben Hamilton, lenkt in dessen Auto. Die Reifen berühren sich. Auch am Funk beschwert sich Vettel lautstark: "Er hat einen Bremstest mit mir gemacht!"

Folge: Die Rennleitung verhängt nach einer Rennunterbrechung eine 10-Sekunden-Stop-and-Go-Strafe gegen Vettel. Hamilton faucht am Funk in Richtung des Rennleiters: "Diese Strafe ist viel zu gering für einen Fahrer, der sich so verhält! Das weißt du genau, Charlie!"

Hamilton bremst, Vettel kachelt ihm hinten drauf

Später schlägt Hamilton, der nach einem Problem an seinem Kopfschutz nur Fünfter wurde, ruhigere Töne an. "Diese Dinge passieren - das ist mir egal. Ich schaue nach vorne und will nichts dazu sagen."

Dann legt er doch nach: "So sollte sich ein Fahrer nicht verhalten. Das ist gefährlich." Über seine eigene Aktion sagt Hamilton: "Ich habe Sebastian definitiv keinem Bremstest unterzogen. Ich habe die Pace hinter dem Safety-Car kontrolliert, wie bei den anderen Re-Starts und an der gleichen Stelle verlangsamt am Eingang zu Kurve 15."

Nach Informationen von ABMS hat die FIA Hamiltons Daten analysiert. Die Schlussfolgerung der FIA-Richter stützt Hamiltons Aussage: Demnach hat der Brite seine Geschwindigkeit nicht übermäßig stark verringert - und sich nicht anders verhalten als bei den ersten beiden Re-Starts. Aus Kreisen des Weltverbands ist zu hören, dass Vettel über die milde Strafe glücklich sein kann. Drei Strafpunkte auf die Superlizenz gab es trotzdem obendrauf. Der Deutsche muss aufpassen: Vettel hat nun schon neun Strafpunkte, bei zwölf innerhalb von 12 Monaten droht eine Rennsperre!

Ein defekter Kopfschutz kostete Hamilton den Sieg

Hamilton gießt indes weiter Öl ins Feuer: "Wenn Sebastian zeigen will, dass er ein Mann ist, soll er aus dem Auto steigen und wir machen es von Angesicht zu Angesicht. Dass er mir hinten draufgefahren ist, war nicht das Problem für mich. Aber jeder hat gesehen, was er danach gemacht hat. Dass er praktisch damit davonkommt, so in einen anderen Piloten zu fahren, ist eine Schande. All die jungen Kids in den anderen Serien schauen auf zu uns Champions. So ein Verhalten ist nicht das Vorbild, das man sich von einem mehrfachen Weltmeister wünscht."

Der Mercedes-Star glaubt aber auch, dass er Vettels Reaktion selbst provoziert hat - allerdings nicht durch sein Bremsmanöver, sondern durch den "Druck, den wir in den letzten Wochen aufbauen konnten. Wenn die Zeiten hart werden, dann zeigt man seinen wahren Charakter. Ich persönlich lasse lieber meine Taten auf der Strecke sprechen und versuche, diese WM auf die richtige Art und Weise zu gewinnen."

Hamilton nimmt Vettel unter Beschuss. Der Ferrari-Star erklärt den Vorfall mit dem Briten aus seiner Sicht: "Er ist plötzlich auf die Bremse gestiegen. Ich konnte nirgendwo hin und bin ihm in die Kiste gefahren. Das war unnötig für uns beide. Ich bin sicher, es war nicht absichtlich. Aber er hat sowas vor ein paar Jahren in China bei einem Re-Start auch schon mal gemacht. Es war nicht der richtige Move. Und wenn ich bestraft werde, hätte er auch bestraft werden müssen."

Dann gibt Vettel zu, dass er sich bei Hamilton revanchiert hat. Selbstjustiz gegen Hamiltons schmutzigen Trick? Vettel dementiert - halbherzig: "Es war klar, dass ich nicht zufrieden war mit der Art und Weise, wie er gefahren ist. Deshalb bin ich daneben gefahren und haben ihm das auch gezeigt. Ich habe meine Hand gehoben - aber ihm noch nicht mal den Finger gezeigt." Auf Nachfrage, ob er ihm absichtlich ins Auto gefahren sei, sagt Vettel: "Nein."

Die Experten im Fahrerlager bewerten den Zwischenfall unterschiedlich.

Mega-Zoff der Rivalen: Jetzt geht der WM-Kampf los

Red-Bull-Sportchef Helmut Marko: "Im Racing-Jargon nennt man das Braketesting. Hamilton hat Vettel provoziert, der hat sich revanchiert. Um das festzuhalten: Lewis hat das auch mit Absicht gemacht, er wollte Seb aus dem Rythmus bringen. Nur blöd für Vettel, dass da eine Kamera war. Das war ein klares Revanchefoul. Allerdings bei ganz geringer Geschwindigkeit. Eine normale Reaktion auf Hamiltons Provokation. Zwischen den WM-Kämpfern sind die Emotionen aufgeheizt. Genau das wollen wir sehen. Wir brauchen solche Emotionen!"

RTL-Kommentator Christian Danner: "Vettel darf sowas nicht machen, aber ich sehe beide in der Pflicht - man darf laut Regelwerk niemand in Gefahr bringen durch unnötig langsames Fahren. Das hat Lewis getan."

Sky-Kommentator Marc Surer: "Der Rammstoß war zu viel des Guten. Allerdings war es auch kein Gefährliches Fahren - immerhin geschah es bei fünf km/h. Jetzt herrscht Krieg zwischen den beiden."

Mercedes-F1-Aufsichtsrat Niki Lauda: "Das war ein Riesenfoul von Sebastian. Wer vorne ist, bestimmt die Geschwindigkeit. Wenn der bremst, musst du auch abbremsen."

Mercedes-Sportchef Toto Wolff: "Da kochen die Emotionen hoch. Der eine sitzt im Auto und glaubt, er wird gebremstestet. Der andere fragt sich, warum er in ihn rein fährt. Punkt."

Ex-Weltmeister Damon Hill: "Das war kopflos. Ich verstehe, dass Sebastian sauer ist, aber als vierfacher Weltmeister muss er sich da besser unter Kontrolle haben."

Ex-Formel-1-Pilot Johnny Herbert: "Wenn du das auf öffentlichen Straßen machst, wirst du verhaftet."

Ex-Formel-1-Pilot Martin Brundle: "Das war ein Präzedenzfall, die Rennleitung mussten so handeln und eine Strafe verhängen."

Autoren: Bianca Garloff, Frederik Hackbarth

Fotos: Getty Images

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