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Formel 1: Toto Wolff im Interview

— 10.06.2016

Wie zähmt man Rosberg und Hamilton?

So leitet man ein Weltmeisterteam in der Formel 1: Silberpfeil-Boss Toto Wolff steht AUTO BILD MOTORSPORT im großen Interview Rede und Antwort.

Herr Wolff, wie sehen Sie Ihren Job als Friedensrichter nach der Kollision Ihrer beiden Fahrer vor zwei Rennen in Barcelona?

Toto Wolff: Friedensrichter? Bei uns braucht man keinen Frieden, bei uns braucht man Leistung. Es ist ein Spagat. Wir wollen Fahrertitel und Konstrukteurs-WM gewinnen. Da müssen wir gewisse Dinge in Kauf nehmen. Beide Piloten wissen aber, dass es oberste Priorität hat, beide Autos ins Ziel zu bringen. Das ist vor Barcelona auch 30 Rennen gut gegangen. In Spanien kam es halt zum Super-Gau. Das ist natürlich als Fahrer und fürs Team das Letzte, was man will.

Mit anderen Worten: Alle 30 Rennen eine Kollision ist erlaubt...

In Barcelona räumten sich Hamilton und Rosberg ab

Jedes 30. Rennen würde ich unterschreiben. Warum? Weil wir immer gewusst haben, dass es Risiken birgt, die beiden auf diesem Niveau ohne jegliche Stallregie aufeinander loszulassen. Uns ist klar, dass es unter diesen Bedingungen schon mal zu einem Kontakt zwischen den beiden Autos kommen kann. Kontakt bedeutet, du kannst dann mal Positionen verlieren oder sogar ein Auto. Aber dass sich beide so von der Strecke fahren und das Rennen beendet ist, war natürlich zu viel.

Warum haben Sie so ruhig und ohne öffentliche Schuldzuweisungen reagiert? 2014 war das in Spa noch ganz anders.

2014 war der Druck bei der Kollision in Spa größer. Da wollten wir unseren ersten Titel nicht durch solche Aktionen gefährden. Das war für mich damals eine völlig neue Situation. Mittlerweile haben wir zwei Fahrer - und Konstrukteurstitel gewonnen, eine Menge an Erfahrung und auch viel mehr im Umgang mit den Fahrern gelernt. Wie gesagt: Anders als damals war ein solcher Zwischenfall in unserem Programm drin.

Ist es nicht auch eine Art Luxusproblem, sich mit solchen Sachen beschäftigen zu müssen?

In gewisser Weise ja. Denn unser Auto war so gut in den letzten Jahren, der Vorsprung so groß, dass man sich so was sogar leisten kann. Aber man muss natürlich aufpassen: Wenn Red Bull noch schneller wird und Ferrari zu alter Stärke zurückfindet, können 43 verlorene Punkte plötzlich eine Menge sein.

Mit welchen Maßnahmen versuchen Sie einen weiteren Crash zu verhindern?

Gar nicht. Denn beide haben sich deshalb ohnehin nicht wohl gefühlt in ihrer Haut. Unsere Botschaft ist bei ihnen sehr wohl angekommen, auch ohne Maßnahmen ergreifen zu müssen.

Was haben Sie speziell im Umgang mit Rosberg und Hamilton in den zwei Jahren gelernt?

Erfahrung: Welchen Fahrer muss man wie anfassen?

Wir wissen jetzt viel besser, wie beide funktionieren. Ich weiß, wie ich mit ihnen reden muss, um das Beste aus ihnen herauszuholen. Den Oberlehrer zu spielen bringt bei beiden nicht viel. Ich kann mit ihnen nicht umgehen wie mit ganz jungen Fahrern. Sie fahren schließlich auf dem höchsten Level, das es zurzeit in der Formel 1 gibt. Mit Lewis und Nico begegnen wir uns auf Augenhöhe, aber auf verschiedene Art und Weise.

Heißt auf verschiedene Weise, dass man den einen ein wenig härter rannehmen und den anderen mit mehr Samthandschuhen anfassen muss?

Jeder Mensch muss anders motiviert werden, das gilt übrigens für alle im Team. Dazu muss man sich selbst auch hinten anstellen und zurücknehmen. Es zählt am Ende nur das Ergebnis. Da sind überzogene Egos falsch am Platz.

Fordert der Vorstand nach Ereignissen wie in Barcelona spezielle Stellungnahmen?

Überhaupt nicht. Der Kontakt ist sowieso fast täglich vorhanden. Dieter Zetsche ist für mich ein unheimlicher wichtiger Sparringspartner, der mit Leib und Seele hinter der Sache steht und sehr geradlinig ist. Es ist sehr gut für mich, ein solches Kontrollorgan zu haben - um zu checken, ob ich auch richtig liege mit meinen Entscheidungen.

Wo liegt die Schmerzgrenze in Zukunft?

Wenn die beiden sich nochmal in der ersten Kurve von der Bahn schießen!

Welche Konsequenzen hätte das?

Wenn das öfter passiert, müsste man schon die Option in der Hinterhand behalten, eine Stallregie einzuführen. Das ist klar.

Fanden Sie es erschreckend oder befriedigend, dass das Rennen in Barcelona nach dem Ausfall der beiden Mercedes so spannend war?

Doppel-Aus in Runde eins: Der Gau für Mercedes

Ich habe mich für die Formel 1 gefreut. Auch, weil Max Verstappen stellvertretend für blutjunge Fahrer gezeigt hat, was diese heute schon leisten können. Das betrifft Wehrlein, Ocon oder Vandoorne.

