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Formel 1: Toto Wolff im Exklusivinterview

— 27.07.2016

"Wir reiten ein wildes Pferd"

Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff bezieht im Exklusivinterview bei ABMS und SPORT BILD Stellung: So läuft es derzeit zwischen Hamilton und Rosberg.

Herr Wolff, Sie haben den Vertrag mit Nico Rosberg rechtzeitig vor seinem Heimrennen in Hockenheim verlängert. Warum ist Rosberg-Hamilton für Sie die perfekte Fahrerpaarung?

Toto Wolff: Es ist nicht die perfekte Fahrerpaarung. Eine perfekte Fahrerpaarung wären zwei Nummer-1-Fahrer auf dem gleichen Niveau, die beide WM-fähig sind und trotzdem keine Kontroversen erzeugen.

Also eineiige Zwillinge?

Toto Wolff leitet seit 2013 die Geschicke bei Mercedes

Ja, das wäre ein Wunschszenario. Aber das ist eine Illusion, das gibt es nicht. Wir haben uns für eine Philosophie entschieden: Wir geben ihm die gleiche Unterstützung und das gleiche Material. Wir pushen damit die Performance des Autos, weil sie sich gegenseitig über das Wochenende zu Höchstleistungen treiben. Mit dem Nachteil, dass wir sehr viel Personenmanagement betreiben müssen, weil ihre Oszillationen mal gut, mal schlecht sind und die Gefahr besteht, dass es ins Team übergreift. Es gibt immer einen Gewinner und einen Verlierer, einer ist glücklich und einer unglücklich am Sonntag. Deshalb auch die Entscheidung vor dieser Saison, dass wir die Mechaniker tauschen.

Wie ergänzen sich Hamilton und Rosberg im Team?

Sie haben ganz unterschiedliche Herangehensweisen mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen, die aber zum gleichen Ziel führen. Aber ich möchte sie nicht in eine Schublade stecken – „der eine ist so und der andere ist so“ - weil ich ihnen damit unrecht tue, weil sie sich ja auch beide ständig weiterentwickeln-

Inwiefern wird der eine durch den anderen besser?

In Spanien dieses Jahr crashten die beiden Silberfeinde

Sie entwickeln sich und pushen sich in allen Bereichen zu Höchstleistungen, erkennen aber auch an, dass sie Stärken und Schwächen haben, die anders sind als beim anderen. Ich glaube, das ist eine sehr wichtige Eigenschaft, dass das einem bewusst ist und man sich auf die Stärken konzentriert, statt permanent zu versuchen seine Schwächen zu optimieren.

Wie treiben sie sich gegenseitig an?

Sie sind wie zwei Hochspringer, die sich gegenseitig die Latte immer höher legen. Es ist nicht zu vermeiden, dass die Latte da auch mal herunterfällt. Weil sie Rennfahrer sind, die gewinnen wollen, alleine in ihrem Auto sitzen und der Fahrertitel für sie das ist, was zählt. Und du kannst ihnen auch nicht abverlangen, dass sie von der Einstellung her immer Teamplayer sind. Wenn das Visier runtergeht, ist es einfach eine andere Einstellung.

Der Crash von Spielberg ist schon ein paar Wochen her. Wie schwierig ist es fair zu bleiben bei der Bewertung so einer Kollision?

Es ist wirklich super schwer. Es ist ja nie so, dass zu hundert Prozent der eine Schuld ist und der andere zu null. Sondern es sind immer zwei dran beteiligt. Wir haben den Modus jetzt insofern geändert, dass wir den Montag und den Dienstag nicht miteinander verbringen um zu analysieren, wer ist mehr schuld und wer weniger. Weil wir auch innerhalb der Truppe manchmal unterschiedliche Meinungen haben. Wir haben den Jungs gesagt: Es ist eure gemeinsame Verantwortung und wenn ihr es nicht schafft dieser Verantwortung gegenüber den Mercedes-Mitarbeitern gerecht zu werden, dann müssen wir uns einfach was überlegen, was ihr auch spürt.

Ist es ein Nachteil für Rosberg, dass er seinen neuen Vertrag erst nach den Crashs unterschrieben hat und nun gewisse Verantwortungsklauseln akzeptieren musste?

Österreicher-Kombo bei Mercedes: Wolff und Lauda

Nein, die hatten wir schon drin. Ich war schon in den letzten Vertrag von Nico involviert und auch beim letzten Vertrag mit Lewis. Das sind für mich immer ganz wichtige Aspekte, dass das Team respektiert wird. Dass die Leistung des Teams anerkannt wird. 1.500 Leute bauen unsere Autos und dahinter steht eine Weltmarke mit fast 300.000 Mitarbeitern. Deshalb kann man von Nico und Lewis verlangen, dass sie mit Verantwortung und Respekt fahren.

Die Verträge beider Fahrer laufen 2018 aus. Beginnt danach eine neue Fahrer-Ära bei Mercedes?

Das ist vielleicht verfrüht, das so anzukündigen. Aber es bildet sich jetzt gerade die nächste Fahrer-Generation. Piloten, die das Zeug haben, sehr erfolgreiche Formel-1- Fahrer zu werden. Wehrlein, Vandoorne, Ocon und Verstappen. Den Letzteren kann man jetzt eigentlich schon zu den Arrivierteren zählen. Und dann gibt es die Top Liga, die im Moment auf dem höchsten Niveau operiert, die alle so um die 30 sind. Die sind auf der Spitze ihres Könnens und das werden sie in zwei Jahren auch noch sein. Alonso und Button zum Beispiel sind auch noch sehr stark. Insofern kann man nicht genau sagen, was in zwei Jahren sein wird.

