Österreich GP

Formel 1: Vettel fährt lieber Oldtimer

— 22.06.2014

Alte Autos als Trost

Mit seinem akutellen Auto läuft es für Sebastian Vettel derzeit überhaupt nicht - für die Freude am Fahrern flüchtete er nun in eine alte Rennkarosse.

Immerhin etwas Positives konnte Sebastian Vettel vom verkorksten Heim-Wochenende Red Bulls beim Großen Preis von Österreich doch noch mitnehmen: Am Samstag durfte der Deutsche Oldtimer fahren! Eigentlich sollten nur die österreichischen Legenden Lauda, Marko und Co. mit ein paar Runden für ihre Demo-Fahrt vor dem Start der Formel 1 üben. Doch plötzlich tauchte auch der Vierfach-Weltmeister in der Fanzone vor Kurve eins am Red Bull-Ring auf. Sein Ziel: Helmut Markos BRM von 1971. Vettel strahlte, als er seinen Motorsportchef im alten Overall und das Auto mit Gitterrohrrahmen sah. „Bevor ich fahre, lasse ich erst mal den Jungstar Platz nehmen“, grinste Marko.

Vettel zwängt sich in den alten BRM

Kurze Einweisung, dann Vettel am Gas. Wie ein alter Hase schaltete er in den zweiten, dritten, vierten Gang. Doch in den Kurven versagte die Benzinzufuhr. Vettels Fazit: „War trotzdem super!“ Und dann tat er noch was für sein Gemüt: Overall, Unterwäsche und Handschuhe warf er in die Menge der wartenden Fans. Die jubelten frenetisch. Für Vettel eine schöne Rückmeldung. Durch die aktuelle Misere bei Red Bull muss er seine Motivation woanders suchen. Mit seinem RB10l vergeht dem Heppenheimer immer mehr das Lachen. Innerlich hat er die Saison schon abgeschrieben. Ein Grund ist der schwachbrüstige und defektanfällige Renault-Antrieb.

Auch beim Großen Preis von Österreich verlor Vettel gleich nach dem Start plötzlich den Vortrieb. Der Überholknopf hatte einen Elektronik-Defekt ausgelöst. Der Heppenheimer rollte eine Runde lang vor sich hin. Dann setzte ein Elektronik-Reset das System wieder in Gang. Da war das Rennen längst verloren. Später gab Vettel wegen des großen Rückstands auf, um seinen Motor für die kommenden GP zu schonen. Teamchef Christian Horner fasst sich an den Kopf: „Sebastian zieht das Pech magisch an! Aber irgendwann muss diese Strähne mal zu Ende gehen.“ Drei Ausfälle hat der Weltmeister in dieser Saison nun schon zu verzeichnen. Vettel zynisch: „Langsam gewöhne ich mich an so was. Vielleicht bleibe ich deshalb ruhiger.“

Der Oldtimer lief tatsächlich besser als der RB10

Dazu kommt: Auch sein neuer Teamkollege bringt Vettel in Erklärungsnot. Sechsmal schon war Daniel Ricciardo in dieser Saison schneller in der Qualifikation. Vettel selbstkritisch: „Daniel kommt im Moment mit den Gegebenheiten besser klar.“ Beim Red Bull-Heimrennen in Spielberg haderte der Heppenheimer mit der Reifentemperatur und wurde nur 13. Sein neuer Teamkollege gab einfach Gas und landete auf Rang fünf. Helmut Marko erklärt genauer: „Ricciardo geht unbekümmerter mit solchen Problemen um. Er freut sich, in einem Auto zu sitzen, mit dem man zumindest aus eigener Kraft aufs Podium fahren kann. Sebastian denkt zu viel. Er versucht, das Auto auf seinen Fahrstil zu trimmen. Und das ist in dieser Saison nicht so einfach.“

Diese spezielle Art zu Fahren erklärt Vettels Teamchef Christian Horner für AUTO BILD MOTORSPORT beim gemeinsamen Abendessen. Der Red-Bull-Teamchef legt sein iPhone auf den Tisch im Motorhome und dreht das Hinterteil leicht nach außen. „So bremst Sebastian eine Kurve an“, beschreibt er. „Er driftet um die Ecke und spielt mit dem Gas, fast wie ein Motorradrennfahrer.“ Dann zieht er sein Handy wieder zurück und schiebt es erneut in Richtung der virtuellen Kurve, diesmal aber geradeaus. „So verzögert Daniel, ganz gerade, ohne das Auto anzustellen.“

Red Bulls Helmut Marko (li.) mit Vettel

Langsamer als Ricciardo sei Vettel definitiv nicht. Schneller aber auch nicht. Zumindest im Moment. Horner spielt weiter mit seinem iPhone. „Weil die unterschiedlichen Elemente des Hybridsystems beim Speichern der Energie noch nicht harmonisch zusammenarbeiten, kann Sebastian seine kleinen Tricks derzeit nicht richtig ausspielen. Er muss genauso konventionell bremsen wie Daniel. Deshalb ist er zwar nicht unbedingt langsamer, aber eben auch nicht schneller!“ Ricciardo hat bei Red Bull alle überrascht. Auch und vor allem Christian Horner, der nicht überzeugt war vom Aufstieg des Eigengewächses. „Wir haben eigentlich erwartet, dass er länger brauchen würde, um mit Seb auf Augenhöhe zu sein. Mit seinem Sieg in Montreal hat er uns wirklich positiv überrascht.“

Doch auch Vettel darf gelobt werden. „Ich finde es großartig“, so sein Teamchef, „wie Sebastian mit der Niederlage umgeht. Wie sehr er sich in Kanada mit und für Daniel gefreut hat, zeigt, dass er erwachsen geworden ist. So etwas zeichnet einen ganz großen Champion aus.“ Die Bodenständigkeit hat sich Vettel trotz seiner vier Weltmeisterschaften in der Tat bewahrt. Nach ein paar Runden ließ er bei seiner Ausfahrt doch noch Helmut Marko ans Steuer. Als der Red Bull-Doktor nicht mehr aus dem engen Cockpit kommt, spielt Vettel Mechaniker. Er hilft beim Abschrauben der Karosserie und befreit seinen Chef aus dem Monoposto. Marko weiß wenig später: „Das hat ihm heute gut getan.“

Autor: Bianca Garloff

Fotos: Red Bull

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