Formel 1-Interview

Sutil, Hülkenberg und Glock im Gespräch Sutil, Hülkenberg und Glock im Gespräch

Formel 1-Interview: Sutil, Hülkenberg und Glock im Gespräch

— 21.07.2010

So tippt das deutsche Trio

Adrian Sutil, Nico Hülkenberg und Timo Glock sind voller Vorfreude auf den Deutschland-GP. Im Interview sprechen sie außerdem über ihre erste Saisonhälfte, bewerten sich gegenseitig und tippen den Weltmeister.

AUTO BILD MOTORSPORT: Sie sind die Hälfte der deutschen Nationalmannschaft in der Formel 1. Fühlen Sie sich tatsächlich wie ein Team?
Sutil: Das ist bei uns ein bisschen anders. Wir fahren ja nicht alle zusammen in einem Team. Motorsport ist ein einsamer Sport. Selbst der Teamkollege ist dein Gegner. Der erste sogar, den du schlagen willst. Die Formel 1 ist zwar ein Teamsport, aber da geht es nur um dich, dein Auto und deine Ingenieurscrew.
Glock: Im Grundsatz ist das natürlich vollkommen richtig. Aber wir Deutschen kreisen ja das Formel 1-Feld ein bisschen ein, was man mit der Aufstellung im Fußball vergleichen könnte. Ich bin sozusagen der Libero, der hinten den Kasten sauber hält. Hülkenberg und Schumacher sind derzeit in der Abwehr. Rosberg und Adrian im Mittelfeld und Vettel ist unser einziger Stürmer.
Der deutsche Grand Prix steht vor der Tür. Wie wichtig ist Ihnen das Heimspiel?
Sutil: Ich freue mich sehr, weil ich die Strecke gerne mag. Ich bin dort mit jeder Serie gefahren und war früher immer recht erfolgreich. Die Stimmung im Motodrom ist einfach super.
Glock: Geht mir nicht anders. Hockenheim ist gerade mal 40 Minuten entfernt von meinem Heimatort Wersau. Auch ich habe dort viele Rennen gewonnen. Wenn du als Libero hinten drin stehst, ist es aber nicht ganz so spannend, wie für Sebastian Vettel, weil die Fans natürlich denjenigen anfeuern werden, der um die WM fährt.
Hülkenberg: Da muss man jetzt nicht so sentimental werden. Klar ist es schön im eigenen Land zu fahren. Deutsche Brötchen morgens, das ist schon mal sehr befriedigend.

Nachrichten aus der Formel 1

Enttäuschender Beginn: Virgin-Pilot Glock musste in den ersten zehn Rennen fünfmal sein Auto vorzeitig abstellen, einmal konnte er gar nicht starten.

Zehn Rennen sind gefahren. Wir haben Halbzeit in der Formel 1. Ziehen Sie mal für den jeweils anderen Bilanz! Wie zum Beispiel macht Timo Glock in diesem Jahr seinen Job?
Hülkenberg: Richtig sch...!
Glock: Wenn man die Resultate sieht, gebe ich Dir Recht! Aber ich muss natürlich auch sagen: Ich hätte schon gerne die zwei Autos meiner beiden Kollegen!
Sutil: Das hätte ich früher auch immer gesagt. Aber im Moment habe ich von uns dreien wohl das beste Auto. Und ich bin auch super zufrieden. In Hockenheim wird’s noch mal besser als in Silverstone (Platz acht; d. Red.), denn dort sollte unser F-Schacht auf den langen Geraden richtig gut funktionieren.
Tut Timo Glock Ihnen beiden, Herr Sutil und Herr Hülkenberg, manchmal leid, wenn Sie sehen, wie er mit seinem Virgin kämpfen muss?
Hülkenberg: Ich habe ja auch Rennen, in denen ich überrundet werde und die Spitze einfach so an mir vorbeifliegt. Dann bin ich immer neidisch und denke: Haben die das gut mit so viel Haftung! Aber wenn ich dann an Timo vorbeifahre, muss er ja doppelt neidisch sein!
Sutil: Für Timo ist es ja noch schlimmer, weil er mit Toyota in einem Topteam angefangen hat. Und jetzt ist er mit einem ganz neuen Team so viel langsamer. Ich kenne das aber selbst auch. Ich habe drei Jahre in so einer Mannschaft verbracht. In meinem ersten Jahr wusste ich gar nicht, wieso ich da überhaupt mitfahre. Du bist voll am Limit, kämpfst wahnsinnig, schwitzt wie verrückt im Auto und die anderen fahren einfach so an dir vorbei.
Hat Ihnen die Zeit trotzdem etwas gebracht?

