Formel 1

Formel 1: Kolumne über Pascal Wehrlein

— 16.04.2016

Der kleine Prinz ganz groß

In seiner neuen Kolumne nimmt unser Formel-1-Reporter Ralf Bach Sie mit ins Fahrerlager: So erlebte er den Samstag beim China GP in Shanghai.

"I need DRS!" Dieser Funkspruch, mehr gebrüllt als gesäuselt, hat Pascal Wehrlein beim Rennen 2015 in Spielberg in die Bredouille gebracht. Grund: Besonders die Neider des Supertalents hatten damit einen guten Nährboden gefunden, den damals noch 20-Jährigen als Hätschelkind zu bezeichnen.

Was die Konkurrenten nicht überreißen konnten oder wollten: Es war die Angst der Etablierten vor dem deutschen Wunderkind, die zur Lästerei führte. Die dunkle Ahnung, dass da jemand ist, der die eigenen Kapazitäten bei weitem übertrifft und den man deshalb erst mal klein halten muss.

Pascal Wehrlein geht in sein drittes Formel-1-Rennen

Das hatte es auch 1991 schon gegeben. Als ein gewisser Michael Schumacher in Spa sein Formel-1-Debüt gab und er es als einer der Wenigen nicht verstand, warum die meisten es als äußerst respektlos ansahen, schon in seinem ersten freien Training Formel-1-Superstar Alain Prost mit der Faust zu drohen.

"Was wollen die?", fragte mich Michael damals erstaunt, "Prost hat seinen Ferrari vor der Schikane viel zu früh abgebremst und mich blockiert!" Schumacher, das Mercedes-Hätschelkind, hieß es damals bei den Neidern. Die Parallelen sind unverkennbar: "Wehrlein, das Mercedes-Hätschelkind", heißt es bei den Neidhammeln von heute.

In Wahrheit ist Wehrlein kein Hätschelkind, sondern er polarisiert wie damals Schumacher schon in jungen Jahren. Und er ist einfach nur konsequent. Das hat er jetzt beim Qualifying in Shanghai bewiesen. Auch dort wollte er sein DRS haben. Er drückte den Auslöseknopf für das System auf der Geraden in seiner ersten schnellen Runde früher als alle anderen.

Crash in Q1: Wehrlein klettert aus seinem Manor

Zu früh, wie er später zugeben musste. Die Strecke war noch nicht ganz trocken, die Supersoft-Reifen hatten noch nicht genug Haftung, der fehlende Abtrieb durch den heruntergeklappten Heckflügel sorgte für den Rest: Wehrlein verlor in seiner ersten schnellen Runde des Qualifyings das Heck seines Manor und drehte sich bei Höchstgeschwindigkeit. Nur seiner naturbedingten extremen Fahrzeugbeherrschung war es zu verdanken, dass das Auto die Mauer nur leicht mit der Seite berührte und nicht ein Totalschaden war.

"Da sieht man mal, wie viel PS der Mercedes-Motor hat", grinste Wehrlein hinterher in die Kameras. Für das Rennen morgen verspricht der Mercedes-Junior aber: "Da kann ich jetzt hoffentlich viele Autos überholen."

An seinem Image, das sich Wehrlein schon nach zwei F1-Wochenenden erarbeitet hat, ändert der gekonnte Stunt von Shanghai aber nichts. In Melbourne überholte er in der Startrunde sieben Autos, in Bahrain lieferte er sich rundenlange Fights mit Fahrern, die bessere Fahrzeuge hatten.

Spätestens jetzt ist für die Insider klar: Nur wer dicke Eier hat, drückt so früh den DRS-Knopf. Auch die Beziehung zu Motorsportchef Toto Wolff (44) hat sich nicht geändert. "Unseren kleinen Prinzen" nennt Wolff ihn liebevoll und mit einem gehörigen Schuss Sympathie.

Der Abflug am Samstag war nur ein kleiner Rückschlag

Fast ist es schade, dass Manor für Wehrlein nur Übergangsstation ist. "Wir sind ein bisschen wie Darmstadt 98 in der Bundesliga," macht er aus der Liebe zu seinem momentanen Job kein Hehl. Fest steht: Wolff hat noch viel vor mit dem Riesentalent aus der Nachwuchsförderung des Konzerns.

Manor soll lediglich der erste Schritt sein in der Formel-1-Karriere des jungen Deutschen, der durch seine Mutter auch Wurzeln in Mauritius hat. Langfristig soll er im Silberpfeil sitzen und in die Fußstapfen von Lewis Hamilton oder Nico Rosberg treten.

Das spezielle Engagement für Wehrlein erklärt Wolff knapp und kompakt: "Pascal kann noch sehr viel erreichen. Die Erfolgs-Gene dazu hat er.! Man merkt: Wolff will Distanz bewahren wie ein Schuldirektor, der alle Schüler fördern will, aber seine besonderen Sympathien für seinen Musterschüler nie ganz verhehlen kann.

Umgekehrt ist das übrigens genauso. Zwei Geschichten erzählt der Wiener, um das Besondere des Pascal Wehrlein zu erklären. Wolff: "Um ihn zu motivieren, schickte ich ihm vergangenes Jahr ein Foto von Williams-Junior Alex Lynn. Der stand im weißen Mechanikerkittel in der Williams-Fabrik und schraubte an Autos herum. Wenig später schickte mir Pascal eine Mail zurück ­- mit alten Ergebnissen aus seiner Formel-3-Zeit. Rot angestrichen waren der Sieger, Pascal Wehrlein, und der 13., ein gewisser Mr. Lynn."

Wolff (r.) ist sicher: Bald fährt Wehrlein für Mercedes

Aber, natürlich, das Praktikum in der Mercedes-Fabrik machte der Mercedes-Junior trotzdem. Das gehörte zur Konzernausbildung genauso dazu wie die Testfahrten im Formel-1-Auto und die unzähligen Stunden im Simulator in der Mercedes-Fabrik in Brackley. "Und was machte Pascal: Er mailte mir ein Foto in Arbeitskleidung mit Schutzmaske und schrieb dazu: 'Hier lamentiere ich gerade meinen Heckflügel für 2018!'"

Wen wundert es da, dass Wehrlein bei der Frage, ob er auch jetzt schon bereit sei für den richtigen 'Silberpfeil' einen anschaut, als wäre man gerade nach hundert Jahren Einfrierung wieder aufgetaut und hätte nie ein Automobil kennengelernt geschweige denn einen Pascal Wehrlein.

Er beantwortet die völlig weltfremde Frage trotzdem. "Motorsport ist zu einem großen Teil Kopfsache. Man muss mental sehr stark sein und an sich glauben." Und was den besonderen Druck in der Formel 1 angeht? "Druck", sagt Wehrlein, "Druck hatte ich beim DTM-Finale in Hockenheim. Mehr Druck geht nicht mehr."

Autor: Ralf Bach

Fotos: Picture-Alliance

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