Schumachers Vergehen: Barrichello drängte er bei dessen Überholmanöver fast in die Boxenmauer.

Formel 1: Schumi fast gesperrt

— 02.08.2010

Skandal-Schumi fast gesperrt

Der Platzkampf von Michael Schumacher gegen Rubens Barrichello überschattete den GP Ungarn. Rennkommissar Derek Warwick forderte eine Schumi-Sperre für ein Rennen.

Michael Schumacher sorgte beim Großen Preis von Ungarn für Aufsehen. Nicht durch seine sportliche Leistung, sondern durch ein fragwürdiges Manöver, mit dem er seinen zehnten Platz gegen Williams-Pilot Rubens Barrichello zu verteidigen versuchte – und diesen dabei fast in die Boxenmauer schickte. Wie AUTO BILD MOTORSPORT erfuhr, forderte Rennkommissar Derek Warwick die Sperre Schumachers für ein Rennen. Diese konnte er aber nicht durchsetzen. Der Mercedes-Pilot wird stattdessen beim nächsten Lauf, dem Großen Preis von Belgien in Spa-Francorchamps am 29. August, um zehn Startplätze zurück versetzt.

Schumachers Aggressivität war Warwick bestens bekannt

Damit wurde Schumacher  einmal mehr von seiner Vergangenheit eingeholt. Denn mit dem ehemaligen Formel-1-Ass Derek Warwick gehörte ausgerechnet ein Rennfahrer zu den vier Rennkommisssaren von Budapest, der den Killerinstinkt des Kerpeners schon einmal am eigenen Leib zu spüren bekam. Es war im Training zur Gruppe-C-Sportwagenweltmeisterschaft auf dem Nürburgring 1991. Der damals 22 Jahre alte Mercedes-Junior Michael Schumacher sah sich von einem die Meisterschaft souverän anführenden Jaguar-Sportwagen behindert. Und machte seinen Unmut darüber mit einem Gegen-Manöver hart am Rande der Tätlichkeit deutlich. Der Jaguar-Pilot, Derek Warwick, schoss schäumend vor Wut an die Box, riss sich Sicherheitsgurte und Helm runter, rannte pfeilgerade zu den Mercedes-Trucks, wohin sich Schumacher bereits verzogen hatte. Die Nerven Warwicks, dessen jüngerer Bruder Paul erst wenige Wochen zuvor bei einem Formel-3000-Unfall tödlich verunglückt war, lagen blank, als er Michael stellte und ihn anschrie. Warwick wenig später: „Ich war unmittelbar davor, ihm eine zu verpassen.“ Doch Schumacher wollte damals schon nichts davon gemerkt haben, wie er den Briten abgedrängt hatte.

Lauda: „Saugefährlich, unfair, unvernünftig, unerklärlich!“

1991 drängte Schumacher (Foto) den damaligen Jaguar-Piloten Warwick beim Langstreckenrennen auf dem Nürburgring ab.

So war es am vergangenen Wochenende wieder. Im Kampf um Platz zehn und einen WM-Punkt drückte der Kerpener seinen ehemaligen Ferrari-Teamkollegen so brutal in Richtung Boxenmauer, dass nur wenige Zentimeter bis zur großen Katastrophe fehlten. „Saugefährlich, unfair, unvernünftig, unerklärlich!“, urteilte F1-Experte Niki Lauda. Doch Schumacher war sich keiner Schuld bewusst. Zitat: „Jeder hat da seine eigene Sichtweise. Wenn ich die Fakten sehe, dann war da genug Platz, dass er durchgepasst hat. Für mich war ganz klar die Absicht, ihm die Linie zuzumachen, denn ein Richtungswechsel ist erlaubt. Ich hatte ihm die andere Seite vorgeschlagen, aber das wollte er nicht. Insofern war es für ihn enger als erwünscht. Wir sind in der Formel 1, nicht auf einer Kaffeefahrt.“ Schumachers Resümee: „Fakt ist, dass wir uns nicht berührt haben und Rubens vorbeigefahren ist. Also muss genug Platz gewesen sein.“

Barrichello geschockt

1997 kämpfte Jacques Villeneuve gegen die Attacke von Michael Schumacher.

Wie lächerlich diese Aussage ist, stellte ein noch immer sichtlich geschockter Rubens Barrichello nach dem Rennen im Williams-Motorhome fest. Der Brasilianer hielt Foto-Ausdrucke in der Hand, die sein rechtes Vorderrad eine Handbreit entfernt von der Mauer zeigten. Barrichello dazu: „Wenn wir uns berührt hätten, hätte er sich umgedreht und wäre vorwärts in die Mauer. Ich konnte ja gar nicht mehr zur Seite, weil ich ja schon direkt an der Mauer war. Wenn man ein Foto von der Szene sieht, dann passt da kein Haar mehr dazwischen. Das war unglaublich.“ Und weiter: „Das war eine der schlimmsten Sachen, die ich in knapp 300 Rennen erlebt habe. Von jemandem mit zehn Rennen kann man so etwas erwarten. Aber nicht von jemandem wie ihm, der schon so viel durchgemacht hat. Das war eine Situation, wo wir beide nur verlieren konnten.“ Entsprechend musste sich auch Rubens Barrichello hinterher schwere Vorwürfe anhören. ABMS erfuhr: Seine Frau Silvana stellte ihren Gatten am Telefon zur Rede, erinnerte ihn an seine Verantwortung der Familie gegenüber und daran, dass er vor dem Angriff doch gewusst haben müsste, wie Schumacher reagiert.

Rammstoß gegen Villeneuve

Genau das ist der Punkt. Denn solche Manöver ziehen sich wie ein roter Faden durch Schumachers Karriere. Angefangen in der Gruppe C 1991, über den Abschuss von Damon Hill im WM-Finale von Adelaide 1994 und den Rammstoß gegen Jacques Villeneuve 1997 bis hin zur Parkaffäre in Monte Carlos Rascasse 2006. Im rückblickenden Gespräch mit ABMS hatte Jacques Villeneuve gerade erst im vergangenen Jahr seinen Angriff auf Schumacher in Jerez 1997 so erklärt: „Natürlich bin ich viel zu schnell in die Kurve hineingestochen, aber ich wusste ganz genau, dass er mich rammen würde. Das hatte er im Formel-3-Rennen 1990 in Macao genauso mit Mika Häkkinen gemacht. Und ich hatte Recht!“

Schumacher hat Killerinstinkt nicht verloren

Warwick war beim GP Ungarn als Rennkommissar im Einsatz. Er forderte, Schumacher für ein Rennen zu sperren.

Es mag stimmen, dass genau dieses überharte Vorgehen in Zweikämpfen, der kompromisslose Wille zum Sieg aus Schumacher den erfolgreichsten Rennfahrer aller Zeiten gemacht hat. Und man mag es Schumacher ebenso hoch anrechnen, dass er derzeit zwar seine Dominanz auf der Rennstrecke verloren hat, nicht aber seinen Killerinstinkt. Doch Rubens Barrichello mahnt: „Ich wollte bei den Stewards betonen, dass wir die zwei der erfahrensten Piloten auf der Strecke sind. Wenn Michael so etwas macht, dann bedeutet es, dass die Jungen das auch dürfen. Das ist meiner Meinung nach falsch.“

Autor: Bianca Garloff

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