Sebastian Vettel und Helmut Marko

Formel 1: Hochachtung vor Vettel

— 15.11.2010

Stimmen zu Vettels Titel

Sebastian Vettel, Überraschungssieger der Formel 1-Saison 2010, sonnt sich in Respektsbekundungen und Gratulationen. AUTO BILD MOTORSPORT hat die Stimmen nach dem fabelhaften Sieg eingefangen.

Kein Witz: AUTO BILD MOTORSPORT hatte Red Bull-Boss Dietrich Mateschitz (66) schon vor dem Großen Preis von Abu Dhabi in der Red Bull-Hospitality gratuliert – und zwar zu beiden WM-Titeln, dem bereits in Brasilien eingefahrenen Konstrukteurspokal und der zu diesem Zeitpunkt noch offenen Fahrerweltmeisterschaft! Mateschitz lächelte verlegen und brachte nicht mehr als ein leises "Oh!" hervor. Nach dem Rennen und Sebastian Vettels Triumphfahrt musste er lachen, als ABMS ihm erneut die Hand schüttelte: "Sie hatten ja so Recht!" Mit einem perfekten Start-Ziel-Sieg und einer ausgeklügelten Red Bull-Falle für Ferrari-Pilot Fernando Alonso (29) ist Sebastian Vettel (23) seit Sonntagnachmittag mit 23 Jahren und 134 Tagen jüngster Weltmeister aller Zeiten und der zweite deutsche neben Michael Schumacher (41).

Szenen einer Niederlage: In Abu Dhabi kam Ferraris Fernando Alonso einfach nicht an Vitaly Petrov vorbei, verlor den WM-Titel an Vettel.

Vater Norbert lief mit Tränen in den Augen durchs Fahrerlager, Mutter Heike, Bruder Fabian und Schwester Steffi genossen die Atmosphäre auf dem Dach des Red Bull-Häuschens. Vettels Ex-Toro-Rosso-Teamchef Gerhard Berger ließ via ABMS am Telefon ausrichten: "Ich weiß noch gut, als wir 2008 zusammen in Monza auf dem Podium standen. Ich als Repräsentant von Toro Rosso, er als Sieger des Rennens. Es war vielleicht mein größter und emotionalster Moment in meiner gesamten Motorsportkarriere, da oben mit diesem tollen Burschen zu stehen und mich mit ihm zu umarmen. Ich wusste, er wird die WM gewinnen, irgendwann. Er hat sie mehr als verdient gewonnen. Die Rechnung ist simpel: Er war der schnellste Fahrer, hatte das beste Auto und machte mit die wenigsten Fehler. Ich freue mich wahnsinnig." Und Red Bull-Motorsportchef Dr. Helmut Marko (67) streifte genüsslich ein Vettel-Weltmeister-T-Shirt über, nur um gleich zu betonen: "Für den Fall das Mark Webber Weltmeister geworden wäre, hatten wir auch eins vorbereitet!"

Helmut Marko freut sich über die aufgegangene Strategie

Der Österreicher gilt als größter Vettel-Fan im Red Bull-Lager und konnte sich eine Anmerkung zum Thema Stallorder nach dem Rennen nicht verkneifen. Marko: "Hätten wir in Brasilien (vorletzter GP; d. Red.) Mark an Sebastian vorbeibugsiert, hätte hier in Abu Dhabi nur noch einer der beiden die Chance auf den Titel gehabt. Und das wäre womöglich der Falsche gewesen." Marko meint Mark Webber, der auf dem Wüstenkurs nie richtig auf Tempo kam und dennoch seinen Teil zum Red Bull-Fahrertitel beigetragen hat. Denn weil der Ferrari-Kommandostand sich in Sachen Boxenstrategie zu sehr auf den wegen abbauender Hinterreifen extrem früh stoppenden Webber konzentrierte und mit Fernando Alonso ebenfalls viel zu früh in die Box abbog, fiel der Spanier von Platz vier (hinter Vettel, Hamilton und Button) auch noch hinter Robert Kubica, Nico Rosberg und Vitaly Petrov bis auf Platz sieben zurück. Für seinen dritten Titel aber hätte er mindestens Vierter werden müssen. "Ein klarer Fehler", gibt Ferrari-Teamchef Stefano (45) Domenicali zu.

Vettel dagegen konnte nach vielen Rückschlägen ­– allein 66 Punkte verlor er wegen technischer Defekte – am Ende strahlen: "Ich bin mit dem Ziel in die Saison gegangen, die WM zu gewinnen. Das habe ich geschafft. Ich habe zwischendurch zwar nicht den Fokus verloren, aber ich wurde vielleicht etwas angespannt. In Spa hatte ich den Unfall mit Jenson (Button; d. Red.) und habe dafür viel Kritik in der Presse eingesteckt. Das war nicht einfach. Da habe ich gemerkt, wer meine Freunde sind. In diese Leute habe ich seitdem meine Energie gesetzt und möchte mich jetzt bei ihnen bedanken." Helmut Marko lobt den Heppenheimer: "Sebastian ist während der Saison extrem gereift und hat nie den Kopf in den Sand gesteckt. Als wir nach seinem Motorschaden in Korea die Köpfe haben hängen lassen, hat er uns immer wieder aufgemuntert." Mateschitz glaubt sogar: "Das war erst der erste von vielen weiteren Vettel-Titeln!"

Vettel war Bernie Ecclestones Wunsch-Champion

Bernie Ecclestone, hier im ABMS-Doppelinterview mit dem neuen Weltmeister, ist seit langem Vettel-Fan.

Und Formel 1-Chefvermarkter Bernie Ecclestone (80) hat mit Vettel endlich seinen Wunsch-Champion. "Ich habe ihm die Daumen gedrückt", gibt er gegenüber AUTO BILD MOTORSPORT zu. "Es ist kein Geheimnis, dass ich diesen Burschen total mag. Er ist nicht nur verteufelt schnell, er hat auch eine erfrischende Persönlichkeit. Die gesamte Formel 1 wird in Zukunft von ihm profitieren, weil er genau das mitbringt, was ich von einem Weltmeister erwarte. Er ist ein Champion zum Anfassen – jemand mit dem sich Fans weltweit identifizieren können. Und er wird in Zukunft noch besser werden, weil er so extrem lernfähig ist. Ein Beispiel: Er spielt noch nicht so lange Backgammon, und gewinnt jetzt schon gegen den Meister dieses Fachs. Damit meine ich natürlich mich."

Von Ecclestone kann Vettel jetzt noch mehr lernen: Nämlich wie man seinen Titel vermarktet. ABMS erfuhr: Schon für dieses Jahr hatte der Heppenheimer mit Red Bull eine satte WM-Prämie ausgehandelt, die nur die Beteiligten kennen. Ein neuer Sponsor steht angeblich schon in den Startlöchern. Doch zunächst muss Vettel sich dem Feier-Marathon stellen. Heute (15. November 2010) ist er bei Red Bull in Salzburg, morgen in der Fabrik in Milton Keynes (England) und am Donnerstag schon wieder zurück in Abu Dhabi. Dort sitzt er am Freitag und Samstag bei den ersten Tests mit den neuen Pirelli-Reifen erstmals als Weltmeister hinterm Steuer getreu dem Motto: Vor dem Spiel ist nach dem Spiel.

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach

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