Bernie Ecclestone und Michael Schumacher bei einer Partie Bachgammon

Formel 1: Interview

— 27.08.2010

"Die Würfel sind noch nicht gefallen"

Teil acht unserer Serie "Bernie trifft…". Diesmal: Rekordweltmeister Michael Schumacher. Der Mercedes-Pilot spricht mit F1-Chefvermarkter Ecclestone über seinen Karrierebeginn, das holprige Comeback und Sebastian Vettel.

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Ecclestone, Herr Schumacher. Können Sie sich noch an Ihr erstes Zusammentreffen erinnern und was damals jeder über den anderen gedacht hat?
Bernie Ecclestone (79): Das war glaube ich vor etwa zwei Jahrhunderten (1991; d. Red.) in Monza. Ich half ein bisschen mit, dass er von Jordan zu Benetton wechseln konnte.
ABMS: Warum eigentlich? Haben Sie gleich gemerkt, dass er das gewisse Etwas hat?
Ecclestone: Ja, natürlich. Deshalb wollte ich ihn in einem guten Team sehen.
ABMS: Es gab vor Michael Schumacher eine Menge Deutsche, die in der Formel 1 ihr Glück versucht haben. Mehr oder weniger erfolgreich. Wieso waren Sie bei ihm so sicher?

Ecclestone: Das konnte man von Anfang an sehen, wenn man genug Erfahrung hat. Jedenfalls wusste ich schon vor seinem ersten Sieg in Spa 1992, dass er das Zeug hat, zu gewinnen. Dass er sieben Mal Weltmeister werden würde, da war ich mir natürlich nicht sicher.
ABMS: Und wann wussten Sie, Herr Schumacher, dass Sie in der Formel 1 bestehen können?

Michael Schumacher (41): Um ehrlich zu sein, bei meinem zweiten Rennen in Monza, dem ersten mit Benetton. Vorher fehlte mir noch das Selbstvertrauen. Ich konnte natürlich nicht wissen, dass ich mal Weltmeister werden würde. Aber dass ich auf Augenhöhe mit den Besten sein kann, da war ich sicher.

Nachrichten aus der Formel 1

Entspannter Routinier: Michael Schumacher lässt sich von seiner derzeitigen Schwächeperiode nicht aus der Ruhe bringen.

 ABMS: Dann müssen Sie doch Bernie dankbar gewesen sein, dass er Sie von Jordan zu Benetton vermittelt hat?
Schumacher: War ich, ja. Er hatte ein offenes Ohr und war da, wenn Redebedarf bestand. Und er bot mir zu jedem Zeitpunkt seine Unterstützung an. Bernie war auf jeden Fall eine sehr wichtige Person, als es darum ging, von Jordan zu Benetton zu wechseln. Denn es war wichtig im richtigen Team zu landen. Nur so konnte ich letztlich auch mithelfen, dass das Interesse in Deutschland für die Formel 1 gestiegen ist. Es war also gut für mich und für die F1.
ABMS: Was ist Schumachers größte Stärke?

Ecclestone: Michael ist im Grunde ein aufrichtiger Kerl. Das ist wichtig für mich. Und wie schnell er sich bei Benetton vom reinen Fahrer zum Teammanager gemausert hat, war beeindruckend.
Schumacher: (schmunzelnd) Das ist nicht ganz richtig. Das war ich eher bei Ferrari.
ABMS: Und jetzt, bei Mercedes?

Schumacher: Dadurch, dass ich so lange mit Leuten wie zum Beispiel mit Ross Brawn gearbeitet habe, bezieht sich mein Job sicherlich nicht nur aufs Fahren allein. Ich bin kein Ingenieur oder Aerodynamiker, aber ich habe die Erfahrung, um die Richtung zu erkennen, mit der man Erfolg haben kann. Denn trotz aller Computerprogramme und Daten, am Ende ist es der Mensch, der entscheiden muss.

Übersicht: News und Tests zur Marke Mercedes

Vertieft ins Spiel: Wer ist der bessere Backgammon-Spieler? Schumacher: "Das ist eine Sache in der ich noch ganz gut bin."

 ABMS: Herr Ecclestone, zu welchem Zeitpunkt haben Sie gewusst, dass Michael Schumacher ein Comeback geben wird?
Ecclestone: Ich habe es aus der Zeitung erfahren.
ABMS: Sie haben nicht vorher darüber geredet?

