Formel-1-Interview: Giancarlo Fisichella

Formel-1-Interview: Giancarlo Fisichella

— 04.12.2009

"KERS war Schuld"

Im Gespräch mit AUTO BILD MOTORSPORT verrät Fisichella, warum er im KERS-Ferrari so langsam war. Außerdem spricht der Italiener über Zukunftspläne und seine ehemaligen Teamkollegen Alonso und Sutil.

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Fisichella, war Ihr Wechsel von Force India zu Ferrari ein Fehler? Giancarlo Fisichella: Natürlich war mein Ferrari-Intermezzo nicht wirklich positiv. Aber es war der Traum meines Lebens. Der wurde jetzt wahr. Trotzdem war es hart, eine schwierige Situation. Der Motor war anders, das Fahrverhalten des Autos auch. Unglücklicherweise hatte ich nicht genug Zeit, Vertrauen ins Auto zu gewinnen. Ohne Testfahrten war der F60 so schwer zu fahren. Nichtsdestotrotz war es eine fantastische Erfahrung. Ich bin jetzt ein Teil der Ferrari-Familie und werde das als dritter Fahrer auch bleiben.
Bereuen Sie Ihren Wechsel dennoch manchmal? Immerhin waren Sie in Spa noch Zweiter, danach stets am Ende des Feldes. Nein, absolut nicht. Ich bin sehr stolz auf den Job, den ich bei Force India geleistet habe. Zusammen mit dem Team habe ich das Auto perfekt weiterentwickelt, der zweite Platz und die Pole-Position in Spa waren einfach fantastisch! Aber ich habe keinen Moment gezögert, als Ferrari mich angerufen hat. Und ich habe auch jetzt kein Problem damit, dass meine Zeit bei Ferrari nicht besonders erfolgreich war.

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Fisichella hatte große Schwierigkeiten mit dem Ferrari. In fünf Rennen blieb er ohne Punkt.

Aber was war passiert? Wie gesagt, das Auto verhielt sich komplett anders als der Force India, besonders beim Anbremsen. Das KERS-System erfordert einen ganz anderen Fahrstil. Ich hatte einfach kein Vertrauen ins Auto. Ich bin seit 15 Jahren so gefahren wie bei Force India und habe es einfach nicht geschafft, meinen Fahrstil an den Ferrari mit dem Hybridsystem anzupassen. Aber erinnern Sie sich bitte an die anderen KERS-Fahrer: Massa, Räikkönen, Hamilton, Kovalainen. Auch die haben zu Beginn der Saison sechs oder sieben Rennen gebraucht, um ihren ersten Punkt zu holen. Das heißt, auch sie hatten Schwierigkeiten sich auf KERS einzustellen.
Erklären Sie das bitte genauer! Ich war immer sehr aggressiv beim Runterschalten. Sowie ich aufs Bremspedal trat, habe ich runter geschaltet. Mit dem KERS-System war das anders. Da hast du gebremst, musstest mit dem Runterschalten aber warten, bis du in die Kurve eingebogen bist. Das war für mich einfach unmöglich. Deshalb kämpfte ich immer mit blockierenden Hinterrädern. Das Auto war unberechenbar.

Vor allem in der Qualifikation hatte Fisichella große Probleme

Ersatzmann: Badoer vertrat den verletzten Massa in Valencia und Spa. Er konnte nicht überzeugen und flog raus.

Also konnten Sie Luca Badoer ein bisschen besser verstehen, als Sie den Ferrari das erste Mal fuhren? Naja, also ich hatte nicht ganz dasselbe Problem wie er! Mein Problem war, das Auto zu verstehen und mich wohler zu fühlen. In Monza war ich ja auch eigentlich gar nicht so schlecht. Ich war weniger als eine halbe Sekunde langsamer als Kimi Räikkönen. Mein Hauptproblem war die Qualifikation, eine schnelle Runde. Im Rennen war ich meistens ähnlich schnell wie Kimi. Aber wenn du von hinten startest, musst du deine Strategie anpassen und erst einmal eine Menge Autos überholen, bis du in den Punkten landest. Das ist nicht leicht.
Wie viele Rennen hätten Sie denn noch gebracht, um Kimis Speed mitgehen zu können? Ein paar GP hätte ich schon noch gebraucht, um näher an Kimi ranzukommen. Aber so ist das Leben. Jetzt freue ich mich auf die nächste Saison und hoffe, vielleicht doch noch irgendwo ein Renncockpit zu bekommen. Wenn das nicht klappt, bin ich Ferraris dritter Fahrer in Vollzeit.

Ferrari ist ein besonderes Team

Als Sie in Monza als Italiener in dem italienischen Traditionsteam schlechthin an den Start gingen. Was war das für ein Gefühl? Es war einer der schönsten Momente in meinem Leben. Ich war so nervös, so aufgeregt. Es war einfach nur großartig! Aber grundsätzlich war das eine tolle Zeit für mich. Immerhin kam ich mit dem zweiten Platz aus Spa-Franchorchamps (Belgien) im Gepäck nach Monza. Zwei Tage später hatte ich den Vertrag mit Ferrari unterschrieben. Und eine Woche später fuhr ich im italienischen Monza einen Ferrari. Unglaublich!
Was macht Ferrari so speziell?

Die Atmosphäre im Team ist fantastisch, besonders, wenn du selbst Italiener bist. Und ich werde auf jeden Fall Ferraris dritter Fahrer bleiben, egal, ob ich noch irgendwo anders einen Rennsitz finde.
Sie wollen 2010 also doch wieder Rennen fahren?
Ich dränge nicht darauf, wie ich es früher gemacht habe. Mein Manager arbeitet daran. Wenn es klappt, bin ich froh. Wenn nicht, ist es auch kein Problem. Ich bin mehr als 230 Rennen gefahren, möchte aber nicht wieder in einem neuen Team ganz von vorne anfangen müssen.

Alonso wird 2010 mit Ferrari um den Weltmeister-Titel kämpfen

Neues Ferrari-Team: Felipe Massa, Neuzugang Fernando Alonso und Präsident Luca di Montezemolo (v.l.).

Fernando Alonso ist Ferraris neuer Schumi. Sie sind mit ihm schon zusammen bei Renault gefahren. Was erwarten Sie von ihm? Fernando ist ein fantastischer Fahrer: schnell, konstant, sehr fokussiert. Deshalb wird er im nächsten Jahr meiner Meinung nach auch wieder um die WM kämpfen. Das Auto muss natürlich gut sein, aber das wird es. Es wird leicht für ihn sein, sich im Team zurecht zu finden. Er spricht fantastisch italienisch und ist ein netter Junge. Er wird bei Ferrari keine Probleme haben wie bei McLaren. Er hat alles, um erfolgreich zu sein. Aber auch Felipe ist stark. Das wird eine gute Saison für Ferrari.
Noch eine Frage aus deutscher Sicht: Adrian Sutil war Ihr Teamkollege bei Force India. Was halten Sie von ihm? Er ist ein guter Fahrer, sehr gut auf einer schnellen Runde. Er hat sich schnell entwickelt, denn ich erinnere mich noch, wie er Anfang letzten Jahres zu kämpfen hatte. Aber er wurde besser und besser, konnte sogar in die Punkte fahren. Er braucht noch ein bisschen mehr Erfahrung, zum Beispiel, wie er im Rennen mit den Reifen umgeht. Aber das ist das einzige Gebiet, auf dem er sich noch verbessern muss.

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