Formel-1-Champions 1950-2016

Formel 1: Nico Rosberg im Interview

— 23.08.2017

„Hamilton hat Grauzonen ausgenutzt“

Nico Rosberg spricht mit ABMS über Mercedes, Sebastian Vettels Leistung bei Ferrari sowie über Fernando Alonsos Pech-Misere bei McLaren Honda.

Herr Rosberg, die Saison geht in dieser Woche weiter. Hätten Sie auch Lust wieder einzusteigen?

Nico Rosberg (32):  Nein, ich bin mit der Entscheidung, nach dem WM-Titel aufgehört zu haben, sehr glücklich. Jetzt ist nicht mehr der Rennkalender mein Chef, sondern ich! Es fehlt mir nichts. Das ist eine besonders schöne Erkenntnis, denn es war ja schon ein Sprung ins Ungewisse.

Wie finden Sie die Formel 1 in diesem Jahr?

Es macht mir echt Spaß, von der Couch aus zuzuschauen. Die neuen Autos finde ich sehr gelungen. Und der Funke springt auch auf die Zuschauer über, wenn die Fahrer mit einem Lächeln aussteigen.

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Hätten Sie gedacht, dass Lewis Hamilton jemals freiwillig jemanden passieren lässt?

Valtteri Bottas macht einen guten Job bei Mercedes

Grundsätzlich ja. Aber es war eine Extremsituation. Er hat damit ja sogar seinen eigenen vierten Platz noch in Gefahr bringen müssen. Da hatte ich schon meine Zweifel, ob er das durchzieht – und wahrscheinlich er selbst auch (lacht).

Wenn sein Teamkollege nicht Bottas sondern Rosberg gewesen wäre, hätte er das auch getan?

Doch, doch, das glaube ich schon. Bottas hat ja als Erster den Move gemacht. Insofern war Lewis da schon verpflichtet.

Wem drücken Sie die Daumen, wenn Sie Formel 1 schauen?

Ich drücke Mercedes die Daumen. Aber keinem speziellen Fahrer. Mercedes ist halt nach wie vor sehr, sehr stark. Allein, wenn man sich das Auto anschaut, diese Detailarbeit. Wahnsinn, was das für ein Level ist. Die einzigen, die da mithalten können, sind Ferrari. Die haben über Winter wirklich einen tollen Job gemacht. Aber jetzt wird es ein Entwicklungsrennen. Da tue ich mich schwer zu glauben, dass Ferrari mithalten kann. Nach Silverstone hatte ich auch schon gedacht: Ok, das war’s jetzt. Dass Ferrari in Ungarn noch mal so zurückgeschlagen hat, hat mich überrascht. Spa müsste aber wieder voll die Mercedes-Strecke sein. Da dürfte Ferrari kaum eine Chance haben.
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Was macht dieses Mercedes-Team so stark? Verraten Sie uns endlich das Geheimnis, jetzt dürfen Sie es ja!

Es ist die perfekte Firma, die immer weiter wachsen konnte. Ohne, dass sie entscheidende Leute verloren hat – bis auf mich natürlich (lacht).

Mercedes hat Anfang der Saison tatsächlich ein paar Formschwankungen gehabt. Fehlten Sie da vielleicht auch ein wenig?

Lewis Hamilton fährt als WM-Zweiter nach Spa

Das würde ich nie behaupten. Aber natürlich ist mein Abgang schwierig gewesen. Und: Es gab ein neues Reglement. Das ist eine große Herausforderung, zumal wir uns bis zuletzt auf den WM-Kampf konzentrieren und Red Bull in Schach halten mussten. Nichts gegen Ferrari, aber die haben mit dem neuen Auto viel früher angefangen als wir. Dadurch haben sie bestimmt einen Vorteil gehabt.

Wie hoch ist es trotzdem einzuschätzen, dass Ferrari die Wiederauferstehung geschafft hat?

Monster-Respekt, weil da von außen betrachtet so ein Chaos herrschte. Marchionne muss da schon ein paar geniale Personal-Schachzüge gemacht haben.

