Jenson Button Bernie Ecclestone

Formel 1-Interview mit Bernie Ecclestone und Sebastian Vettel

— 29.06.2011

"Seb ist der Beste"

AUTO BILD MOTORSPORT spricht mit Formel-1-Boss Bernie Ecclestone und Weltmeister Sebastian Vettel über den Saisonverlauf 2011. Und über schlechte Verlierer.

AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Ecclestone, Sie waren sich immer sicher, dass Sebastian Weltmeister werden würde. Warum eigentlich?
Ecclestone: Weil er es mir schon bei unserer ersten Begegnung 2006 in der Türkei, als er Freitagstests für BMW fuhr, gesagt hat. Und weil ich in seinen Augen sehen konnte, dass er es ernst meinte und bereit war, alles dafür zu tun.
 
Aber selbst, als Sebastian im vergangenen Jahr ein paar Rückschläge einstecken musste, haben Sie an ihn geglaubt.
Ecclestone: Ich war einfach überzeugt von Sebastians herausragendem Talent. Und wenn jemand so talentiert ist, führt das immer auch zum Erfolg. Ich selbst habe lange versucht meine Talente zu verstecken. Aber ich habe es auch nicht geschafft.
 

Bernie Ecclestone zu Vettels WM-Titel: "Wahrscheinlich habe ich einfach nur 'Gut gemacht' gesagt."

Wie haben Sie ihm zum WM-Titel gratuliert?

Ecclestone: Ich weiß gar nicht mehr, ob ich das überhaupt gemacht habe. Wahrscheinlich habe ich einfach nur "Gut gemacht" gesagt.
Stimmt das, Herr Vettel?

Vettel: Ganz genau. Und ich habe direkt in Abu Dhabi das Lineal von Bernie bekommen.
Welches Lineal?

Vettel: Auf diesem Lineal stehen alle Formel-1-Weltmeister drauf. Dazu der Spruch: „Nur für den Fall, dass Du Dir nicht bewusst bist, was passiert ist. Ich bin es.“
Ecclestone: Und das Silber-Telegramm, das alle Champions von mir kriegen, habe ich Dir auch geschickt.
 

Seb über Bernie: "Ich war total überrascht, wie er mich mit offenen Armen aufgenommen hat."

Man merkt es schon in den ersten zwei Minuten unseres Interviews: Sie beide sind wirkliche Seelenverwandte. Wie ist es dazu gekommen?

Ecclestone: Ich suche immer nach Backgammon-Partnern, die ich schlagen kann.
Vettel (grinsend): Und deshalb sind wir jetzt keine Freunde mehr.
Ecclestone: Richtig, denn Sebastian schlägt mich im Moment. Aber ich komme zurück.
Vettel: Im Ernst – ich kannte Bernie damals ja aus dem Fernsehen. Und ich war total überrascht, wie er mich mit offenen Armen aufgenommen hat, wie er mir von Anfang an auch Respekt entgegenbrachte. Das hat mich sehr beeindruckt. Genau wie sein Angebot, dass ich immer zu ihm kommen kann, wenn ich Probleme habe. Und ich erinnere mich noch: Als ich in der Türkei die Superlizenz bekommen habe, kam Bernie zu mir und sagte: Vermassele das jetzt nicht!
 
Herr Ecclestone, ein Weltmeister ist der erste Botschafter seines Sports. Aber Sie waren nicht mit jedem Weltmeister zufrieden. Wie gut macht Sebastian seinen Botschafterjob?
Ecclestone: Mir gefällt nicht, dass einige Fahrer so sehr unter der Fuchtel ihrer Sponsoren und Teams stehen und dadurch ihre wahre Persönlichkeit vor der Öffentlichkeit verstecken. Bei Sebastian ist das anders. Er ist immer noch er selbst. Allerdings auch, weil Red Bull und Dietrich Mateschitz ihn lassen.
Vettel: Stimmt.
Ecclestone: Jeder Formel-1-Fahrer, ganz besonders der Weltmeister, verdankt seinen Erfolg, sein Geld und seine Popularität dem Sport. Deshalb sollte er der Formel 1 etwas zurückgeben, offen und zugänglich sein. Ich hatte mich darum zum Beispiel über Fernando Alonso beschwert, der die Formel 1 als Weltmeister meiner Meinung nach nicht gut genug repräsentiert hat.
 
