Formel-1-Interview: Norbert Haug

Formel 1-Interview: Norbert Haug Formel 1-Interview: Norbert Haug

Formel-1-Interview: Norbert Haug

— 18.04.2007

Jungs, frech wie Oskar

Nach dem Doppelsieg von Malaysia und beiden Fahrern auf Platz eins der Gesamtwertung ist der Mercedes-Sportchef gefragter denn je.


AUTO BILD MOTORSPORT: Herr Haug, Gratulation zum Doppelsieg beim GP Malaysia. Sind Sie jetzt auf Augenhöhe mit Ferrari?
Norbert Haug: Das war ein guter Schritt nach vorn. Wir haben ein passendes Setup gefunden. Die Strecke hatte beim Rennen weitaus mehr Grip als bei unseren ersten Runden am Freitag. Wir haben uns über die drei Tage enorm gesteigert. Der Schlüssel zum Doppelsieg war eindeutig der Start. Da haben unsere Jungs frech wie Oskar überholt und so beide Ferrari ausgetrickst. Alle Fernsehzuschauer – fast fünf Millionen allein in Deutschland bei RTL und mit knapp 48 Prozent dem höchsten Marktanteil des gesamten Fernsehtages – haben dabei gesehen, dass die Formel 1 und wir mit Fernando und Lewis noch viel Spaß haben werden.

Wie gut sind jetzt Ihre Chancen auf den WM-Titel? Den peilen wir jedes Jahr seit 1998 an, haben ihn in Fahrer und Konstrukteurswertung in den neun Jahren seither dreimal geholt und sind achtmal Vize geworden. Zukunftsprognosen zu stellen macht uns nicht schneller und ist deshalb Zeitverschwendung. Ferrari hätte in Malaysia durchaus auch gewinnen können, und das wird auch eine Woche später in Bahrain der Fall sein, Weltmeister Renault hat bisher unterperformt, sonst wären sie mit uns vorn dabei. Und BMW Sauber lauert. Wir arbeiten weiter konzentriert und geben Gas.

Hat Ihr Neuzugang Lewis Hamilton Sie mit seiner erneuten Top-Leistung überrascht? Wir kannten seine guten Testzeiten, aber so etwas muss ein Neuling erst einmal im Rennen umsetzen. Dass er den Speed gehen kann, hat uns nicht überrascht. Aber dass er gleich zweimal so aufs Podium fährt, damit habe ich nur insgeheim gerechnet.

Lewis Hamilton, der britische Strahlemann, kann mit Rang eins in der Fahrerwertung die Reise nach Europa antreten.

Ist es schwierig, ihn wieder auf den Boden zurückzuholen? Überhaupt nicht. jemanden, der nicht abhebt, muss man auch nicht auf den Boden zurückholen. Wir kennen Lewis schon sehr lange und haben uns auch sehr stark gemacht für ihn. Er hat ja zwei Jahre in Deutschland im Rahmen der DTM in der Formel 3 Euro Serie verbracht. Danach fuhr er GP2 im Rahmen der Formel 1. Ich war bei seinen letzten 60 Rennen also live dabei – meist vor dem Fernsehmonitor. Und so jung der Bursche ist, für uns ist er ein Altbekannter, seit er als junger Bub bei Ron (Dennis; d. Red.) um Förderung angefragt hat. Lewis hat hohe Rennintelligenz, ist sehr ehrgeizig und trotzdem ein netter Junge geblieben.

Wie muss man mit so jungen Fahrern wie Lewis oder auch Sebastian Vettel umgehen, um sie nicht zu verheizen? Ich glaube, dass Lewis derzeit eine Stufe weiter ist als Sebastian. Ich freue mich zwar, dass mit Vettel ein weiterer Deutscher gefördert wird, aber Lewis ist eben schon seit zehn Jahren einer von uns. Man muss sie sich entwickeln lassen und dabei ihr volles Vertrauen gewinnen.


Einer der Nachwuchspiloten, die Haug immer im Visier hat. Nicolas Hülkenberg hat gerade vorzeitig den A1GP-Weltmeistertitel eingefahren.

Haben Sie dennoch auch die deutschen Fahrer im Blick? Klar haben wir das. Aber unsere erste Aufgabe in der Formel 1 ist es, das beste Auto zu bauen. Dann kriegt man auch alle Fahrer, die man haben will. Nicolas Hülkenberg fährt jetzt im ASM-Team mit Mercedes-Motoren und starker Konkurrenz in der Formel 3 Euro Serie. Dort kann er zeigen, was er kann.

Haben Sie den Eindruck, dass Fernando Alonso die interne Rivalität mit Hamilton gefällt? Wenn Fernando wählen könnte, würde er immer den allerschnellsten Teamkollegen nehmen. Das würde ich auch wollen. Denn nur dann weiß ich, wo ich wirklich stehe. Wenn es sich einer leicht machen will, dann wird er nicht Formel-1-Rennfahrer. Und er wird schon gar nicht ein Alonso.

Was für ein Typ ist er? Ein total authentischer Mensch. Einer, der viel Freude und Motivation mit ins Team bringt. Ein toller Profi und vor allem ein sehr, sehr liebenswerter Mann. Wobei, das muss ich auch ganz klar sagen: Ob das unseren dritten Fahrer Pedro de la Rosa betrifft oder unsere Ex-Fahrer Kimi Räikkönen und in weiten Phasen sogar Juan Pablo Montoya: Fahrer waren nie unser Problem. Gut, voriges Jahr war das keine optimale Ausgangsposition: Kimi war im Kopf womöglich schon bei seinem neuen Team. Juan hat eigentlich nur versucht, sich an Kimi zu messen. Da war die Chemie nicht mehr die allerbeste. Trotzdem hatten wir zwei gute Fahrer und nicht das optimale technische Rüstzeug.

Der MP24-Silberpfeil von McLaren-Mercedes lehrt die "Roten" das fürchten.

McLaren-Geschäftsführer Martin plant pro Rennwochenende zwei Zehntelsekunden Zeitgewinn für die Silberpfeile. Wo aber hat Ferrari noch Vorteile? Seit dem Saisonstart in Melbourne haben wir mindestens zwei Zehntel gefunden. Der Ferrari geht exzellent mit den Reifen um. Ich kann keine Klage über Bridgestone loswerden, aber da haben wir noch Verbesserungspotenzial. Wir müssen die Reifen noch besser verstehen. Traktion, Bremsverhalten – all das sind Kleinigkeiten, aber wenn ein Kurs 15 oder 20 Kurven hat, und es ist bei jeder Lenkbewegung nur ein halbes Zehntel, dann kommt natürlich schnell über eine halbe Sekunde zusammen.

Wie kann man in den heutigen Zeiten von Einheitsmotoren, Einheitsreifen und Testbeschränkung aufholen? In vielen Bereichen, an Aerodynamik, Mechanik, Fahrwerk. Und beim Motor zum Beispiel an der Airbox. Wo man früher vielleicht drei, vier oder zehn PS gefunden hat, werden jetzt 0,8 PS gefunden. Der Motor ist trotzdem ein enorm wichtiger Bestandteil eines Formel-1-Autos. Seine Fahrbarkeit, der Spritverbrauch, der Temperaturbereich, in dem er eingesetzt werden kann. Hier überall haben wir uns seit 2006 noch mal deutlich gesteigert. Und selbst wenn wir nur Kleinigkeiten verbessern dürfen, merkt der Fahrer das enorm.

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