Formel-1-Saison 2009, Toro Rosso STR4

Formel-1-Saison 2009

— 24.03.2009

Formel-1-Countdown 2009: Toro Rosso

Mit Sébastien Buemi ist 2009 endlich wieder ein Schweizer in der Formel 1 am Start. Toro Rosso steht nach der Ära Vettel/Berger mit ihm und Sébastien Bourdais vor einem schwierigen Neubeginn.

Nie zuvor hat sich in der jüngeren Vergangenheit von einer Formel-1-Saison auf die nächste so viel geändert wie im Winter 2008/09: Neue Aerodynamik, Comeback der Slicks, Einführung der Hybridtechnologie KERS, neue Fahrerund mit Brawn GP ein neues Team. Wir nehmen bis zum Eintreffen des Grand-Prix-Heerlagers in Melbourne alle zehn Teams unter die Lupe. Hier nun die Scuderia Toro Rosso. Genau wie schon 2008 greift das B-Team des österreichischen Energydrink-Herstellers Red Bull auch im Jahr 2009 wieder mit zwei "Super-Sebs" an: Der Vertrag von Sébastien Bourdais wurde nach einigem Hin und Her und zwischenzeitlichen Testfahrten von Takuma Sato doch verlängert und der im eigenen Juniorenkader trainierte Sébastien Buemi stand eigentlich schon länger als Nachfolger von Sebastian Vettel fest. Der wurde nämlich ins A-Team befördert.

Erster Schweizer seit 14 Jahren

Sébastien Buemi ist der 26. Schweizer und die größte eidgenössische Motorsport-Hoffnung in der Formel 1.

Buemi ist der 26. Schweizer in der Formel 1 (die Freitagsfahrer Neel Jani und Giorgio Mondini eingerechnet) und der erste seit Jean-Denis Deletraz 1995, der einen Grand Prix bestreiten wird. Deletraz nahm 1994/95 allerdings nur an drei Rennen teil und kam 1995 auf dem Nürburgring auf einem Pacific-Ford als 15. immerhin ins Ziel. Potenzieller Weltmeister war er aber ebenso keiner wie davor Gregor Foitek, der 1990 in Monte Carlo auf Onyx-Ford als Siebenter gewertet wurde. Die Zeit der großen Formel-1-Eidgenossen ist schon eine ganze Weile her: Die beiden Grand-Prix-Sieger Clay Regazzoni und Jo Siffert leben nicht mehr, Marc Surer beendete seine Laufbahn in der Königsklasse nach einem folgenschweren Rallyeunfall im Jahr 1986. Letzterer ist heute unter anderem Experte von Motorsport-Total.com und freut sich natürlich darüber, endlich die Leistungen eines viel versprechenden Landsmannes kommentieren zu dürfen. Surer glaubt allerdings, dass Buemi in seiner Rookiesaison nicht alles einfach in den Schoß fallen wird: "Er wird es schwer haben, weil die Erwartungen nach Vettel sehr hoch sind. Außerdem kommt dazu, dass Bourdais im Vorjahr manchmal schneller war als Vettel, aber das hat man in Deutschland ein bisschen verdrängt. Bourdais hat es nur im Rennen nie umsetzen können, was komisch ist, weil genau das in Amerika seine große Stärke war. Trotzdem: Der Kerl ist nicht schlecht."

Neue Regeln: Vorteil Bourdais?

In der A1GP-Serie fuhr Sébastien Buemi sechs Rennen für das Team Schweiz.

"So gesehen ist das eine harte Nuss für Buemi, denn das Reglement ist neu, die Autos haben Slicks und weniger Anpressdruck - sie ähneln also viel mehr den ChampCars als im Vorjahr. Das heißt, Bourdais wird sich in diesen Autos sicherlich wohl fühlen, weil das eher seinem Fahrstil und seiner Erfahrung entgegenkommt. Das ist dann für einen jungen Fahrer wie Buemi eine schwierige Aufgabe", vermutet der 82-fache Grand-Prix-Teilnehmer. Bisher bat Buemi seine Sache nicht schlecht gemacht, auch wenn er im Winter viel zu lange nur den Vorjahres-Toro-Rosso-Ferrari testen konnte, weil das neue Modell zunächst dem Red-Bull-A-Team vorbehalten war. Mit dem aerodynamisch der Generation 2009 überlegenen Vorjahresmodell produzierte Buemi Testbestzeiten am laufenden Band, was natürlich im Grunde nichts zu bedeuten hatte, für seine Moral aber sicher nicht das Schlechteste war. Dabei steigt der 20-Jährige - seine Heimatstadt Aigle liegt im französischsprachigen Teil der Schweiz - ohne einen einzigen Meistertitel in den Nachwuchsformeln in die Königsklasse auf: 2004 wurde er Dritter und 2005 Zweiter in der Formel BMW, 2006 Elfter und 2007 Zweiter in der Formel-3-Euroserie, 2008 Sechster in der GP2. Auf der letzten Stufe vor der Formel 1 gelangen ihm zwei Siege (Magny-Cours und Budapest, jeweils im Sprintrennen).

