Motorsport

Formel 1: Jean Todt im Interview - Teil 3

— 04.03.2016

Hybridmotor ist das Beste für die Formel 1

Der FIA-Präsident im Interview mit AUTO BILD MOTORSPORT. In Teil 3 spricht Jean Todt über die Kritik an der Formel 1, die Hybridmotoren und Bernie Ecclestone.

Herr Todt, Sie sind seit 2009 Präsident des Automobilweltverbands FIA. Kritiker werfen Ihnen vor sich nicht stark genug um die Formel 1 zu kümmern.

Jean Todt (70): Die FIA hat zwei Pfeiler: Motorsport und Mobilität. Eine meiner Prioritäten ist natürlich die Verkehrssicherheit. Und ich hoffe doch, dass sie für jeden wichtig ist. Jeder Mensch hat Kontakt zur Straße: als Fußgänger, Radfahrer, Motorradfahrer, Autofahrer oder in öffentlichen Verkehrsmitteln. Jedes Jahr sterben 1,3 Millionen Menschen im Straßenverkehr, jeden Tag 500 Kinder. 50 Millionen Menschen werden jährlich verletzt. Es ist also meine Pflicht mich darum zu kümmern. Was nicht bedeutet, dass ich mich nicht um andere Dinge kümmere.

Wie um die Königsklasse des Motorsports...

Sicherheitskampagne: Todt, Bernie Ecclestone und die F1-Fahrer beim Brasilien GP 2015

Es ist wichtig, dass man seine Augen öffnet. Die Formel 1 ist ein Luxusproblem. Ich war in Krankenhäusern und habe den Unterschied gesehen zwischen dem Leben in Katmandu oder München. Ich sollte also nicht kritisiert werden, weil mich das interessiert. Verstehen Sie mich nicht falsch: Formel 1 ist wichtig und ich liebe die Formel 1 seit ich ein kleiner Junge bin. Aber es wäre vollkommen fehl am Platz, wenn der Präsident der FIA sich mit Details der Formel 1 befasst. Dafür habe ich gute Mitarbeiter. Wenn die Leute das nicht verstehen wollen, ist das nicht mein Problem. Und glauben Sie mir, es macht mich traurig, aber ich schlafe trotzdem sehr gut.

Was denken Sie über Bernie Ecclestone, wenn der die Königsklasse mal wieder schlechtredet à la „Die Formel 1 ist so schlecht wie nie!“?

Ich denke viel darüber nach. Aber mein Stil ist es direkt mit Bernie zu sprechen. Ich mag Bernie. Er ist ein außergewöhnlicher Mann. Ich habe gerade erst meinen 70. Geburtstag gefeiert. Er ist 85. Es leitet die Formel 1 immer noch mit großer Leidenschaft. Aber er hat auch seinen ganz eigenen Stil. Er hat einige Aussagen getroffen, diese ein paar Tage später aber auch wieder relativiert. Vielleicht hat er da ja getan, weil wir miteinander gesprochen haben.

Ist die Formel 1 wirklich in der Krise?

In Sachen Sport nicht immer einer Meinung: F1-Boss Ecclestone und FIA-Präsident Todt

Die Welt ist in der Krise. Und trotzdem gibt es immer noch Platz für die Formel 1. Das sollte Mut machen. Grundsätzlich ist der Sport wichtig für unsere Gesellschaft. Ich hatte kürzlich ein Treffen mit Thomas Bach. Er berichtete mir, dass in Rio vor den Olympischen Spielen nur 15 Prozent der Menschen Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln haben. Nach den Spielen und der damit geschaffenen Infrastruktur werden es 63 Prozent sein. Das ist doch faszinierend!

Genau wie die neue Hybridtechnik der Formel 1. Eigentlich...

Manchmal trifft man gute Entscheidungen, aber kommuniziert sie schlecht. Das ist uns auch beim Hybridmotor passiert. Was also ist die Quintessenz statt zu sagen, dass ein kleineres und umweltfreundlicheres Triebwerk genauso stark ist wie ein V8? Es ist zu leise, zu schwer, zu teuer. Deshalb ist Kommunikation essenziell.

