Roland Ratzenberger

Formel 1: Im Gedenken an Roland Ratzenberger

— 30.04.2016

Heute vor 22 Jahren in Imola

Vor 22 Jahren trug die Formel 1 am 30. April auch ein Qualifying aus: Dabei starb in Imola Roland Ratzenberger. Bei ABMS erinnert sich der Vater des Österreichers.

Samstag, 30. April, Qualifying der Formel 1. Doch die Königsklasse ist nicht auf dem hochmodernen Sotschi Autodrom zu Gast sondern auf der altehrwürdigen Traditionsstrecke von Imola. Das Wetter ist gut, viel zu heiß für einen Frühlingstag. Kurz nach Beginn des Zeittrainings, um 13.18 Uhr Ortszeit, fangen die Kameras einen völlig zerstörten Wagen ein, der auf dem Asphaltband in der Tosa-Kurve austrudelt. Schnell wird klar: Es ist der Simtek Ford von Roland Ratzenberger. Die ersten Bilder im TV lassen nichts gutes verheißen...

Roland Ratzenberger debütierte 1994 in der Formel 1

Auf den Tag 22 Jahre ist das nun her. Roland Ratzenbergers Vater Rudolf erinnert sich im Gespräch mit AUTO BILD MOTORSPORT als wäre es gestern gewesen an den Moment, der das Leben seiner Familie veränderte. „Als das Auto aus der Kurve herauskam, habe ich mir gedacht: Das ist doch der Roland! Dann habe ich gesehen, wie der Kopf mit den Bewegungen des Wracks mitgeht und von diesem Augenblick an gewusst: Aus ist es“, sagt der Salzburger. Geschockt sitzt er in seinem Bett. Eben erst ist der frisch pensionierte 60-Jährige mit seiner Margit Frau aus dem Mexiko-Urlaub zurückgekommen. Noch müde vom Jetlag hat er den Fernseher angemacht, das Geschehen aus Imola, wo sein Sohn gerade am Zeittraining teilnimmt, aber nur mit einem Auge verfolgt – bis zu dem Unfall.

„Meine erste Überlegung danach war: Wie sage ich das meiner Frau? Sie war gerade in der Küche und hat Radio gehört, was sie sonst eigentlich nicht macht. Ich wollte die Aufregung bei mir zwar erst ein bisschen setzen lassen“, erinnert sich Ratzenberger. „Doch kurze Zeit später kamen schon die Meldungen und ich habe es ihr sagen müssen...“ Für die Ratzenbergers bricht eine Welt zusammen, ihr Leben ändert sich auf einen Schlag. „Es ging dann natürlich sofort los. Das Telefon hat ununterbrochen geklingelt, Freunde haben sich gemeldet, die Medien“, erinnert sich Rudolf Ratzenberger an die schlimmen Stunden nach der Tragödie.

Das Wrack des Simtek Ford nach dem schweren Unfall

Wenig besser wird es ein paar Tage später als er mit Rolands bestem Freund nach Bologna fahren muss, um seinen Sohn zu identifizieren. „Das ist etwas, das man nie vergessen wird“, sagt Ratzenberger senior. „Ausgeschaut hat er wie wenn er schlafen würde, es waren keine Verletzungen zu sehen. Ich habe das Bild immer noch vor mir, obwohl es nun schon so lange her ist.“ Woran sich der Österreicher auch erinnert, ist der ungeheure Ansturm der Fans in Bologna. „Als wir am Gerichtsmedizinischen Institut angekommen sind, waren dort 1000 Leute, natürlich auch wegen Senna.“ Der dreifache Weltmeister aus Brasilien ließ nur einen Tag nach Ratzenbergers Unfall in Imola ebenfalls sein Leben.

„Als die Leute gemerkt haben, da kommt jemand mit Salzburger Nummer, sind sie hergekommen und haben auf das Auto getrommelt. Die Polizei musste anrücken und eine Gasse bilden, damit wir reinfahren können“, beschreibt Ratzenberger seinen wohl schwersten Gang. Mehr als zwei Jahrzehnte später verblassen die schlimmen Erinnerungen aber vor der Vielzahl an guten an seinen Sohn: Roland Ratzenberger, der begnadete Rennfahrer, der sich seinen Weg aus einfachen Verhältnissen durch harte Arbeit doch noch in die Formel 1 gebahnt hat – im hohen Rennfahreralter von 33 Jahren.