Ecclestone: Nein. Das Wichtigste war, dass Michael das Selbstvertrauen hatte und das Team an ihn glaubte. Ich bewundere, dass er den Schritt gewagt hat. Denn als siebenmaliger Weltmeister nach drei Jahren Pause zurückzukommen, dazu gehört jede Menge Mut.
ABMS: Damals bezeichneten Sie Michaels Comeback als "Geschenk für die Formel 1". Mittlerweile erwies sich das Comeback als etwas holpriger als erwartet. War es demnach wirklich ein Geschenk?

Ecclestone: Ja. Denn Michael ist immer noch fitter als viele andere Fahrer und talentierter als 90 Prozent seiner Gegner. Aber: Er ist in der Formel 1, um zu gewinnen. Im Moment ist das nicht möglich. Aber die Würfel sind noch nicht gefallen.

Mehr Chancen im Red Bull

ABMS: Und für Sie, Herr Schumacher? Warum war das Comeback kein Fehler?
Schumacher: Weil ich viel Freude habe an dem, was ich tue. Und weil ich immer noch glaube, mein Ziel, den WM-Titel, erreichen zu können. Ich muss akzeptieren, dass das seine Zeit braucht und dass der Gegenwind sehr stark ist. Natürlich waren die Erwartungen sehr hoch, und natürlich sind wir alle sehr enttäuscht, dass wir momentan nicht konkurrenzfähig sind. Aber das muss ich jetzt akzeptieren und mich aufs nächste Jahr konzentrieren.
Ecclestone: Wenn Michael in einem der Red-Bull-Autos sitzen würde, würde ich mein Geld auf ihn setzen. Dann würde er sicher sofort gewinnen.
ABMS: Glauben Sie das auch, Herr Schumacher?

Schumacher: Sagen wir mal so: Im Red Bull hätte ich sicher derzeit andere Möglichkeiten (lacht). Aber ich bin auch absolut zufrieden dort, wo ich bin.

Der Weg zurück auf die Siegerstraße ist entscheidend

Schumacher nutzt die angebrochene Saison zu Testzwecken. Er probiert zum Beispiel verschieden Abstimmungsvarianten aus.

 ABMS: Was macht Sie so optimistisch, dass es im nächsten Jahr besser wird?
Schumacher: Weil wir die Probleme verstehen, die wir dieses Jahr haben.
Ecclestone: Wenn mir Leute sagen, dass Rosberg schneller ist als Michael, sage ich ihnen: "Nico muss sich noch beweisen, Michael nicht mehr." Für Rosberg sind vierte Plätze wichtig, für Michael nicht mehr. Für ihn zählt nur der Sieg. Ob er jetzt Vierter oder 14. wird  ist für ihn doch völlig wurscht.
ABMS: Ist das so, Herr Schumacher?

Schumacher: Im Grunde hat Bernie sicherlich recht. Für mich macht es keinen Unterschied mehr, ob ich Vierter oder Zehnter werde. Was den Unterschied macht, ist der Weg zurück auf die Siegerstraße. Dort bin ich aber noch nicht. Deshalb probiere ich im Moment viele Sachen wie zum Beispiel Abstimmungsvarianten aus, und akzeptiere, dass die manchmal eben auch schiefgehen können. Aber sie gehören für mich zum Lernprozess dazu.
Ecclestone: Genau das meine ich: Warum sollte Michael für vierte Plätze noch ans Limit gehen?
Schumacher: Halt, das kann ich nicht stehenlassen. So meinte ich das nicht. Ich gehe immer ans Limit, wenn ich im Auto sitze. Das brauche ich, das ist mein Verständnis von Rennsport.
ABMS: Was Bernie meint, ist wohl, dass Sie irgendwie relaxter wirken als früher.

Schumacher: Ja, das bin ich auch. Aber das heißt nicht, dass ich nicht alles gebe.
Ecclestone: Ich behaupte doch nur, dass die Motivation eine andere ist, wenn man um den Sieg fährt statt um Platz acht oder neun.

Schumacher fühlt sich im Button-Auto nicht ganz wohl

Button-Auto: Der Weltmeister und ehemaliger Brawn-GP-Pilot Button hat sein 2009er Auto, worauf Schumachers Mercedes basiert, nach seinen Bedürfnissen entwickelt.