Sie haben Sebastian zu seinem Auftritt bei „Wetten dass?“ auf Mallorca begleitet. Welche Note bekam er dafür von Ihnen?
Ecclestone: Ich hatte zwar nicht die geringste Idee, was da vor sich geht, aber seine Körpersprache und die Reaktionen der Gäste auf seine Aussagen haben mir gefallen.  So stelle ich mir einen Weltmeister vor.
Vettel: Ich wusste ja, dass Bernie da ist. Deshalb habe ich versucht mich zu benehmen (lacht). Aber grundsätzlich: Rennautos zu fahren ist meine Leidenschaft. Die Formel 1 ist das höchste Level, auf dem ich mir und anderen beweisen kann, wie gut ich bin.Ich habe Spaß dabei und werde von anderen Leuten bewundert. Also ist es doch ein großes Privileg. Deshalb bin ich der Meinung: Was der Sport mir gibt, sollte ich dem Sport zurückgeben.
 

Vettel: "Ich würde – wenn ich müsste – sogar dafür zahlen, ein Formel-1-Auto fahren zu dürfen."

Apropos Podest: Was war bisher Ihr emotionalster Moment? Abu Dhabi 2010, Ihr Titelgewinn?

Vettel: Ich muss zugeben: In Abu Dhabi war ich auf dem Podest irgendwie verloren, total leer, hab gar nicht kapiert, was da vor sich geht. Es war schon ein Traum für mich, überhaupt mal ein Formel-1-Auto zu testen. Dann eins im Rennen zu fahren, auf dem Podest zu stehen, zu siegen, den WM-Titel zu holen. In dem Moment war mir das alles etwas zu viel. Aber ich habe gleich gemerkt: Das macht süchtig, davon willst du immer mehr.
Ecclestone: Und genau das ist, was zählt. Ich weiß, dass das bei Seb tatsächlich so ist. Das sollten wir jetzt vielleicht nicht zu laut sagen, aber ich bin mir sicher, dass Sebastian auch ohne Gehalt fahren würde, wenn Red Bull plötzlich kein Geld mehr hätte. Seb, damit schlage ich dir aber nicht vor, dich gratis anzubieten!
Vettel: Nein, aber genau das ist der Punkt. Bei all dem Glanz, der uns umgibt, vergessen einige, warum sie wirklich hier sind. Ich versuche die Füße auf dem Boden zu halten und fühle mich nicht besser als meine Freunde, die ich immer noch aus Schulzeiten habe. Ich habe etwas im Leben gefunden, das mir große Befriedigung verschafft. Und vom jetzigen Standpunkt aus gesehen würde ich – wenn ich müsste – sogar dafür zahlen, ein Formel-1-Auto fahren zu dürfen.
Ecclestone: Seb, das sollst du doch nur denken, es aber nicht sagen, Mann!
Vettel: Ja, aber so denke ich wirklich, denn ich wäre nicht so gut, wenn ich das, was ich mache, nicht so lieben würde. Geld ist für mich kein Antrieb.
 
Hat Bernie sich schon beschwert, dass Sie in diesem Jahr zu dominant sind?
Vettel: Nein.
Ecclestone: Sebastian ist jetzt in der Position, in der Michael mal war. Sebastian ist der Beste. Deshalb ist er so dominant. Das macht die Sache auch für die Zuschauer so interessant. Denn jetzt will auch jeder wissen, welcher Fahrer ist fähig, die Messlatte Sebastian Vettel zu schlagen. Das ist ein Teil der Spannung jeden Rennens.
 
Waren Sie überrascht, dass Sebastian nach dem Titelgewinn so überlegen ist?
Ecclestone: Nein. Weil er diesen absoluten Siegeswillen und im Moment alles hat, was man dazu braucht.
 
Haben die Konkurrenten denn diesen Willen nicht?
Ecclestone: Doch, vielleicht, aber ihnen fehlt das Gesamtpaket, das Sebastian sich selbst geschnürt hat. Ich denke, Sebastian ist besser als alle anderen. Er hat einfach mehr Talent.
 
Es gibt trotzdem Leute, die behaupten: Ferrari war so stark, weil sie Michael hatten. Und Sebastian, weil er Red Bull hat ...
Ecclestone: Das ist doch Blödsinn. Im Gegenteil. Die Konkurrenz, die Sebastian heute hat, ist doch viel größer als die, mit der sich Michael auseinanderzusetzen hatte. Das macht Sebs Siege doch noch viel wertvoller. Und ich sehe keinen Grund, warum er nicht auch eine Ära mit Red Bull startet wie Michael sie mit Ferrari hatte.
 

Ecclestone: "Seb ist ein bisschen wie Jochen Rindt. Immer die Füße am Boden, kein Erfolg der Welt würde ihn abheben lassen."

