Jean Todt

Formel 1: Jean Todt im Interview - Teil 2

— 04.03.2016

Vettel kann neun Titel holen

Der FIA-Präsident im Interview mit AUTO BILD MOTORSPORT. In Teil 2 spricht Jean Todt über Sebastian Vettel, seine Zeit mit Schumi und dessen Skiunfall.

Herr Todt, Sie sind heute FIA-Präsident, in Deutschland kennt man Sie aber vor allem als Ferrari-Teamchef von Michael Schumacher. Warum haben Sie ihn 1996 verpflichtet?

Jean Todt (70): Für mich war er der einzige Fahrer zu der Zeit, der Ferrari wieder zum Weltmeister machen konnte. Es war die Kombination aus Talent, Hingabe, Loyalität. Und er war eine Referenz für die Techniker. Wenn es schlecht läuft, dann neigen die Italiener – das hat man auch in den letzten Jahren gesehen – dazu, sich gegenseitig die Schuld zuzuweisen. Die Chassisbauer sagen, es liege am Motor. Die Motoringenieure sagen, das Chassis sei zu schlecht. Oder wir haben nicht die richtigen Fahrer. Indem ich Michael verpflichtet habe, habe ich zumindest eines dieser Probleme gelöst.

Welcher war der schönste Moment in Ihrer gemeinsamen Zeit mit Michael?

Feierten zusammen ihre größten Erfolge: Todt jubelt als Teamchef mit Rekordweltmeister Schumacher

(zeigt auf ein Foto an der Wand, auf dem Schumacher Todt auf einem Podium in die Höhe stemmt). Suzuka 2000. Der erste WM-Titel. Wir waren durch so viele harte Zeiten gegangen und haben uns gefragt, ob wir es überhaupt jemals schaffen den Titel zu holen. Als es dann soweit war, wusste ich, dass das Gefühl nicht besser werden kann. Wir hatten den Höhepunkt erreicht – obwohl noch so viele Titel vor uns lagen.  Jetzt hat Vettel vier Titel, Hamilton drei. Michael hat so viele wie beide zusammen. Das zeigt, wie großartig seine Leistung war.

Zwischen Ihnen hat sich eine Freundschaft entwickelt.

Wir schätzen uns so sehr, weil wir gemeinsam eine unglaubliche Geschichte geschrieben haben. Und weil wir in schweren Zeiten immer zusammengehalten haben. Dazu gehörte auch dieser dumme Unfall mit Jacques Villeneuve in Jerez 1997. Da hat er einen Fehler gemacht. Aber ich habe ihn weiter unterstützt und geschützt. Michael mag damals kein besonders großer Redner gewesen sein, aber ein tiefsinniger Mensch. Und dieses Erlebnis hat ihn mit dem Team und mit mir als Teamchef zusammengeschweißt.

Ist Vettels Anfangszeit mit Ferrari heute mit der von Schumacher damals zu vergleichen?

Das Erfolgsteam Anfang des Jahrtausends: Schumi, Todt, Präsident Montezemolo und Rubens Barrichello

Nicht wirklich. Als ich damals zu Ferrari gekommen bin, war das Team auf einer Skala von eins bis zehn bei drei. Als Sebastian zu Ferrari gewechselt ist, war es bei sieben – und hat schnell weitere Fortschritte gemacht. Sebastian muss nun das Team konsolidieren und die Lücke zur Spitze schließen. Das ist einfacher als damals bei uns.

Ist Sebastian also gar nicht mit Michael zu vergleichen?

Nicht wirklich. Die einzige Gemeinsamkeit, die sie haben: Sie sind beide deutsche, hochtalentierte Fahrer, die für ein italienisches Team fahren. Und sie können eine Mannschaft mit ihrem Erfolgshunger mitreißen.

Kann Vettel ähnlich viel Erfolg mit Ferrari haben wie Schumacher?

Sebastian Vettel traut Jean Todt noch eine Menge zu

Ferrari hat mit Sebastian schon große Fortschritte gemacht. Und wenn er ein gutes Auto bekommt, wird er auch weiter Rennen gewinnen. Sebastian ist ein Teamleader und ein großartiger Rennfahrer, vor allem aber ist er noch sehr jung. Wenn er motiviert bleibt, kann er gut und gerne auch neun WM-Titel holen und Michaels Rekord damit übertreffen. Aber viel wird vom Auto abhängen.

Wie sehr leiden Sie noch unter Schumachers Unfall?

Ich weiß noch, wir besorgt ich war, als er nach seinem Abschied von Ferrari mit dem Motorradfahren anfing. Aber wenn Michael sich etwas in den Kopf gesetzt hat, dann zieht er das durch. Deshalb war ich sehr froh, als er mit Mercedes zurück in die Formel 1 gekommen ist. Erstens ist ein Formel-1-Auto heutzutage sehr sicher, zweitens wusste ich, dass Michael diese Autos kontrollieren kann – wovon ich beim Motorrad nicht überzeugt war. Dass das Schicksal ihn dann so unglücklich mit dem Kopf gegen einen Stein hat fallen lassen, ist für mich immer noch schwer zu begreifen.

Wie oft sehen Sie ihn?

Schwere Zeiten: Todt besuchte seinen Freund Schumi nach dem Unfall oft im Krankenhaus

Meine Beziehung zu ihm hat sich seitdem natürlich verändert, aber ich habe immer noch eine Beziehung zu ihm, ich bin immer noch sein Freund. Und mein Verhältnis zu seiner Familie und Corinna ist viel intensiver geworden. Ich spüre die Verantwortung ihnen zur Seite zu stehen.

Helfen Sie auch seinem Sohn Mick?

Mick ist fantastisch, ein großartiger Junge! Dass er Talent hat, steht außer Frage. Jetzt wird es darauf ankommen, ob er in den richtigen Teams ist, das richtige Umfeld hat und wie er mit dem Druck umgeht, der von Rennserie zu Rennserie steigen wird.

Wie groß ist Schumachers Anteil am jetzigen Erfolg des Mercedes-Teams?

Er hat gemeinsam mit Ross Brawn die ersten Weichen gestellt, auf denen der Mercedes-Zug jetzt von Titel zu Titel rast.

Lesen Sie im dritten Teil des Interviews, was Todt zu der Kritik an seiner Rolle als FIA-Präsident und zur Formel 1 sagt: Hybridmotor ist das Beste

Autor: Bianca Garloff

Fotos: Picture-Alliance

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