Sutil: Ja, doch. Die schlechten Zeiten bringen am meisten, denn sie machen dich härter.
Glock: Ich bin schon durch genügend schlechte Zeiten abgehärtet. Aber ich blende jetzt halt die 18 schnellen Autos vor uns aus. Ich kämpfe gegen Lotus und HRT. Nur so kann ich mich motivieren. Abgesehen davon, weiß ich zu schätzen, was andere haben. Der Red Bull ist ein Traum, einfach schon vom zuschauen.
Sutil: Letztendlich werden wir bezahlt, um unseren Job gut zu machen. Schneller als das Auto kannst du aber nun einmal nicht fahren. Trübsal blasen, nur weil die anderen ein besseres Auto haben, ist kontraproduktiv. Wenn ich mit meiner Leistung zufrieden bin, bin ich glücklich. Und das ist in einem schlechten Auto weitaus schwieriger als in einem guten.

Glock: "Nico hat in der GP2 bewiesen, dass er Auto fahren kann."

Amtierender Meister: 2009 gewann Williams-Lenker Hülkenberg die GP2 deutlich mit 25 Zählern Vorsprung.

Herr Hülkenberg, Sie sind der einzige deutsche Neuling. Wie bewerten Sie Ihre erste Saisonhälfte?
Hülkenberg: Ganz klar mit einem Minus. Letztes Jahr war mein Team mit Nico Rosberg regelmäßig in den Top Ten. Und jeder hat gedacht, in diesem Jahr legen wir noch eine Schippe drauf. Aber es kam eher andersherum. Kein Speed, technische Probleme und ich habe zu viele Fehler gemacht.
Glock: Nico muss den Druck jetzt einfach ausblenden. Aber er weiß selbst gut genug, wie er damit umzugehen hat. Nico ist in einer ähnlichen Situation wie ich sie bei Toyota hatte. Er hat mit Rubens Barrichello einen Teamkollegen, der sehr erfahren ist. Bei mir war das Jarno Trulli, der Überqualifyer. Und jeder hat mich nur an Trulli gemessen. Aber das ist seine erste Saison. Jeder weiß, dass er Auto fahren kann. Das hat er in der GP2 gezeigt. Und das wird er auch noch in dem einen oder anderen Rennen zeigen. Und dass du in deinem ersten Jahr ein paar Fehler machst, ist völlig normal.
Herr Sutil, Sie sind hier am Tisch wohl der Einzige, der richtig zufrieden ist.

Sutil: Ja. Ich habe zu Saisonbeginn gehofft, dass wir regelmäßig unter die ersten Zehn fahren. Das tun wir. Es dauert eben drei, vier Jahre, bis du dir den Respekt der Mannschaft erarbeitet hast. Jetzt endlich liegt mein Force India fast so, wie ich es will. Und auch ich selbst habe aus meinen Fehlern gelernt. Letztes Jahr hatte ich erstmals ein gutes Auto, habe damit aber oft zu viel riskiert. Jetzt bin ich im Auto entspannter, ruhiger und weiß, was ich kann. Deshalb kann ich mehr Leistung bringen. Super Saison, so kann’s weitergehen.

Ferrari gegen McLaren 2:1

Haben Sie ein Traumteam, für das Sie gerne mal fahren würden?
Sutil: Rot! Ferrari. Ganz einfach weil Ferrari geil ist. Auch McLaren und Mercedes sind supercool, aber Ferrari ist irgendwie speziell. Auch wenn sie jetzt gerade nicht das beste Team sind.
Glock: Ich glaube, Ferrari steht bei jedem ganz oben auf der Liste. Aber auch McLaren ist ein Team mit einer langen Historie und klasse Erfolgsaussichten. Letztes Jahr hat es mich extrem beeindruckt, wie sie aus einer Gurke noch ein Siegerauto gemacht haben. Und na klar, Mercedes ist für einen deutschen Fahrer natürlich auch ein Traum.
Hülkenberg: Ich stehe wie Adrian eher auf Ferrari. Wegen den Emotionen, der Leidenschaft, der Tradition.
Sutil: Wenn du groß bist, willst du Formel-1-Fahrer sein und einen Ferrari besitzen. Das ist doch der Wunsch jedes kleinen Jungen.
Mercedes steht also nur auf Timo Glocks Liste weit oben. Ist das Team noch nicht gut genug?
Sutil: So ist das nun auch wieder nicht! Ich finde, dafür, dass das Team noch so jung ist, sind sie ganz gut gestartet. Zuletzt allerdings haben sie etwas verloren, immerhin habe ich Michael Schumacher jetzt schon ein paar Mal überholt. Nico (Rosberg; d. Red.) macht einen guten Job, holt das Beste aus dem Auto raus. Aber die Erwartungshaltung ist sehr hoch. Wenn man Mercedes kennt, weiß man, die wollen gewinnen. Deshalb muss jetzt schon noch was kommen. Aber früher oder später werden sie gewinnen.
Glock:
Genau, auch in meinen Augen ist das nur eine Frage der Zeit. Die brauchen eben ein halbes, dreiviertel Jahr, um Struktur ins Team zu bringen. Und wenn du ein klitzekleines Problem am Auto hast, tust du dich in der heutigen Formel 1 schwer, das auszusortieren. Aber Ross Brawn ist dafür bekannt, dass er radikale Wege geht. Damit meine ich, dass er das Jahr bald vergessen und für 2011 entwickeln wird.
Hülkenberg: Stimmt schon. Die Erwartungen waren hoch, aber Mercedes wird sich schon zu helfen wissen.