Was kann man besser machen?

Visionär und Taktgeber: Jean Todt fungiert beim Automobilweltverband an höchster Position

Die Formel 1 ist ein großartiger Sport, der auch einen tollen Beitrag für die Automobilindustrie leistet. Aber wir sehen einen neuen, einen anderen Film als früher. Bald wird es Autos geben, die autonom fahren. Ist das für die Formel 1 noch so spannend wie früher? Will ein Zwölfjähriger heute noch zwei Stunden vor dem Fernseher sitzen, um sich Autorennen anzuschauen? Wir müssen uns also etwas einfallen lassen, wie wir sein Interesse wieder wecken. Wir müssen die Formel 1 besser kommunizieren und den Leuten besser erklären.

Inwiefern schadet die Dominanz von Mercedes?

In der Formel 1 gab es immer Dominanz – in jedem Sport sogar. Und früher oder später ist die Dominanz auch wieder vorbei. Sébastien Loeb hat neunmal die Rallye-WM gewonnen, bis Volkswagen kam. Audi hat die Sportwagen-WM dominiert, bis Porsche kam. Mercedes dominiert in der Formel 1, vorher war das Red Bull. Und da haben sie sich nicht beschwert. Natürlich wäre es besser, wenn alle gleiche Chancen hätten. Aber so eine Situation gibt es nur selten.

Steht eine Abschaffung der Hybridmotoren noch zur Debatte?

Nein, alle Hersteller wollen sie behalten. Aber sie müssen billiger werden und lauter. Und es kann nicht sein, dass ein Team Schwierigkeiten hat einen Motor zu bekommen. Das muss sich ändern. Abgesehen davon gehören die Hybridmotoren zu den besten Dingen, die die Formel 1 je gemacht hat.

Kann der Hybridmotor auch weitere Hersteller anziehen?

Beim Thema Hybridmotor scheiden sich die Geister im Fahrerlager: Todt mit Red-Bull-Teamchef Horner

Das hoffe ich sehr. Potentiell kann er das, aber wir müssen die Formel 1 wieder positiver verkaufen. Können Sie sich vorstellen, dass jemand in einen neuen Kinofilm geht, wenn der Regisseur sagt: Mein Film ist sch...? Intern kann und muss man kritisieren, aber nicht nach außen, wenn man das Produkt verkaufen will.

Immer wieder gibt es Gerüchte um einen Einstieg von Audi in die Formel 1.

Ein Einstieg von Audi wäre fantastisch für den Sport. Ihre Technologie ist weit fortgeschritten und sie wären bestimmt von Anfang an konkurrenzfähig. Aber sie sind auch Teil einer großen Gruppe, die derzeit andere Probleme lösen muss. Ich bin aber sicher, dass – wenn wir die Königsklasse wieder attraktiver machen – sie die Formel 1 als gute Geschäftsleute nicht ignorieren können.

Kann Nico Rosberg in diesem Jahr Weltmeister werden?

Mercedes wird definitiv ein gutes Auto haben, beide sind gute Fahrer. Lewis Hamilton war bislang stärker, aber wenn einer der zwei plötzlich etwas weniger motiviert sein sollte, kann sich das schnell ändern.

Ist Lewis Hamilton als Weltmeister ein guter Botschafter für den Sport?

Von Todt gibt es Lob für Mercedes und Hamilton

Viele Leute beschweren sich, dass die Formel 1 zu klinisch geworden ist. Wenn dann mal etwas passiert, beschweren sie sich, dass der entsprechende Fahrer seine Vorbildfunktion vernachlässige. Natürlich ist der Hamilton im Jahr 2016 ein anderer als der im Jahr 2000. Aber er ist ein talentierter Fahrer und ich mag ihn. Er ist ein guter Botschafter für die Verkehrssicherheit. Trotz seines Unfalls in Monaco in diesem Jahr. Da hat er demonstriert, dass selbst ein Formel-1-Weltmeister Fehler machen kann und dass man immer hellwach sein muss auf der Straße.

Autor: Bianca Garloff

Fotos: Picture-Alliance

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