Und welchen Anteil hat Vettel? Michael Schumacher soll Ferrari ja früher höchstpersönlich geführt haben.

Michael hatte damals ja auch die halbe Weltmeistermannschaft von Benetton mitgebracht, Ross Brawn, Rory Byrne usw. Da hat er in Sachen Top-Personal entscheidend mitgewirkt. Ich glaube, das ist für den Sebastian schwieriger. Dass er oft in der Firma ist und positive Energie mitbringt, hat aber natürlich einen Einfluss auf das ganze Team. Und auch in die Detailarbeit, ins Set-up ist er involviert. Ganz so, wie damals bei Michael, ist das aber nicht mehr möglich. Dazu ist auch die Technik zu weit fortgeschritten.

Wie sehr hat Sie sein Wutanfall in Baku überrascht?

Man weiß es ja von ihm, dass er seine Emotionen nicht im Griff hat. Letztes Jahr hat er in Mexiko Charlie Whiting über Funk beschimpft. Aber in der Extremität hat es mich dann doch überrascht. Es ist ja noch ein Unterschied, ob man motzt oder bewusst einen Gegner rammt  – und damit einen möglichen Sieg wegschmeißt. Aber: Diese dicke Haut und so von sich selbst überzeugt zu sein, das ist auch eine Stärke von Sebastian. Kurzfristig und in dem entsprechenden Moment mag das schwach wirken – über eine ganze Saison hinweg gesehen, kann diese Abgebrühtheit den Unterschied machen. Der Grundcharakter ist allen Widerständen zum Trotz auf Sieg gepolt – langfristig kann das nicht schaden.

Nico Rosberg: Das Leben nach dem Titel



Wie oft haben Sie ins Lenkrad gebissen, wenn Sie sich von Herrn Hamilton ungerecht behandelt gefühlt haben?

Fernando Alonso hat mit vielen Ausfällen zu kämpfen

Stimmt schon, er hat gut seine Grauzonen ausgenutzt, sehr clever und sehr geschickt. Unfair war das nicht. Es war seine eigene Stärke. Auf dem Gebiet musste ich mich steigern, das ist mir dann im letzten Jahr gelungen – an Härte und Kompromisslosigkeit zuzulegen. Das hat mit Sicherheit zu meinem Titel beigetragen.

Wie sehr erstaunt es Sie, dass Bottas so gut mit Hamilton mithält?

Das konnte man nicht erwarten, weil man aber von Bottas auch nichts weiß. Ich bin echt beeindruckt. Der macht das superstark. Mental ist er vielleicht fast der perfekte Fahrer, weil er sich so auf sich selbst konzentrieren kann. Das macht ihn konstant und auch schnell. Es war eine super Entscheidung von Mercedes, ihn zu holen.

Haben Sie zuletzt in Ungarn auch die Eier-Auseinandersetzung zwischen Hülkenberg und Magnussen mitbekommen?

Ja, da muss ich schmunzeln bei so etwas. Aber genau das wollen wir doch sehen als Zuschauer. Ich persönlich hätte das vielleicht etwas diplomatischer gesagt. Hinter verschlossenen Türen hatte ich auch ein paar Klartext-Gespräche. Einmal mit Alonso, mehrmals mit Lewis. Da ging es auch gut ab. Da sagt man sich dann die Meinung.

Apropos Alonso: Wie leid tut er Ihnen im lahmen McLaren-Honda?

Für mich wäre das nichts, nachdem ich jahrelang um die Meisterschaft gekämpft habe. Da würde es mir an Motivation fehlen.

Wie geht es eigentlich Ihrem Vater?

Gut! Wir unterhalten uns immer noch über die Formel 1. Wir sind ja beide Fans. Er ist nur ein bisschen entspannter jeden zweiten Sonntag (lacht).

Toto Wolff hat gesagt, es wäre keine Überraschung für ihn, wenn Sie noch mal zu Ferrari gehen würden. Ist ein Comeback wirklich ausgeschlossen.

Ja, und was meinen Sie, wer es besser weiß? Er oder ich? (lacht)

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach

Fotos: Picture-Alliance

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