 ABMS: Herr Schumacher, denken Sie manchmal "Mein Gott, was habe ich nur getan?"
Schumacher: Nein. Ich wusste genau, was ich tue. Noch einmal: Für mich ist wichtig, wie ich mit dem Auto arbeite und mit dem Team. Die Medien sind nur ein kleiner Nebenaspekt, über den ich manchmal mehr und manchmal weniger glücklich bin. Aber sie beeinflussen nicht das große Bild, das ich vor Augen habe.
ABMS: Sie scheinen wirklich dran zu glauben, dass Sie schneller sind als Nico Rosberg?

Schumacher: Ich sehe die Details. Klar, mit dem Auto wie es im Moment ist, bin ich nicht auf seinem Niveau. Zumindest im Qualifying nicht, im Rennen schon. Ich weiß aber, wie ich das ändern kann und daran arbeite ich jetzt.
ABMS: Jenson Button, Ihr Vorgänger im Brawn-Mercedes, fühlt sich schuldig, weil er das Auto auf seinen Fahrstil hin entwickelt hat. Sie wären zu spät eingestiegen, um die Grundcharakteristik dieses "Button-Autos" noch ändern zu können, behauptet er.

Schumacher: Es stimmt schon, dass jeder einen anderen Fahrstil pflegt. Man muss also mit dem Team daran arbeiten, dass man sich im Paket wohlfühlt. Das habe ich mit Ferrari geschafft. Über Nacht geht das aber nicht. Es ist völlig klar, dass unser Auto gewisse Eigenschaften hat, die nicht zu mir passen. Jetzt liegt es an uns, das so zu ändern, dass es mir liegt. Das ist das, worum es für jeden Fahrer geht.

Nachwuchstalent Sebastian Vettel ist ein "Baby-Michael"

Ecclestone vergleicht: "Sebastian Vettel ist genauso intelligent wie Michael Schumacher und supertalentiert ist er auch."

 ABMS: Herr Ecclestone, eigentlich hat Michael Schumacher doch selbst dazu beigetragen, dass all die jungen Fahrer ihn jetzt schlagen, indem er ihnen vorgemacht hat, wie man in der Formel 1 Erfolg hat.
Ecclestone: Ja, heute wollen alle so sein wie Michael Schumacher.
Schumacher: Ich bin überzeugt, dass zum Beispiel Sebastian Vettel als Kind und Jugendlicher jeden Schritt meiner Karriere verfolgt hat und heute davon profitiert. Er hat es mir zwar nicht erzählt, aber ich glaube, dass es so ist.
Ecclestone: Mir hat er’s gesagt. Ich kann das also bestätigen.
Schumacher: Darauf bin ich stolz. Und dass ich jetzt diesen Vorteil nicht mehr habe, ist doch normal. Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht mehr siegen kann. Vielleicht nicht mehr mit den Abständen, wie ich sie früher hatte, aber es wird funktionieren. Denn ich hatte ja nicht nur den Erfolg, weil ich der fitteste Typ war. Ich habe hart mit dem Team gearbeitet. Es war die Summe aus allem.
Ecclestone: Was Vettel betrifft: Er ist genauso intelligent wie Michael. Supertalentiert ist er auch. Und er ist vor allem ein verdammt netter Kerl. Es würde mich wundern, wenn er keine WM-Titel holt. Für mich ist er ein "Baby-Michael".
Schumacher: Er mag diese Vergleiche nicht. Mit Recht. Er ist dem doch längst entwachsen. Ich mochte auch nicht, wenn man mich immer mit Senna verglichen hat. Sebastians große Stärke ist, dass er im richtigen Moment die richtigen Fäden zieht. Deshalb ist er meiner Meinung nach auch besser als sein Teamkollege.
ABMS: Aber auch Fernando Alonso scheint von Ihnen gelernt zu haben. Wie bewerten Sie, dass er bei Ferrari schon jetzt den Teammanager spielt?

Schumacher Das kann ich nicht beurteilen, weil ich bei Ferrari nicht mehr involviert bin.
Ecclestone: Fernando hat einen anderen Charakter. Er kann bei Ferrari nicht erreichen, was Michael gelungen ist.

Autor: Bianca Garloff

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