Galerie: Das Leben des Jules Bianchi

Bianchi Bianchi Bianchi

Formel 1: Kolumne zum Bianchi-Unfall

— 07.10.2016

Erinnerungen an den schwarzen Sonntag

In ihrer Kolumne erinnert sich ABMS-Redaktionsleiterin Bianca Garloff an den Rennsonntag vor zwei Jahren, als in Japan Jules Bianchi verunglückte.

Ich bin nicht in Japan. Seit jenem verhängnisvollen Sonntag vor zwei Jahren meide ich dieses Rennen. Zu nachhaltig sind die Erinnerungen an die Stunden im Fahrerlager nach dem Rennen. Als keiner wusste, wie schlimm Jules Bianchi wirklich verletzt ist...

Den Grand Prix habe ich bei Mercedes geschaut. Plötzlich der Rennabbruch. Ohne ersichtlichen Grund. Der Himmel weint. Seit dem Morgen schon regnete es in Strömen. Eine Wasserlache wurde auch Bianchi zum Verhängnis.
Schwere Vorwürfe gegen FIA: Bianchis Vater spricht von „Vertuschung“

Auf dem Weg ins Pressezentrum begegnet uns Adrian Sutil. Geschockt. Er hatte den Unfall live gesehen. Stand daneben, als Bianchi mit Tempo 230 in den tonnenschweren Kran donnerte, der Sutils Sauber bergen sollte. „Es war Jules“, stammelt Adrian und schüttelt den Kopf. „Das sah nicht gut aus.“

Adrian Sutil steht geschockt vor dem Wrack Bianchis

Langsam sickert die Nachricht durch. Eine Traube von Journalisten versammelt sich vorm Medial Centre. Bianchi wird per Krankenwagen abtransportiert. Das geht schneller als mit dem Hubschrauber. FIA-Pressechef Matteo Bonciani versucht zu beruhigen. Es gelingt ihm nur bedingt.

Wir laufen auf und ab im Fahrerlager. Ohne Richtung, ohne Ziel. Es gibt erste Bilder. Sie zeigen, was keiner sehen will.

Ich bin auch deshalb so betroffen, weil ich Jules gerade erst vor drei Tagen so richtig kennengelernt hatte. Er galt als Ferrari-Pilot der Zukunft. Als großes Talent. Als Vettels Teamkollege ab 2016. Es war Zeit für das erste Interview mit dem künftigen Star. 30 Minuten nimmt er sich am Donnerstag Zeit. Ein sympathischer, bodenständiger Kerl mit gewinnendem Lächeln.

Jules Bianchi privat

Bianchi Bianchi Bianchi
Entlarvend offen kommt er gleich zur Sache: „Warum wollt Ihr ein Interview mit mir machen? Wahrscheinlich, weil Ihr etwas über meine Zukunft erfahren wollt.“

Er lächelt und fährt mit seiner ruhigen, unaufgeregten Stimme in französischem Dialekt fort: „Natürlich ist es mein Ziel, irgendwann im Ferrari zu sitzen. Daran denke ich die ganze Zeit.“

Der Krankenwagen transportiert Bianchi im Regen ab

Ein Cappuccino wird serviert und ein Tee. Bianchi erzählt, wie er zum Motorsport kam. „Erst mit 15 wollte ich Profirennfahrer werden. Ich hatte viele Schulstunden versäumt, weil ich so oft im Kart gesessen habe. Mein Vater stellte mich vor die Wahl: 'Willst Du Dich in Zukunft auf die Schule konzentrieren oder auf den Rennsport?' Ich entschied mich für den Rennsport.“ Dass er aus einer Familie kommt, die Benzin im Blut hat. Dass sein Onkel bei den 24 Stunden von Le Mans tödlich verunglückte. Davon fällt kein Wort. Er denkt lieber positiv.

Wir erfahren: Er wollte seinem Idol nacheifern: Michael Schumacher. Bianchi redet. Ohne Pause. „Ich wusste zwar auch über die Erfolge von Alain Prost und Ayrton Senna Bescheid - aber das war vor meiner Zeit. Michael gewann, als ich es bewusst mitbekommen habe. Er war mein Vorbild, weil er zur damaligen Zeit allen zeigte: Genauso muss ein erfolgreicher Formel-1-Pilot sein.“

Bianchi lächelt. Schüchtern und enthusiastisch zugleich.

Jules Bianchi ein Jahr vor seinem Unfall beim Japan GP

„Das erste Mal habe ich Michael Schumacher im Mai 2001 getroffen. Er kam plötzlich zur Vorbereitung auf den Monaco GP zur Kartbahn, die meinem Vater gehörte. Mein Dad holte mich sofort von der Schule ab, als er ihn sah. Ich setzte mich in mein Kart und fuhr gegen ihn. Das nächste Mal traf ich ihn 2010, als er sein Comeback mit Mercedes hatte. Und er konnte sich tatsächlich noch an den kleinen Kerl erinnern, der damals mit ihm auf der Kartbahn gefahren war.“

Seine Lehrzeit beim Hinterbänklerteam von Marussia bewertet er damals positiv. „Wenn du mit einem schlechteren Auto fährst, ist alles schwieriger. Trotzdem gibst du alles, du kämpfst bis zum Umfallen, um dann am Ende nur 17. zu werden. Das ist für mich frustrierend. Aber es ist eine gute Erfahrung und für mich ein Teil des Weges, um nach vorn zu kommen.“

Der Weg nimmt an jenem Sonntag vor zwei Jahren sein Ende. Bianchis Kopfverletzungen sind zu schwer, als dass er eine Chance hätte. Die hohen Fliehkräfte haben sein Gehirn zerstört.

Dieses Jahr erinnern viele Blumen an die Unfallstelle

Zurück in Deutschland erfahren wir: Bianchi fuhr zu schnell. Uns werden Telemetriedaten zugespielt, Kurvengeschwindigkeiten, Funksprüche. Weil nicht vertuscht werden soll, dass die Fahrer Regellücken bei doppelt gelb geschwenkter Flagge ausnutzen. Wir bringen die Geschichte. Und ziehen den Zorn von Fans und Insidern auf uns. Mehrere Teamchefs fordern, uns unsere Pässe wegzunehmen. So eine Story macht man nicht. Bianchi könne sich ja nicht mal wehren.

Und trotzdem: Unser Artikel führt dazu, dass eine FIA-Kommission den Unfall untersucht. Und am Ende zum gleichen Schluss kommt wie wir. Statt auf 120 Zeilen eben auf 120 Seiten.

Folge: Das virtuelle Safetycar wird eingeführt. Ein weiterer Schritt auf dem Weg zu mehr Sicherheit. Dank Jules Bianchi. An den mich in Suzuka einfach zu viel erinnern würde.

Autor: Bianca Garloff

Fotos: Picture-Alliance

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