Herr Ecclestone, Sie haben schon so viele Champions erlebt: An wen erinnert Sie Sebastian am meisten?

Ecclestone: Er ist ein bisschen wie Jochen Rindt. Seb hat immer die Füße am Boden, kein Erfolg der Welt würde ihn abheben lassen. Das ist immens wichtig. Seb ist immer entspannt, er ist relaxt, alles geht ihm leicht von der Hand. Das war bei Jochen auch so. Zweitens: Beide sind extrem schlechte Verlierer.
Vettel: Oh ja, das bin ich ... auch beim Backgammon. Da schaue ich dann ähnlich wie nach meinem zweiten Platz in Kanada.
 
Was haben Sie eigentlich in Kanada vor zwei Wochen gedacht, als nach einer Safety-Car-Phase plötzlich Michael hinter Sebastian lag?
Ecclestone: Ich war am Ende nur enttäuscht, dass es Michael nicht aufs Podium geschafft hat.
Vettel: Ich war völlig entspannt. Weil ich wusste: Wenn ich Michael hinter mir halte, würde er mir eine Zeitlang die anderen vom Hals halten. (Vettel grinst). Denn wir wissen ja, wie breit Michaels Auto werden kann, wenn man ihn überholen will.
Ecclestone: Wenn man vom Teufel redet ...
In diesem Moment kommt Schumacher die Treppe hoch. Er guckt ein wenig irritiert, grüßt dann brav und setzt sich ins Nebenzimmer. Dort serviert ihm Ecclestone-Leibkoch Karl-Heinz  Zimmermann seinen samstäglichen Apfelstrudel.
 
Herr Vettel, kommen wir zurück zu Michael. Würden Sie nicht auch einmal eines Tages gern für Ferrari fahren. Des Mythos wegen?
Vettel: Grundsätzlich: Rennen gewinnen ist nicht einfach, Meisterschaften schon mal gar nicht. Wo auch immer. Ich fühle mich im Moment total glücklich bei Red Bull. Natürlich haben Ferrari und Mercedes einen gewissen Mythos. Aber ich beschäftige mich im Moment nicht damit. Wichtig ist, dass du mit dir im Reinen bist. Dass, wenn du nach Training oder Rennen in deinem Hotelzimmer voller Überzeugung in den Spiegel schauen kannst und sagen: „Ja, das bin ich, den ich da sehe. Ich bin zufrieden mit mir.“ Das war das Wichtigste für mich nach dem Titelgewinn in Abu Dhabi. Ich muss mir jetzt nichts mehr beweisen.
 
Könnten Sie sich dann auch vorstellen, dass Lewis Hamilton mit Sebastian in einem Team fährt?
Ecclestone: Sebastian muss sich um niemand Gedanken machen, der mit ihm fahren könnte. Noch mal: Weil er eben der Beste ist.
Vettel: Danke, Bernie! Im Ernst: Mir ist es völlig wurscht, wer mit mir fährt. Ich will der Beste sein, dass heißt: Ich will eh alle schlagen. Mit dem gleichen Auto oder mit einem anderen. Ich würde nie von einem Team verlangen, wer mein Teamkollege zu sein hat. Ich erwarte nur zwei Dinge von ihm: Ehrlichkeit und Respekt.
Ecclestone: Ja. Das fängt schon damit an, dass man doch heutzutage Fahrerverträge braucht, die 80 Seiten umfassen. Wozu? Doch nur, weil keiner dem anderen vertraut. Heute kommen Fahrer mit Sekretärin, Manager und Psychologen an die Strecke. Das ist doch alles Müll. Als ich Teamchef war, brauchte ich für einen Fahrervertrag maximal zwei Seiten. Wenn man sich vertraut, braucht man  nicht mehr.
 
Wie viele Seiten hatte ein Bernie-Ecclestone-Fahrervertrag, als Sie noch Teamchef waren?
Ecclestone: Zwei Seiten höchstens.
Vettel: Meiner hat heute bestimmt 50 Seiten.
 
Und zwischen Ihnen beiden? Wie viele Seiten hätte der Vertrag?
Vettel und Ecclestone: Keine!
Vettel: Natürlich ist Bernie ein harter Businessman. Aber er liebt, was er tut.
Ecclestone: Genau, sonst würde ich es nicht mehr machen.
Vettel: Bernie ist ein wahrer Gentleman. Das habe ich vom ersten Moment an gespürt. Deshalb vertraue ich ihm.
Ecclestone: Das Kompliment kann ich nur zurückgeben. Und damit Schluss für heute.

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach

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