Lob von Landsmann Surer

"In den Nachwuchsformeln konnte man nur herauslesen, dass er ein großes Talent ist. Er ist im Vorjahr in einem mittelmäßigen Team (Arden; Anm. d. Red.) immer vorne mitgefahren und hat Rennen gewonnen. Das muss man anerkennen", analysiert Experte Surer. "Außerdem gab es einige Highlights bei ihm. Ein Beispiel: Er kommt nach Monaco, fährt dort zum ersten Mal und fährt gleich an der Spitze mit. Das kannst du nur, wenn du ein überdurchschnittliches Talent bist." Außerdem scheint sich Buemi mit den Formel-1-Autos auf Anhieb besser zurechtzufinden als viele Rookies vor ihm: "Es gibt Fahrer, die ihr Talent mit mehr Leistung besser zeigen können als mit wenig Leistung. Das gibt es auch umgekehrt: Fahrer, die in den unteren Serien alles im Griff haben, kommen plötzlich nicht mehr zurecht, wenn das Auto schneller wird. Die gewinnen im Unterhaus alles, aber dann läuft ihnen anscheinend der Film zu schnell ab, wenn sie im Formel 1 sitzen", so Surer. Beispiele gefällig? Damon Hill oder Jacques Villeneuve waren in ihren Jugendjahren nicht unbedingt die großen Überflieger, wurden aber 1996 beziehungsweise 1997 Weltmeister, während Supertalente wie Martin Brundle oder Jan Magnussen nur so lange alles in Grund und Boden fuhren, bis sie in ein Formel-1-Auto gesetzt wurden. Buemi wird von den meisten Experten eher nicht in die Kategorie der kurzlebigen Sternschnuppen einsortiert.

Bourdais unter Druck

Sébastien Bourdais: In der Champ Car Serie konnte ihm keiner das Wasser reichen, in der Formel 1 fährt er ums 2009 Überleben.

Für Teamkollege Bourdais geht es 2009 wahrscheinlich schon ums nackte Überleben, denn der Franzose ist mit seinen 30 Jahren im Zeitalter der Computerkids nicht mehr der Jüngste und kann sich mittlerweile auch von seinen vier ChampCar-Titeln zwischen 2004 und 2007 nichts mehr kaufen. Allerdings sollte ihm das neue Reglement zumindest von der Papierform her entgegenkommen – und man darf nicht vergessen: Das Vorjahresauto passte nicht zu seinem Fahrstil. Unter den Mechanikern ist Bourdais wegen seiner oftmals mürrischen Art bei weitem nicht so beliebt, wie es Vettel war, doch wenn einmal alles nach seinem Geschmack läuft, dann kann er durchaus schnell Auto fahren – das hat man beispielsweise in Spa-Francorchamps gesehen. Für alle Fälle baut er sich aber neben der Formel 1 schon mal ein zweites Standbein auf: Zwischen Istanbul und Silverstone wird Bourdais bei den 24 Stunden von Le Mans an den Start gehen. Doch bei aller Berichterstattung über die "Super-Sebs" sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass Toro Rosso 2009 mit einer neuen Eigentümerstruktur daherkommt: Gerhard Berger hat seine 50 Prozent an Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz zurückverkauft und damit gutes Geld verdient, sodass das ehemalige Minardi-Team nun wieder zu 100 Prozent vom österreichischen Energydrink-Hersteller kontrolliert wird.

Chassis kommt von Red Bull

In der Formel-1-Saison 2009 muss Teamchef Franz Tost (links) auf die bewährte Hilfe von Gerhard Berger verzichten.

An der täglichen Arbeit ändert sich dadurch freilich wenig: Franz Tost bleibt Teamchef, Giorgio Ascanelli Technischer Direktor, Laurent Mekies Chefingenieur. Das Chassis wird wie bisher bei Red Bull Technology von Adrian Newey und Geoff Willis in Milton Keynes entwickelt und in Faenza gefertigt, der Motor kommt von Ferrari aus Maranello. Außerdem verfügt man über geschätzte 70 Millionen Euro Budget - recht ordentlich für ein Team, das selbst kein Auto designen muss. Dennoch darf man kein ähnliches Traumjahr wie 2008 erwarten, als Vettel mit dem "Wunder von Monza" einen Sieg nach Hause brachte und speziell in der zweiten Saisonhälfte sogar das A-Team klar in den Schatten stellte. Vettel ist weg, Identifikationsfigur Berger ist weg - dafür scheint das neue Auto allerdings ein recht guter Wurf zu sein. Sollte eine Konsolidierung der Ergebnisse von 2008 gelingen, wäre das schon als großer Erfolg zu werten. "Wenn das Auto funktioniert, wollen wir im Mittelfeld landen", sagt Tost, der sich mit der Rolle des Außenseiters ganz gut anfreunden kann. Dabei ist die klassische Verlierermentalität aus Minardi-Zeiten längst aus den Köpfen vertrieben, herrscht inzwischen eine selbstbewusste Stimmung in Faenza. Wer sich nicht damit anfreunden konnte, dass unter Red Bull ein anderer Wind weht, der musste gehen. Die, die geblieben sind, durften 2008 die Lorbeeren ernten.

Toro-Rosso-Saisonstatistik 2008

Konstrukteurswertung: 6. (39 Punkte)
Siege: 1
Pole-Positions: 1
Schnellste Rennrunden: 0
Podestplätze: 1
Ausfallsrate: 27,8 Prozent (8.)
Durchschnittlicher Startplatz: 12,4 (7.)
Testkilometer 2009 mit dem neuen Auto: 1.583 (10.)

Sébastien Bourdais (Startnummer 11):
Fahrerwertung:
17. (4 Punkte)
Siege: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Durchschnittlicher Startplatz: 13,7
Bestes Ergebnis Qualifying: 4.
Bestes Ergebnis Rennen: 7.
Ausfallsrate: 22,2 Prozent (12.)
Testkilometer 2009: 1.667 (17.)

Sébastien Buemi* (Startnummer 12):
Fahrerwertung:
6. (50 Punkte)
Siege: 2
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 1
Bestes Ergebnis Qualifying: 3.
Bestes Ergebnis Rennen: 1.
Testkilometer 2009: 3.216 (11.)

* war 2008 in der GP2 am Start

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