Das heißt, der Sieg Verstappens könnte in Zukunft auch bei Mercedes Entscheidungen leichter machen, einem jungen Piloten wie Pascal Wehrlein den Silberpfeil anzuvertrauen?

Ja, absolut. Er hat schon in der DTM bewiesen, wie man Meisterschaften gewinnen muss. Nämlich an schlechten Tagen noch Punkte einzufahren und an guten Tagen zu gewinnen. Im Moment ist er mit seiner "Lehre" bei Manor auf dem richtigen Weg, um irgendwann im Mercedes zu landen. Er muss als Formel-1-Neuling gleich ein Team mit sich ziehen und das macht er richtig gut.

War Wehrleins Test im Mercedes drei Tage nach dem Crash von Hamilton und Rosberg also kein Zufall?

Es gibt keine Zufälle in der Formel 1. Wir wollten den Stand seiner Entwicklung sehen und machen das weiter so.

Zurück zu Rosberg: Es hat den Anschein, er hat sich in den letzten Monaten zum Alphatier entwickelt. War der Crash eine Konsequenz davon?

Außerhalb des Cockpits hat sich Nico nicht verändert. Aber, ja, seine Siegesserie mit sieben Siegen in Folge hat natürlich sein Selbstbewusstsein gesteigert. Und, ja, in Barcelona war das in dieser Situation nicht gerade förderlich für das Team und auch nicht für ihn. Aber grundsätzlich wollen wir diesen Nico so sehen. Deshalb wird der Zweikampf mit Lewis uns auch noch das ganze Jahr begleiten. Ausgang offen.

Auch weil Hamilton in Monaco bestmöglich zurückgeschlagen hat?

Toto Wolff zuletzt im Fahrerlager von Monte Carlo

Genau. Lewis darf man nicht abschreiben. Weil er einfach immer dann, wenn er die schwierigsten Momente durchlebt, richtig Leistung zeigen kann. Drei WM-Titel machen einen gelassener, dennoch ist Lewis höchst professionell mit der Situation umgegangen. Und dann so einen Sieg zu feiern, wenn es gar nicht mehr schlimmer geht, war mental sehr wichtig.

Gibt es außer Wehrlein auch noch andere, aktuelle Formel-1-Piloten, die für die Zukunft interessant für Mercedes sind?

Im Moment konzentrieren wir uns auf Lewis und Nico. Diese Fahrerpaarung zu behalten hat erste Priorität.

Und wenn ein Sebastian Vettel plötzlich anklopfen würde?

Dann würde ich ihm das Gleiche sagen, was ich ähnlichen Kalibern gesagt habe, als die in den letzten Jahren ihr Interesse kundtaten: Erst sprechen wir mit unseren Stammpiloten. Erst wenn wir uns mit diesen nicht einig werden können, kann man weitersehen.

Wie steht es um die Vertragsgespräche mit Nico Rosberg? Es gab ja schon Gerüchte um Ferrari...

Es würde mich nicht wundern, wenn Ferrari Interesse hätte. Es handelt sich bei Nico schließlich um den Führenden in der WM und um einen großartigen Fahrer. Im Moment ist unser Ziel, mit Nico weiterzumachen. Wenn wir nicht zusammenkommen, müssen wir uns etwas anderes überlegen.

Warum könnte es nicht klappen?

Weil man bei den verschiedenen Vorstellungen der verhandelnden Parteien nicht zu einem vernünftigen Kompromiss kommen könnte.

Wer sitzt in der stärkeren Position bei den Verhandlungen?

Wir wissen, dass wir das stärkste Auto haben, ein sehr starkes Team und auch für die Zukunft gut aufgestellt sind. Das müsste für Nico das Hauptargument sein. Wir wissen aber auch, was wir an ihm haben.

Muss ein Mercedes-Fahrer Deutscher sein?

Dr. Dieter Zetsche neben den Mercedes-Stars

Nicht unbedingt. Daimler ist ein international aufgestellter Konzern. Wir wollen immer die zwei besten Fahrer im Auto haben, egal welchen Pass sie haben. Wenn aber unter diesen besten Piloten ein Deutscher ist, umso besser.

Welche Ziele kann man noch haben, wenn man bald drei Jahre hintereinander alles gewonnen hat?

Die Regeländerungen im nächsten Jahr beispielsweise sind eine große Herausforderung. Auch wenn wir von der Theorie her wieder sehr gut aufgestellt sein werden: Wir müssen das dann auf der Strecke in der Praxis erst mal wieder beweisen.

Wie gehen Sie mit Bemerkungen von Bernie Ecclestone um, der immer wieder behauptet, Mercedes würde mit seiner Dominanz die Formel 1 zerstören?

Bernie ist immer für einen Spruch gut. Er erkennt aber auch unsere Leistung an. Er würde halt gerne noch spannendere Rennen mit viel mehr unterschiedlichen Siegern sehen. Da gibt es verschiedene Interessen und das akzeptieren wir.

Aber das heißt nicht, dass Mercedes ihm bei seinem Wunsch nach mehr Spannung unterstützen wird...

Natürlich nicht. Das ist nicht mein Auftrag. Mein Job ist es dafür zu sorgen, dass wir größtmöglichen Erfolg haben. Fakt ist, dass ein stabiles Reglement automatisch für mehr Spannung sorgt, weil dann alle Teams enger zusammenrücken werden.

Autoren: Ralf Bach, Bianca Garloff

Fotos: Picture-Alliance

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