Rosberg hat Anfang des Jahres eine Siegesserie gestartet, aber Hamilton hatte auch gleichzeitig Probleme. Zuletzt schlug er stark zurück. Kann Rosberg Hamilton regelmäßig schlagen, ohne dass er technische Probleme hat?

Absolut, ja. Nico hat einen ungeheuren Speed, den er im Qualifiying umsetzen kann. Dadurch, dass sie so nah aneinander sind, ist die Pole-Position ein großer Vorteil.

Immer wieder sieht man aber auch, wie Hamilton und zuletzt sogar Verstappen, Rosberg bei Mischbedingungen abhängen.

In Ungarn holte Mercedes wieder einen Doppelsieg

Verstappen und Lewis sind mit einem gottgegebenen Talent ausgestattet: Sie können sich in schwierigen Bedingungen sehr schnell anpassen. Und das weiß der Nico auch. Dafür hat er viele andere Vorteile, die er ausspielt. Es wird Rennen geben, die er im direkten Duell oder bei Bedingungen, die nicht eindeutig sind, vielleicht verliert. Aber es wird auch Rennen geben, bei denen Lewis verliert, weil die Nico entgegenkommen. Wo es ums Setup geht, wo es darum geht, die Reifen richtig zu behandeln, die Strategie richtig zu planen. Beide haben alles in allem ihre Stärken und Schwächen, die sich ausgleichen.

Trotz seiner zwei WM-Titel: Wie motiviert ist Hamilton immer noch Rosberg zu schlagen?

Sehr. Vielleicht hat er, nachdem er die Meisterschaft gewonnen hat, einen Hänger gehabt, aber wie viele andere Topsportler auch, hasst es Lewis mehr zu verlieren, als es ihm Spaß macht zu gewinnen.

Wen ist es schwieriger nach einer Niederlage wieder aufzubauen? Rosberg oder Hamilton?

Es ist bei beiden schwierig sie wieder aufzubauen, da beide unheimlich ehrgeizig sind. Nico zeigt es nicht, aber er ist es. Und Lewis zeigt es sofort und beide bewältigen es eigentlich schnell. Denn als Sportler wird man immer mal wieder diesen Misserfolg haben. Du kannst nicht immer gewinnen. Das wissen sie. Trotzdem ist der eine dann zu Tode betrübt und der andere ist es auch, zeigt es aber nicht.
Inwiefern ist es für Rosberg in diesem Jahr wichtiger Weltmeister zu werden als für Hamilton? Immerhin wäre es seine dritte und wohl endgültige Niederlage.


Die Statistik ist natürlich eindeutig. Wenn die Statistik 3:0 stünde, dann ist das für Nico mit Sicherheit etwas, woran er zu arbeiten hat, aber andererseits ist es ja nicht so, dass er weggepustet wird. Sondern ganz im Gegenteil: Bei Halbzeit der Saison trennen sie nur sechs Punkte. Nico muss sich keinen Vorwurf machen, dass er nicht auf der Höhe von Lewis ist, er ist es nämlich eindeutig. Hoffentlich kann er das dann auch umsetzen.

Dabei wird es immer wieder auch zu harten Duellen kurz vor Rennende kommen. Gibt es dann den Funkspruch: Positionen halten!

Es kann sein, dass – wenn wir auf eins und zwei liegen und wir die Autos fertig fahren, weil die Bremstemperaturen durch die Decke gehen und der Spritverbrauch an der Grenze des Akzeptablen ist – wir dann sagen: Ab jetzt kein Racing mehr, weil das Auto sonst nicht hält. Das haben wir vorher nie so klar kommuniziert.

Wie stark ist das Verhältnis zwischen Rosberg und Hamilton mittlerweile abgekühlt?

Wolff weiß, wie er mit seinen Fahrern umzugehen hat

Das Verhältnis verändert sich ständig. Es geht auf und ab. Im Winter ist es in Ordnung, weil sie nicht den direkten Wettbewerb haben. Sobald die Saison losgeht, sind sie einfach nur noch Rivalen. Sie fahren im vierten Jahr gegeneinander und im dritten jahr um den Titel. Dafür haben sie sich verhältnismäßig gut vertragen. Wenn man es mal vergleicht: Bei Williams (Mansell/Piquet) oder McLaren (Prost/Senna) hat es damals ein, zwei Jahre gehalten. Dann ist es unerträglich geworden für das Team. Insofern schlagen wir uns alle tapfer. Wir wissen nicht, wie lange es gut geht. Es kann auch sein, dass wir einen totalen Ausnahmezustand haben, wo wir dann sagen müssen: Wir haben es vier oder fünf oder sechs Jahre geschafft, aber jetzt geht es nicht mehr. Dann kann es sein, dass man die Fahrer austauscht oder die Philosophie verändert. Aber momentan halten wir daran fest, auch wenn es ein wildes Pferd ist, das wir reiten.

Warum wird Rosberg kein Barrichello oder Coulthard?

Bei Schumacher und Barrichello war die vertragliche Situation eindeutig. Und bei David und Mika hat sich David selbst in die Situation hinein gebracht. Er hat es akzeptiert, dass der andere schneller ist. Und genau das würde Nico nie machen. Er ist viel näher dran und hält richtig dagegen. Und das muss man ihm auch hoch anrechnen.

Autoren: Ralf Bach, Bianca Garloff

Fotos: Picture-Alliance

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