Hülkenberg: "Michael wird nicht am Saisonende aufhören."

Rückkehrer: Schumacher konnte sich noch nicht an der Spitze behaupten. Bestes Ergebnis: P4 in Spanien und der Türkei.

Und wie lautet Ihr Urteil zu Michael Schumachers Comeback?
Sutil:
Für sein erstes Jahr nach drei Jahren Pause macht er keinen schlechten Job. Er ist schnell und fordert Nico ganz schön. Er ist siebenmaliger Weltmeister. Das kann ihm keiner nehmen. Und wenn er entschieden hat, dass er lieber Rennen fährt als entspannt zu Hause zu sitzen, dann kann ich das sehr gut nachvollziehen.
Hülkenberg: Das ist alles relativ. Er hatte Langeweile und wollte wieder Rennen fahren. Das kann ich schon verstehen. Natürlich will er erfolgreich sein, weil es besser aussieht. Aber das kann ja noch kommen. Vielleicht hat Michael nächstes Jahr wieder ein super Auto und gewinnt wieder. Ich glaube jedenfalls nicht, dass er Ende des Jahres schon wieder aufhört.
Glock: Aus meiner Sicht schlägt sich Michael gut, aber ich weiß selbst, wie es ist, wenn das Auto nicht zu dir passt.
Herr Sutil, Sie haben Michael Schumacher dieses Jahr schon einige Male überholt. Wie war das?
Sutil: Für mich ist es kein großer Unterschied, mit wem ich kämpfe und wen ich überhole. Wichtig ist es, dass es fair zu Sache geht. Trotzdem hat es immer einen guten Nachgeschmack einen siebenmaligen Weltmeister zu überholen. Das tut gut.

Lewis Hamilton ist der Favorit auf den Weltmeistertitel

Gelten als Favoriten: Tabellenführer Hamilton (l., McLaren Mercedes) und der Viertplatzierte Sebastian Vettel (Red Bull).

Wer wird Weltmeister?
Glock:
Vettel.
Sutil: Hamilton.
Hülkenberg: Hamilton
Herr Sutil, warum glauben Sie an Hamilton?
Glock:
Weil’s sein Busenfreund ist!
Sutil: Genau, deshalb kann ich ihn ja auch so gut einschätzen. Wir sind ein Jahr zusammen gefahren und er ist für mich der stärkste Fahrer. Er hat zwar nicht das stärkste Auto, die Red Bull hätten jetzt schon Weltmeister sein müssen. Aber Vettels Team schöpft sein Potential nicht aus. McLaren macht das sehr viel cleverer. Die haben zwei super Fahrer, die alles richtig machen und nicht gegeneinander arbeiten, wie Vettel und Webber. Fahrerisch passt es bei Sebastian schon, aber sein Team macht zu viele Fehler – auf und neben der Strecke.
Glock: Ich bleibe trotzdem bei Vettel, weil er über das Jahr hinweg das bessere Auto haben wird. Und Webber ist für mich kein Überflieger, schnell, aber kein Supertalent.
Hülkenberg: Halt! Fahrer können sich ja auch entwickeln! Wenn Webbers Ruf vor ein paar Jahren noch nicht der beste war, kann das jetzt anders sein. Früher bei Ferrari hat Michael meinem jetzigen Teamkollegen Rubens Barrichello regelmäßig ein paar Zehntel aufgebrummt. Ich glaube nicht, dass Michael noch einmal so viel schneller wäre, wenn er jetzt in meinem Williams sitzen würde.
Glock: Du musst alle Fahrer an einem Tag ins selbe Auto setzen, dann sind wir alle innerhalb von zwei Zehnteln.
Sutil: Aber du musst die Runde dann auch unter Druck hinbekommen, im Zweikampf stark sein, ein Rennen lesen können. Und da gibt es Riesenunterschiede. Das ganze Paket muss stimmen, denn Formel 1 ist hauptsächlich Kopfsache.
Und was muss passieren, dass auch Sie in Top-Autos sitzt?
Glock: Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.
Sutil:
Genau.
Hülkenberg: Und den Teamkollegen bügeln.

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