Vettel

Formel 1: Sebastian Vettel exklusiv

— 06.06.2014

So lernt ein Weltmeister zu verlieren

Hat der Champion an Biss verloren? Sebastian Vettel widerspricht im Interview mit AUTO BILD MOTORSPORT seinen Kritikern und erklärt, wie er mit Niederlagen umgeht.

Herr Vettel, Lernen ist das Wichtigste im Leben, haben Sie gesagt. Haben Sie von der Schule was für die Formel 1 lernen können?

Sebastian Vettel (26): Grundsätzlich habe ich mich immer schwer damit getan, mich wochenlang auf eine Klassenarbeit vorzubereiten. Das war irgendwie nicht mein Ding. Aber eines konnte man auf jeden Fall ein wenig lernen: eine gewisse Selbstdisziplin zu entwickeln, ohne die man im Leben nicht weiterkommt.

Kann man den Schulhof und das Fahrerlager miteinander vergleichen?

Ja und nein. Nein, weil du in der Formel 1 freiwillig bist. Da hat dich keiner zu gezwungen. Es gibt auch keine Glocke im Fahrerlager, die Pausen beendet. Und die Formel 1 ist weniger Spaß, weil doch eine große Menge Geld involviert ist. Ja, weil man wie auf dem Schulhof immer die gleichen Gesichter sieht.

Sie haben die neuen Regeln stark kritisiert. Haben Sie immer noch Freude an der Formel 1?

Klar, sonst wäre ich nicht mehr dabei. Ich liebe, was ich mache. Ich kann mir im Moment nichts vorstellen, was mir die gleiche Befriedigung verschaffen könnte. Und das ist: immer mein Bestes geben, das Maximum. Das reicht manchmal für den Sieg, manchmal eben nicht.

Ihnen wird eine Krise nachgesagt. Wie haben Sie gelernt mit der Kritik umzugehen?

Gute Laune: Sebastian Vettel steht den ABMS-Reportern Bach (li.) & Garloff (M.) Rede & Antwort

Das ist doch normal. Wenn du viermal in Folge die WM gewinnst und dann dieses Jahr am Anfang keine große Siegchance hast, kommen die Kritiker schnell hinter dem Vorhang hervor. Das darf man nicht zu ernst nehmen. Damit lernt man im Laufe der Karriere umzugehen. Wichtig ist, dass ich weiß, warum was passiert. Und wie man wieder besser wird. Leute von außen sind nie gut genug eingeweiht, um realistisch beurteilen zu können, was wirklich vorgeht. Nur weil ich mal nicht gewinne, soll ich gleich das Team verlassen? Bullshit! Ich bin nicht ein Teil dieser schnelllebigen Welt. Ich würde manchmal gerne offener reden können, aber dazu müsste ich dann Betriebsgeheimnisse verraten. Aber eines ist klar: Nichts kann passieren, dass man über den Winter einfach so das Fahren verlernt. In solchen Momenten ist wichtig, dass man sich selbst treu bleibt und weiß, was man kann, und auch genau weiß, was man nicht kann. Wenn die Kiste nicht läuft, kann man der beste Fahrer am Lenkrad sein. Siegen kann man trotzdem nicht.

Doch Sie mussten auch erst mal lernen mit Niederlagen umzugehen.

Das nervt natürlich, und es frustriert einen, wenn immerzu wieder ein Problem auftaucht. Und dann fällt es auch mir schwer, in den Rhythmus zu kommen und das Beste aus mir selbst rauszuholen. Aber ich musste schon früher durch solche Phasen durch. 2009 prägte mich sehr. Das war das Jahr, in dem ich mit einer Niederlage umgehen musste. Denn ich habe wirklich bis zuletzt geglaubt, den Titel gewinnen zu können. Dass das im vorletzten Rennen in Brasilien nicht geklappt hat, musste ich erst mal verdauen. Weil man ja auch nie genau weiß, ob diese Chance wiederkommt.

Aus welchen Beispielen zieht man so eine Lehre?

Felipe Massa stand 2008 ganz dicht vor dem Titel. 600 Meter vor dem Ziel im letzten Rennen hat er die WM verloren. Das muss bitter gewesen sein. Er hat diese Chance nie mehr bekommen. Bei mir kam sie aber gleich noch vier Mal und ich habe sie jedes Mal genutzt. Gut: Dieses Jahr ist es schwieriger als die Jahre vorher. Mir wäre auch lieber, dass das Auto schneller wäre. Aber die WM ist noch längst nicht zu Ende.

Ihre Motivation, so ätzen einige, hätte nachgelassen. Stimmt das?

Auch ein F1-Star lernt nie aus: Vettel wirft interessiert einen Blick in den mitgebrachten Duden

Nein, ich hatte bloß am Anfang meine Schwierigkeiten, mich mit dem Reglement anzufreunden, das gebe ich zu. Dass die Autos langsamer geworden sind, gefällt mir immer noch nicht. Aber jetzt habe ich das akzeptiert, weil es ja für alle gleich ist. Meine Motivation ist aber immer noch dieselbe: Ich habe immer noch keine Lust, Zweiter zu werden. Allerdings bin ich seit meinem ersten Titel 2010 etwas relaxter geworden. Weil ich das höchste Ziel, das ich mir gesetzt hatte, erreicht habe: Weltmeister zu werden. Das war die Pflicht, der Rest ist Kür. Verlieren will ich zwar immer noch nicht, aber ich habe zumindest gelernt, nicht immer gewinnen zu können.

So, so ...