Ratzenbergers Grab auf dem Freidhof in Maxglan

„Er lebte für seinen Traum“, steht auf Ratzenbergers Grabstein auf dem Friedhof im Salzburger Stadtteil Maxglan. Den Traum von der schillernden Königsklasse, den er sich 1994 mit seinem Formel-1-Einstieg erfüllte. Auch wenn damals niemand ahnen konnte, dass der Traum nach nur einem Grand-Prix-Start im japanischen Aida zum Albtraum werden würde. Zum Thema Gefahr habe sein Sohn „eine sehr coole Einstellung gehabt. Auch wenn ich nicht glaube, dass er unnötiges Risiko eingegangen ist“, sagt Rudolf Ratzenberger heute. „Anfang 1994 hat er seine Mutter angerufen und gesagt: 'Mama, ich bin jetzt in der Formel 1!' Meine Frau war natürlich einigermaßen entsetzt“, erinnert sich Ratzenberger senior. Doch sein Sohn beruhigt: „Mach dir keine Sorgen, das ist die sicherste Formel. Mit den Flundern die ich in Japan gefahren bin, ist es viel gefährlicher.“

Im Land der aufgehenden Sonne hat sich Ratzenberger einen Namen gemacht, sowohl im Gruppe-C-Sportwagen als erster europäischer Toyota-Werksfahrer als auch in der Formel 3000. „Dort fahren viele Söhne reicher Leute und die nehmen kaum Rücksicht. Man muss sich raushalten, damit nix passiert“, hat er seinen Eltern einmal erzählt. Es ist die bittere Ironie des Schicksals, dass Ratzenberger kurz nach seiner Ankunft in der hochmodernen Formel 1 ausgerechnet einem technischen Defekt zum Opfer fällt. In der ultraschnellen Vollgaskurve Villeneuve bricht ihm in Imola der linke obere Teil des Frontflügels. Ratzenberger hat bei weit über 300 Stundenkilometern keine Chance.

Imola gedenkt schwarzem Wochenende

Ayrton Senna Ayrton Senna Ayrton Senna
Dem damaligen Simtek-Team seines Sohnes hat Rudolf Ratzenberger nie einen Vorwurf gemacht. „Das wäre mir nicht eingefallen. Jeder, der sich in so ein Rennauto setzt, muss wissen, was er für ein Risiko eingeht“, sagt der Österreicher, auch mit Blick auf Nick Wirth, den damals jüngsten Teamchef in der Formel 1 und Konstrukteur des Unglückwagens Simtek Ford S941. „Ein bisschen enttäuscht“, sei er lediglich von einem gemeinsamen Auftritt mit Wirth in einer RTL-Fernsehsendung gewesen. „Dort war seine Reaktion auf das Ganze verdammt englisch kühl.“ Ob aus schlechtem Gewissen oder dem damit verbundenen Selbstschutz, möchte Ratzenberger nicht beurteilen.

Star in Japan: Ratzenberger im Toyota-Sportwagen

Den Kontakt zu vielen Wegbegleitern von damals hat die Familie trotz der tragischen Ereignisse gehalten. Paradox: Obwohl der Sport ihm seinen Sohn raubte und gerade auch das mediale Echo auf die F1 im Anschluss an das schwarze Wochenende von Imola verheerend war – in Österreich sprach man von den 'Mördern in der Manege' – hat Ratzenberger mittlerweile mehr Interesse am Motorsport als noch vor den schrecklichen Geschehnissen. „Ich habe zur Formel 1 schon einen gewissen Abstand. Aufspringen und mit der Fahne wackeln würde ich nun nicht unbedingt. Aber sicher: Für manch einen mag es vielleicht komisch klingen, dass ich damals nicht gesagt habe: Formel 1? Vergessen, zusperren, aus!“, sagt Ratzenberger heute.

Seine Reaktion war eine andere: „Es ist nun einmal passiert. Ich kann es weder ändern, noch mich deswegen verkriechen oder sonst etwas.“ Vielmehr hat er es sich zur Aufgabe gemacht, das Andenken an seinen Sohn aufrechtzuerhalten. Das ist seine Art der Trauerbewältigung. „Wenn man überlegt, wie viele Leute nach so einem Schicksalsschlag jahrelang auf der Couch des Psychiaters liegen, muss man sagen: Wir haben das nicht gebraucht. Meine Frau hat etwas länger gebraucht, aber meine Aufarbeitung war der Kontakt mit den Leuten, seinen Freunden, der Presse...“

Rolands Eltern Margit und Rudolf Ratzenberger bei einer Gedenkveranstaltung in Italien 2014

Auch heute noch stehen manchmal wildfremde Menschen vor der Tür, oft aus Japan, wo Roland Ratzenberger ein großer Star war. Drei dicke Gästebücher haben solche Besucher in der Wohnung der Eltern mittlerweile gefüllt. „Wir brauchen uns also gar nicht bemühen, Roland aus unserem Leben zu streichen, weil wir rund um die Uhr an ihn erinnert werden“, findet der Vater. „Ich habe zu meiner Frau Margit schon gesagt: Der Roland wird uns noch bis an unser Lebensende beschäftigen!“, sagt Rudolf Ratzenberger mit einem Lächeln, das erahnen lässt, dass er seinen Frieden mit den tragischen Ereignissen geschlossen hat und fügt an: „Also man hat schon den Eindruck: Vergessen ist er nicht.“

Lesen Sie im zweiten Teil unseres Gesprächs mit Roland Ratzenbergers Vater, wie er die Veränderungen in der Sicherheit der Formel 1 beurteilt, wie er den Umgang mit der Presse einschätzt und warum die Familie in Italien keinen Prozess anstrebte:
Im Gedenken an Roland Ratzenberger - Teil 2: Das schwarze Wochenende von Imola

Autor: Frederik Hackbarth

Fotos: Getty Images / Picture-Alliance / FH

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