Formel 1: Jean Todt im Interview - Teil 1

Formel 1: Jean Todt im Interview - Teil 1

— 04.03.2016

Hatte Angebot von deutschem Hersteller

Der FIA-Präsident im großen Interview mit AUTO BILD MOTORSPORT. In Teil 1 spricht Jean Todt über seine Anfänge im Rennsport und bei Ferrari in der F1.

Herr Todt, herzlichen Glückwunsch zu Ihrem 70. Geburtstag und zu 50 Jahren im Motorsport. Was hat Sie über einen so langen Zeitraum so erfolgreich gemacht?

Jean Todt (70): Menschen, Leidenschaft, Motivation und Hingabe. Das Geheimnis ist es die richtigen Leute um sich herum zu versammeln. Ich bin praktisch der Dirigent und muss die besten Musiker zu einem großen Orchester vereinen. Klappt das, ergibt das ein wunderschönes Konzert.

Erinnern Sie sich noch an Ihr erstes Mal in einem Rennwagen?

Auch mit 70 noch schwungvoll und dynamisch: FIA-Präsident Jean Todt heute

Ich habe eine Passion für Autos. Ich liebe ihren Sound, ich liebe Rennen und Wettbewerb. Jim Clark (deutet auf ein Foto an Wand) war mein großer Held... Auch ich wollte Rennfahrer werden, stellte dann aber fest, dass mein Talent nicht ausreicht. Ich konnte am Steuer kein Geld verdienen, wurde aber ein sehr begehrter Co-Pilot. Ich habe den Job des Beifahrers mit meiner Arbeit praktisch zum Beruf gemacht. Mein Ziel war es aber schon früh zum Rennleiter aufzusteigen.

Was war dort Ihre größte Herausforderung?

Ich hasse diese Fragen nach der schönsten Erinnerung oder dem größten Erfolg. Sie sagen es ja selbst: Ich war 50 Jahre in diesem Business. Sie können sich also vorstellen, dass ich nicht diese eine beste Erinnerung habe (lacht). Als ich bei Peugeot angefangen habe, war die Konkurrenz sehr stark. Audi hatte mit dem Quattro ein sehr innovatives Auto und mit Walter Röhrl oder Michele Mouton sehr talentierte Fahrer. Lancia hatte eine große Rallye-Historie. Und wir? Wir hatten nichts.

Trotzdem haben Sie zwei Fahrer- und zwei Hersteller-Titel gewonnen. Dann wurde die Gruppe B abgeschafft, weil sie zu gefährlich war. Sie haben anschließend viermal die Rallye Dakar gewonnen und später auch die 24 Stunden von Le Mans.

Jean Todt in jungen Jahren als Ferrari-Rennleiter

Und danach war die Zeit reif für eine neue Herausforderung. Aber ich persönlich, das muss ich jetzt zugeben, war nicht mehr interessiert am Rennsport. Ich wollte im Unternehmen aufsteigen. Ich habe also vorgeschlagen, dass Peugeot in die Formel 1 gehen sollte. Ich selbst wollte aber in anderen Bereichen aktiv werden. Diese Chance hat mir Peugeot aber nicht gegeben.

Also gingen Sie zu Ferrari.

Ich hatte verschiedene Angebote. Eines auch von einem von einem großen Hersteller in Deutschland. (lächelt wissend)

Dürfen wir fragen von welchem?

Pflegt gute Kontakte nach Deutschland: Todt mit ADAC-Chef Tomczyk & DMSB-Boss Stuck

Das dürfen Sie, aber ich werde es nicht verraten (lacht). Wenn Du ein Motorsportfan bist, ist Ferrari eine ikonische Marke. Viele Leute haben mir davon abgeraten in Maranello anzufangen. Ihre Begründung: Die Italiener können nicht arbeiten. Aber das war gefährlich: Denn je mehr man mir sagte, ich würde mit Ferrari keinen Erfolg haben, desto mehr reizte mich die Aufgabe.

Eine Ihrer ersten Amtshandlungen war, dass Sie den Italienern verboten haben, während der Arbeitszeit Rotwein zu trinken. Warum?

Es ist wahr, dass ich entschieden habe eine gewisse Ordnung einzuführen. Zigarettenstummel haben auf dem Fußboden eines Formel-1-Werkes nichts zu suchen. Eine F1-Fabrik muss klinisch rein sein. Und natürlich müssen die Ingenieure und Mechaniker in einem guten Zustand sein, um ihren Job erfolgreich auszuüben. Dazu gehört, dass man während des Mittagessens keinen Alkohol trinken sollte. Ich habe einfach für normale Verhältnisse gesorgt.

Bevor Sie Michael Schumacher zu Ferrari geholt haben, wollten Sie Ayrton Senna verpflichten.

Statt Senna zu holen, hielt Todt bei Ferrari an Gerhard Berger (Bild) und Jean Alesi fest

Das stimmt. Er wollte für Ferrari fahren und Ferrari wollte ihn. Weil er der beste Fahrer war. Ich hatte ein langes Treffen mit ihm vor dem GP Italien in Monza 1993.  Wir waren im selben Hotel, in der Villa d'Este am Comer See. Er kam abends gegen 10 Uhr in mein Zimmer und wir diskutierten zwei Stunden lang. Ich war fasziniert vom Klang seiner Stimme. Er sprach sehr langsam und extrem klar. Er sagte, er wolle schon im nächsten Jahr für Ferrari antreten, 1994 also. Wir hatten mit Alesi und Berger aber zwei Fahrer unter Vertrag. Seine Antwort: 'In der Formel 1 haben Verträge keinen Wert.' Für mich schon. Als ich ihn dann erneut anrief, um ihm ein Angebot für 1995 zu machen, lehnte er ab. Da hatte er sich schon für Williams entschieden.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews, wie Todt und Schumacher Ferrari zurück auf die Siegerstraße führten: Todt über Schumi und Vettel

Autor: Bianca Garloff

Fotos: Picture-Alliance

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.

 
Zur Startseite