Ja, wirklich. Ich muss immer wissen, ob ich persönlich das Maximale herausgeholt habe. Ist das nicht der Fall, fühle ich mich schlecht. Und das will ich nicht. Klar, ich habe jetzt sechs Rennen nicht mehr gewonnen. Hätte ich sechsmal die Chance gehabt, sie aber wegen eigener Schlamperei habe sausen lassen, würde ich jetzt richtig stinkig auf mich sein. Aber es gab bisher noch nicht ein Rennen, wo ich diese Möglichkeit hatte. Mercedes hat eben ein sehr starkes Paket. Die Fahrer machen einen guten Job. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass wir einmal die ersten sechs Rennen gewinnen konnten. Und auch nicht, dass unser Auto wie der Mercedes jetzt eine Sekunde schneller ist als der Rest. Das kann ich dann akzeptieren. Zumal ich zuversichtlich bin, dass wir wieder gewinnen werden.

Wir wollen weiter nerven: Wie lernt man zu verkraften, nicht nur geliebt zu werden. Es gab im letzten Jahr Pfiffe und Buhrufe bei einigen Rennen ...

In seinem Element: Auf der Strecke hat sich 2014 wenig geändert - nur der Speed der Autos ist anders

Am Anfang haben mich die Buhrufe und Pfiffe geschockt und geärgert. Ich fand und finde sie immer noch unsportlich. Aber dann ging ich in mich und habe die Situation analysiert. Dabei kam raus: Es ist wie im Fußball, da kann man auch nicht für beide Mannschaften jubeln und umgekehrt. Am Ende kann man die Pfiffe auch als Kompliment ansehen, weil man die anderen Fans dadurch geärgert hat, indem man einfach besser war als deren Helden. Solange nicht alle aufstehen und pfeifen, sondern nur ein kleiner Teil, kann ich damit sehr gut leben.

Nächster Versuch, Sie aus der Fassung zu bringen: Was können Sie von Ihrem neuen Teamkollegen Daniel Ricciardo lernen, der ja nicht gerade langsam ist?

Ich respektiere total, was Daniel in den ersten Rennen geleistet hat. Klar schaue ich auch mal hin, wie er manche Kurven fährt und ob seine Art nicht vielleicht die bessere sein könnte. Umgekehrt macht er das ja auch, und genau so sollte es ja auch sein unter Teamkollegen. Dass er schneller sein will als ich, ist logisch. Das will ich umgekehrt ja auch. Aber es ist nicht ganz fair zu sagen, dass Mark Webber ein Loser war und Daniel jetzt der Messias. Daniel ist jünger als ich, Mark war älter. Aber beide haben den gleichen Ehrgeiz. Es war mit Mark enger, als die Leute glauben. Von der Art her sind Daniel und ich uns allerdings näher, als ich es mit Mark jemals war.

Sie verteidigen Webber ja richtig.

Große Fragerunde: Vettel lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen, lobt sogar Ex-Teamkollege Webber...

Ich verteidige das Alter. Das spielt nämlich keine so große Rolle. Michael Schumacher ist so ein Beispiel. Klar, er war früher mein Held, vielleicht sehe ich ihn also mit der rosaroten Brille. Trotzdem glaube ich immer noch, dass er auch bei seinem Comeback sehr schnell war. Er war über 40, als er zurückkam und er hat Nico das Leben ziemlich schwer gemacht. Jetzt ist Nico auf einem Level mit Lewis. Es geht also nicht ums Alter, sondern um die Einstellung.

Schumacher musste sich bei seinem Comeback ähnlich rechtfertigen wie Sie jetzt.

Den Vergleich kann man ziehen, ja. Als Michael mit Mercedes zurückgekommen ist und das Auto einfach nicht auf seinem Niveau und dem seines Ferrari war, gab es auch viele Leute, die gesagt haben: Die vielen WM-Titel hat Ferrari gewonnen und nicht Michael. Aber wie gesagt: Ab einem gewissen Punkt hat man sich selbst genug bewiesen, so dass man drüberstehen kann.

Gab es außer Schumacher noch Menschen oder Situationen, die Ihnen weitergeholfen haben?

Ja, auch wenn man das erst immer viel später versteht. Dinge, die einem die Eltern mitgegeben haben. In dem Moment kapierst du vieles gar nicht und machst einfach, was sie dir sagen. Ich war auf jeden Fall sehr gut vorbereitet auf das Leben, speziell auf das Leben eines Formel-1-Piloten. Zum Beispiel: Komm nie zu spät. Als Junge habe ich öfter mal fast ein Training verpasst, weil ich im Dreck mit Matchbox-Autos gespielt habe, mit anderen Kids. Da war mein Vater ziemlich sauer. Heute weiß ich, warum.

Und von wem haben Sie außer von Ihren Eltern lernen können?

Eine Menge Motivation: Die Fans drücken Vettel auch in den schwierigeren Zeiten die Daumen

Da gibt es einige. Gerd Noack zum Beispiel in meiner Kartzeit. Albert Hamper in meiner Formel-BMW-Zeit. Frank Lucke in der Formel 3. Oder Mario Theissen, als ich in der Formel 1 Testfahrer bei BMW war. Und, natürlich, bei Red Bull Helmut Marko, der mich schon früh begleitet hat und immer noch da ist. Helmut ist sehr offen und bläst mir auch heute noch den Marsch, wenn es sein muss. Dann bedanke ich mich immer ganz höflich bei ihm (Vettel lacht und wird dann sehr ernst). Es war jedenfalls nicht so einfach, wie man das denkt. Ich stand öfter in meiner Juniorzeit kurz davor, alles hinzuschmeißen. Zum Beispiel, wenn früher das Geld ausging. Und dann gab es eben all diese Leute, die mich wieder motivierten und mir einen Weg aus meiner Einbahnstraße zeigten.

Autoren: Ralf Bach, Bianca Garloff

Fotos: Xpb / Getty-Images

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