Marussia

Formel 1: Kommentar von Bianca Garloff

— 09.10.2014

Bianchi ist nur das Opfer

Die AUTO BILD MOTORSPORT Reporterin berichtet in ihrer Kolumne vom Geschehen im Fahrerlager: In Russland ist weiter der Bianchi-Unfall das Thema.

Es ist nichts mehr so wie vorher. Der schwere Unfall von Marussia-Pilot Jules Bianchi (25) hat tiefe Spuren hinterlassen. Es ist, als fehle die Sonne im Fahrerlager von Sotschi. Dort findet am Sonntag der erste Groe Preis von Russland in der Formel-1-Geschichte statt, der auch ohne den fatalen Crash des Franzosen schon umstritten genug ist. Im Moment herrscht noch die Schockstarre wegen Bianchi. Die politischen Diskussionen, ob es rechtens ist Prsident Putin durch den von ihm gewollten Grand Prix weltweit eine Bhne zu bieten, sind in den Hintergrund gerckt. Die Fahrer laufen mit ernstem Gesicht zwischen Teamunterknften und Boxen hin und her, geben mit betretenen Mienen Interviews.

Alle fr Jules! Bei der Aufkleber-Aktion macht auch Mercedes-Star Nico Rosberg mit

Bianchis Landsmann, Toro-Rosso-Pilot Jean-Eric Vergne, hat in der Schnelle Aufkleber drucken lassen und sie unter den Kollegen verteilt. Tous pour Jules (Alle fr Jules) steht darauf und die Fahrer werden sie alle ab dem ersten Training auf ihre Helme kleben. Auch fr uns Journalisten gibt es nur das eine Thema. Doch einige Berichterstatter schieen dabei leider ber das Ziel hinaus. So erfahren wir, dass der Automobilweltverband das Video des Unfalls unter Verschluss halten will. Angeblich um den Marussia-Piloten, der sich in seinem jetzigen Zustand nicht verteidigen kann, zu schtzen. So weit, so gut. Das Problem: Dieser Fakt wird zum Anlass genommen fr weitere Spekulationen. Trifft Jules Bianchi eine Mitschuld an seinem Unfall? War er trotz doppelt geschwenkter Flaggen zu schnell unterwegs. Wollte er Platz 17 mit aller Macht sichern?

Bianchi soll das Heck verloren haben. Der Gegenpendler hat ihn dann offenbar frontal und ungebremst in Richtung Bergungstraktor geschickt. Die Schlussfolgerung: Das passiert nur, wenn der Fahrer nicht stark genug vom Gas geht. Sie erreichen mit ihren Spekulationen genau das, was der Weltverband zu verhindern suchte. Sie verbreiten die Erkenntnis, dass der arme Jules selbst Schuld ist an seinem brutalen Schicksal. Dabei verraten auch Streckenkameras nur die halbe Wahrheit. Wer sagt denn, ob wirklich alles stimmte mit seinem Marussia? Ob nicht ein pltzlicher Leistungsschub oder ein festhngendes Gaspedal den Gegenpendler verursacht hat?

Reporterin Bianca Garloff berichtet von den Rennstrecken dieser Welt

Auch diese Spekulationen gibt es im Bianchi-Umfeld. Schade, dass sie zu seiner Verteidigung nicht erwhnt werden. Man muss sich nur an die Wintertests erinnern. Da flogen Kimi Rikknen und Adrian Sutil ab, weil der Turbo unerwartet stark zndete. Auerdem: Selbst wenn Jules Bianchi zu risikoreich fuhr. Fakt bleibt: Er konnte erwarten, dass er auch im Falle eines Unfalls optimal geschtzt wird. Risiko gehrt zum Motorsport dazu. Nur die Mutigsten werden Champion. Ein tonnenschwerer Bergungstraktor hat in einer Gefahrenzone neben der Strecke ohne Safety-Car-Phase dagegen nichts zu suchen. Absolut nichts. Schuld an den lebensgefhrlichen Folgen des Unfalls trgt allein die Rennleitung - nicht Jules Bianchi. Er ist nur das Opfer.

Autor: Bianca Garloff

Fotos: Getty Images / Rosberg / BG

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