Melbourne 2014

Formel 1: Sprit-Posse im Albert Park

— 17.03.2014

Mercedes war gegen Benzinfluss-Regel

Daniel Ricciardos Qualifikation und der Verlust seines zweiten Platzes beim Australien GP sorgt für viel Aufregung. AUTO BILD MOTORSPORT hörte sich in Melbourne um.

Niki Lauda war nach dem Mercedes-Sieg beim Großen Preis von Australien leicht verwirrt: „War Andy Cowell da oben? Wenn ja, dann hat er es verdient! Jedenfalls mehr als ich und auch mehr als Toto (Wolff; d. Red.).“ Andy Cowell? Der Brite ist das neue Superhirn bei Mercedes AMG. Er hat die Oberaufsicht über den Bau der Motoren bei Mercedes High Performance Powertrain in Brixworth. Und er durfte gestern zu Nico Rosberg aufs Podest. Doch Andy Cowell spielt auch im Streit um den Benzindurchflussmesser von Daniel Ricciardo eine Rolle. Er und seine Männer wollten diese Regel nämlich gar nicht haben!

Lauda verärgert Techniker

Im Rennen war Nico Rosberg (vorne) im Mercedes klar schneller als Daniel Ricciardo (hinten) im Red Bull.

Hintergrund: Ricciardo wurde gestern sechs Stunden nach seinem zweiten Platz im Albert Park disqualifiziert, weil ein offenbar nicht ganz zuverlässiger FIA-Sensor zu hohe Ausschläge bei der Einspritzgeschwindigkeit in den Renault-Sechszylinder-Turbo gemessen hatte. Paragraph 5.4.1 des technischen Regelwerks erlaubt nur 100 Kilogramm Benzin pro Stunde. Eine Regel, die Anfang vergangenen Jahres von den Top-Teams beim sogenannten Maranello-Meeting vereinbart wurde. Für Mercedes hatte damals Niki Lauda der neuen Regel zugestimmt. AUTO BILD MOTORSPORT erfuhr: Als die Techniker in Brixworth davon erfuhren, waren sie stinksauer. Denn Lauda nahm dem Mercedes-Motor so eine seiner Stärken.

Unzuverlässige Werte

Der Benzindurchfluss-Paragraph soll verhindern, dass die Teams in der Qualifikation übermäßig viel Sprit in den V6 jagen, um so noch mehr PS zu generieren. Offenbar hatten einige Mannschaften Angst um die Haltbarkeit ihrer Motoren. Mercedes nicht. Die Techniker wurden von der Regel ausgebremst. So wie die Silberpfeile am Samstag sieben Minuten vor der Qualifikation. AUTO BILD MOTORSPORT erfuhr exklusiv am Sonntagmorgen in Melbourne: Weil der sogenannte Fuel Flow Meter im freien Training nicht ganz zuverlässige Ergebnisse lieferte, hatte die FIA die Messfrequenz und damit die Toleranzgrenze erhöht. Teams, die am Freitag über der Toleranz lagen, wurden aufgefordert, weniger Sprit einzuspritzen. Sebastian Vettel war offenbar dabei, aber auch Mercedes...

Red Bull ignorant

Sieger Rosberg und Ricciardo (li.) feiern auf dem Podest - später musste der Zweite seinen Platz wieder hergeben.

Motorsportchef Toto Wolff gibt zu: „Wir sind freiwillig mit den Werten runtergegangen und haben dadurch ein paar Zehntel in der Qualifikation verschenkt.“ An Daniel Ricciardos Auto hatte der Fuel Flow Meter der FIA bereits am Freitag falsche Ergebnisse geliefert. Ein Tausch am Samstag brachte nur weitere Probleme. Deshalb sollte Red Bull für das Rennen am Sonntag auf die erste Variante zurückrüsten. Als die FIA während des Grand Prix zu hohe Werte feststellte, war Red Bull anhand eigener Datenaufzeichnungen sicher: Wir sind innerhalb des Limits. Man ignorierte die Aufforderung der FIA. Teamchef Horner: „Hätten wir den Benzinfluss verringert, hätten wir Leistung und damit wohl den zweiten Platz verloren.“ Den Regelhütern reichte diese Erklärung nicht. Sie schlossen Ricciardo vom Rennen aus. Red Bull will dagegen Berufung einlegen.

Kommentar: Schwachsinniges Regel-Chaos

(von Bianca Garloff)

Die Formel 1 hat gleich im ersten Rennen ihrer neuen Technik-Ära für Regel-Chaos gesorgt. Und das mit einem Paragraphen, der so unnötig ist wie dem Papst die Bibel zu verkaufen. Innerhalb der erlaubten 100 Kilogramm pro Rennen hat Daniel Ricciardo zu viel Benzin verbrannt. Paradoxer kann eine Erklärung kaum sein. Wenn man die Benzineinspritzung im Qualifying wegen gefährlich hoher Leistungsexplosionen begrenzen will, okay. Aber warum muss die Regel so rigoros auch im Rennen durchgeprügelt werden? Ich will Red Bull hier gar nicht verteidigen. Natürlich hätten sie die Aufforderung der FIA nicht einfach ignorieren dürfen. Trotzdem: Mit solchen Regeln und dem Streit darüber macht die Formel 1 sich lächerlich. Daniel Ricciardo hatte keinen Leistungsvorteil und hat seinen wohlverdienten zweiten Platz beim Heimrennen dennoch verloren. Ich würde mir da etwas mehr Augenmaß von den Regelhütern wünschen. Insbesondere dann, wenn die Sensoren der FIA noch nicht mal richtig funktionieren. 

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach

Fotos: Getty Images

Diesen Beitrag empfehlen

Kommentare

Datenschutz

Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

comments powered by Disqus
Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.