Formel-1-Neuling Toyota

Neuling Toyota Neuling Toyota

Formel-1-Neuling Toyota

— 27.03.2002

Der Aufstieg des "F1C Köln"

Debütant Toyota spielt schneller mit als erwartet. Fit gemacht wird die erste Mannschaft des japanischen Autokonzerns in Deutschland.

Rang sechs zum Greifen nah

Was für ein Glück: Nicht allen Kölner Sportvereinen in rot-weißen Hausfarben droht der Abstieg. Die kölschen Bundesliga-Kicker wird es zwar aller Voraussicht nach erwischen, nicht aber die Jungs aus Köln-Marsdorf - den F1C Köln (F1C steht für "Formula One Constructor", auf deutsch Formel-1-Konstrukteur). Die Toyota Motorsport GmbH bewies gleich in ihrem ersten Formel-1-Rennen, dass sich hier keine Luftpumpen in die erste Rennliga gemogelt haben. Schon bei der Premiere in Melbourne gab es durch Mika Salos Platz sechs einen Punkt. Respekt! BAR, letzter Neueinsteiger vor Toyota, schaffte WM-Zähler erst ein Jahr nach dem Debüt 1999.

Respekt auch für Toyotas Leistung beim zweiten Erstliga-Match in Kuala Lumpur. Salos 2,428 Sekunden Rückstand auf den Trainingsschnellsten, Michael Schumacher, sind ein Riesenfortschritt. Mitte 2001 fehlten den Japanern vom Rhein beim Testen in Malaysia noch über sieben Sekunden auf die Bestzeit des Ferrari-Champs. Und hätte die Boxencrew bei McNishs zweitem Stopp die frischen Reifen gefunden, Rang sechs und ein weiterer WM-Punkt wären locker drin gewesen.

Unterm Strich spricht das für eine recht stabile Hintermannschaft. Entsprechend ist die Stimmung. "So ein Glück hat man nur alle zehn Jahre. Aber der gute Start hat uns gut getan und Enthusiasmus geweckt", sagt Technikchef Gustav Brunner. Enthusiasmus geweckt? Ist der nach dem Aufstieg nicht selbstverständlich? Brunner korrigiert: "Es war für Toyota eine lange Zeit, in der nur gepowert, konstruiert und getestet wurde. Der Ernstfall des Renneinsatzes fehlte. Und deshalb waren die Leute schon sehr, sehr müde."

Erfolgsteam aus 30 Ländern

Brunner - weshalb eigentlich Brunner? Der Mann ist Österreicher. Heißt nicht mal Blunnel, was seinem Arbeitgeber zumindest aussprachetechnisch entgegenkäme. Warum sind nur knapp 30 der 550 Formel-1-Toyoten Japaner? Und warum werden die Vorzeigeautos des viertgrößten Automobilherstellers der Welt eigentlich im Kölner Ortsteil Marsdorf gebaut statt in der Heimat, die 9400 Kilometer auf der "schäl Sick" (zu Hochdeutsch "auf der rechten Rheinseite"), weit, weit, weit hinter Deutz liegt?

Geschichte, lautet die Antwort. Denn: Sechs Jahre nach dem Einstieg in den Rallyesport anno 1973 siedelte Toyota mit seinem Projektleiter über nach Köln. Der hieß Ove Andersson und ist heute der Formel-1-Teamchef. Festhalten am Vertrauten und vor allem Bewährten, auch wenn es aus Europa kommt, war bislang das richtige Toyota-Rezept im schnellen Autogeschäft. Natürlich sitzen die Japaner im Formel-1-Team nicht auf der Ersatzbank.

"Wir haben da einen sehr guten Motorenkonstrukteur, einen ausgezeichneten Getriebekonstrukteur, eine sehr qualifizierte Elektronikspezialistin und einen hervorragenden Kohlefaserfachmann", betont Gustav Brunner. Nicht zu vergessen der technische Koordinator Keiza Takahashi, eigentlich ein Motorenmann.

Doch die Nummer eins im Powerplay ist ein Urgestein aus der Eifel: Norbert Kreyer, der schon Mitte der 80er Jahre aus einem Ford-Capri-Motor ein Formel-1-Turbotriebwerk für Zakspeed zimmerte. "Wir fühlen uns als internationales Team mit japanischem Besitzer", sagt Gustav Brunner. Diese Söldnertruppe aus 30 verschiedenen Ländern arbeitet im beste Sinne japanischer Traditionen.

In der Box läuft es noch nicht optimal

Jeder ist stolz, zu dieser rot-weißen Aufsteigermannschaft zu gehören. Jeder weiß, es gibt nur einen Weg: den nach oben, den zur Spitze. Deshalb ist jeder so ernst bei der Sache. Die in Müngersdorf beim 1. FC Köln vermissten Qualitäten sind beim F1C Köln in Marsdorf also in vorbildlichem Maße vorhanden. Worüber sie bei Toyota nicht öffentlich sprechen: Wenn Toyota ganz vorne mitfahren will, muss spätestens in zwei Jahren der Sturm verstärkt werden. Das heißt, anstelle von Mika Salo und Allan McNisch, so geduldig und fleißig sie derzeit auch "dribbeln" mögen, müssen dann echte Top-Guns am Lenkrad verpflichtet werden.

Fehlpässe müssen indes schleunigst abgestellt werden. Beim Debüt in Melbourne wurde McNish am Samstagmorgen mit Reifen auf die Bahn geschickt, die er schon freitags gefahren hatte. Ein klarer Regelverstoß, der sofort gepfiffen wurde. Und für das Reifendrama des Schotten beim zweiten Rennen in Kuala Lumpur verdienen Boxenstoppstratege und Serviceorganisator ganz klar die gelbe Karte. Denn jeder machte einen gravierenden Fehler: Salo, in Runde 26 wegen spinnender Traktionskontrolle reingetuckert und mit korrigierter Elektronik zum Testen wieder rausgejagt, bringt den Kommandostand damit, so scheint es, völlig aus dem Konzept.

Das Chaos geht in der Box weiter: Die Reifentruppe kommt nun bei McNishs nicht mehr aufschiebbarem zweitem Halt völlig durcheinander und übersieht die frischen Michelin-Socken für den Schotten. Also alte Gummis wieder drauf. Und das war es dann mit dem sechsten Platz und dem möglichen zweiten WM-Punkt nach Melbourne. Trotzdem sollten sich die Toyota-Gegner einen Schlachtruf verkneifen: Hi-ha-ho, der F1C Köln ist k.o.

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