Alonso: Seine größten Unfälle

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Formel 1: Jackie Stewart im Interview

— 30.03.2016

„Rugby ist gefährlicher als Formel 1“

F1-Veteran Jackie Stewart spricht im Interview mit ABMS über die Sicherheit im Rennsport und die guten alten, aber auch gefährlichen Zeiten der Formel 1.

Herr Stewart, Sie haben lange vor Lewis Hamilton als erster Brite drei WM-Titel geholt. War es zu Ihrer Zeit schwieriger, Weltmeister zu werden?

Bei den Fans steht Stewart immer noch hoch im Kurs

Jackie Stewart (76): Ja, weil in meiner Ära so viele gute Fahrer gegeneinander fuhren - noch mehr als heute mit Hamilton, Vettel und Rosberg. Wir hatten Graham Hill, Jim Clark, Jack Brabham, Jochen Rindt, François Cevert, Mario Andretti und, und, und. Wichtiger aber: Die Autos waren alle auf einem ähnlich hohen Niveau. Stellen Sie sich nur mal vor: Wir sind alle mit dem gleichen Triebwerk unterwegs gewesen, einem Ford-Cosworth-Motor. Das hat den Fahrer natürlich wichtiger gemacht und die Rennen spannender. Heute ist das leider anders. Meistens dominiert ein Team: Ferrari mit Schumacher, Red Bull mit Vettel, Mercedes mit Hamilton. Die Dominanz ist so groß, dass andere Fahrer sich nicht mehr in der Formel 1 beweisen können! Nur in anderen Serien. Zum Beispiel Nico Hülkenberg: Der gewinnt plötzlich die 24 Stunden von Le Mans, dabei fiel er vorher nur Insidern auf.
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Rennfahren in Ihrer Zeit war extrem gefährlich, es gab viele Tote. Wie glücklich schätzen Sie sich, dass Sie Ihre Karriere überlebt haben?

Schrille Klamotten trägt der Dreifach-Champ auch 2016

Ich weiß, dass ich viel Glück hatte. Ich habe viele meiner Freunde und Kollegen sterben sehen und ihre Särge zu Grabe getragen. Mit Jim Clark (tödlich verunglückt bei einem Formel-2-Rennen in Hockenheim 1968; d. Red.) habe ich ein Apartment in London geteilt. Graham Hill (tödlich verunglückt bei einem Flugzeugabsturz 1975; d. Red.) war mein Teamkollege, François Cevert (tödlich verunglückt in Watkins Glen 1973; d. Red.) mein Freund. Es waren die 'Swinging Sixties'. Wir haben verrückte Klamotten getragen, komische Koteletten gehabt, das Leben in vollen Zügen genossen. Aber es gab viele traurige Momente.

Trotzdem schwärmen Sie von dieser Zeit...

Good times: Stewart (r.) mit Cevert (l.) und seiner Frau

Ja, die Formel 1 war anders als heute. Die Kameradschaft war größer. Wir waren eine große Gemeinschaft, sind zusammen gereist und haben zusammen gelebt. Meine Frau war zum Beispiel für die Zeitnahme zuständig. Die Freundinnen von heute haben doch nichts mehr zu tun im Fahrerlager. François Cevert hatte gleich einige Freundinnen, sie waren auch alle gut im Zeitstoppen (lacht). Außerdem waren sie glamourös. Diese Atmosphäre ist verloren gegangen - und dadurch auch ein wenig die Faszination für die Formel 1.

Gehörte das Risiko zur Faszination dazu?

Nein. Es sollte den Leuten nicht erlaubt sein, von einem Unfall oder dem Tod fasziniert zu sein. Die Formel 1 hat einen super Job gemacht. 21 Jahre lang ist bis zum Tod von Jules Bianchi kein Pilot mehr gestorben, der im Rennen verunglückte (Suzuka 2014; d. Red.), trotz Rad-an-Rad-Duellen bei Tempo 300. Ich habe Jochen Rindt sterben sehen und François Cevert. Ich wünsche niemandem, dass er nach solchen Anblicken wieder fahren muss.

Wie haben Sie die Unfälle verarbeitet?

Nach dem Monza-Unfall spricht Stewart mit Nina Rindt

Solche Ereignisse waren tragisch, aber man gewöhnte sich daran. Menschen und besonders Rennfahrer sind komische Wesen. Als Jochen Rindt 1970 in Monza starb ­- er war einer meiner besten Freunde -, war ich gerade nicht auf der Strecke. Als ich vom Unfall erfuhr, sagte ich seiner Frau Nina, sie solle sich keine Gedanken machen: Ich würde nach ihm schauen. Bei der Rennleitung sagte man mir, er sei okay. Anschließend ging ich zu diesem primitiv eingerichteten Medical Center. Jochen lag auf der Ablagefläche eines Pick-up-Trucks. Da wusste ich sofort, er ist tot. Er hatte offene Wunden an seinen Beinen, die nicht mehr bluteten. Das Herz hatte bereits aufgehört zu schlagen. Sie haben ihn dann per Krankenwagen abtransportiert.

Und dann?

40 Minuten später saß ich schon wieder in meinem Auto. Ich war in Tränen aufgelöst, als ich einstieg. Aber es gibt da ein Sprichwort: Wenn das Visier runtergeht, gehen die Lichter aus. So war es auch bei mir. Ich bin drei Runden gefahren. Die zweite war meine schnellste und hat mich in die zweite Startreihe katapultiert. Ich bin in Monza eine so schnelle Runde nie wieder gefahren. Es hatte nichts mit Wut zu tun. Ich habe einfach nur meinen Job erledigt und bin das Qualifying gefahren, ohne an meinen Freund oder die Gefahr zu denken. Rennfahrer sind wie Tiere. Wir haben die Fähigkeit, alles andere auszublenden und uns nur aufs Fahren zu konzentrieren. Das ist etwas, das nicht menschlich ist und nicht normal.

Nach dem Tod Ihres Freundes und Teamkollegen Cevert sind Sie nie mehr ins Auto gestiegen.

Stewart beim Begräbnis von IndyCar-Pilot Justin Wilson

Er ist auf die schlimmste Art und Weise umgekommen, auf die ein Mensch sterben kann. Ich wünsche niemandem, das zu sehen, was ich sehen musste (Ceverts Körper wurde von einer Leitplanke durchtrennt; d. Red.). Heutzutage passiert so etwas Gott sei Dank nicht mehr. Jules Bianchi hatte Pech. Riesenpech. Alles Unglück der Welt kam in diesem Moment zusammen. Es war eine Ausnahme, deshalb wussten die Burschen auch kaum, wie sie mit Jules' schrecklichem Schicksal umgehen sollten. Für die jetzige Fahrergeneration ist der Tod kein Alltag mehr. Die Sicherheit wurde enorm verbessert. Heute ist Rugby gefährlicher als die Formel 1!

Autoren: Ralf Bach, Bianca Garloff

Fotos: Picture-Alliance / Getty Images

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