Formel 1: 10 Jahre Vettel in der Formel 1

Formel 1: Vettel feiert Zehnjähriges

— 15.06.2017

"Ich war körperlich am Ende!"

Heute vor genau zehn Jahren feierte Sebastian Vettel sein Formel-1-Debüt im BMW-Sauber. Hier erinnert er sich an den GP der USA 2007.

In Indianapolis fuhr Sebastian Vettel am 15. Juni 2007 im BMW-Sauber sein erstes Formel-1-Rennen. Ein Ereignis, das sich heute zum zehnten Mal jährt. AUTO BILD MOTORSPORT sprach schon vor einiger Zeit mit Vettel über den Moment, der sein Leben verändert hat. Heute veröffentlichen wir das Interview exklusiv im Internet. 

Herr Vettel, der 15. Juni 2007 hat Ihr Leben verändert. Sie fuhren vor damals Ihr erstes Formel-1-Rennen. Warum war das DER Meilenstein Ihrer Karriere?
Vettel: Erst einmal: Das kam damals ja unheimlich überraschend. Robert Kubica durfte nach einem heftigen Unfall in Montreal eine Woche zuvor den Grand Prix der USA nicht bestreiten. Ich war Testfahrer, also bekam ich die Chance. Als der damalige Motorsportchef Dr. Mario Theissen mir sagte, ich würde das nächste Rennen fahren, war ich natürlich erst einmal baff. Ich hatte zwar irgendwie damit geliebäugelt, aber nicht damit gerechnet. Also flog ich nach Indianapolis und versuchte cool zu bleiben.

Was Sie offenbar geschafft haben. Sie waren damals mit 19 Jahren und 350 Tagen der jüngste Formel-1-Pilot aller Zeiten, starteten trotzdem von Platz sieben und haben...
Vettel: ... naja, gleich mal ein paar Plätze verloren. Die erste Kurve war wohl ein bisschen optimistisch angesetzt. Ich wollte meine Position verteidigen, nichts verlieren, um freie Bahn zu haben und die Strategie perfekt auszunutzen. Dann aber habe ich mich verbremst und hing plötzlich hinter Nico Rosberg fest. Der fuhr damals gerade sein zweites Jahr im Williams. Aber ich weiß immer noch, wie toll das Gefühl war zwischen den besten Rennfahrern der Welt in der Startaufstellung zu stehen. Ich habe das richtig genossen. Ich wusste ja nicht, wann ich wieder diese Chance bekommen würde.

Das Ergebnis sprach für Sie. Sie wurden Achter und damit der jüngste Fahrer, der einen Punkt geholt hat.
Vettel: Stimmt. Aber mir sind solche Statistiken wurscht. Heute und auch damals schon. Für die Statistiker war das natürlich etwas Schönes. Mir war es aber wichtiger erst einmal einen Stammplatz zu ergattern. Den hatte ich ja noch nicht. Und ich verrate jetzt mal was: Während des Rennens war ich körperlich komplett am Ende, konnte meinen Kopf nicht mehr gerade halten und war dann relativ glücklich, als ich die Ziellinie gesehen habe. Da wusste ich, dass ich noch viel zu tun habe.

Sie fuhren damals mit Achtzylinder-Motoren. Das war doch bestimmt ganz nach Ihrem Geschmack!
Vettel: Das stimmt. Als ich 2005 meine erste Testfahrt hatte, hatte ich noch einen Zehnzylinder im Heck. Damals dachte ich, dass ich den nie beherrschen würde. Auch die Achtzylinder waren immer noch sehr anspruchsvoll – es viele Stellen, wo man die Pobacken zusammenkneifen musste.

Sebastian Vettel nimmt seinen ersten Grand Prix in Angriff

Hätten Sie damals gedacht, dass Sie mal vier WM-Titel im Gepäck haben würden?

Vettel: Bestimmt nicht. Damals habe ich ja gerade erst die Chance bekommen mich zu beweisen und dabei sogar einen Punkt geholt. Das Rennen war deshalb so bedeutend, weil ich dadurch kurze Zeit später einen festen Vertrag bei Toro Rosso bekommen habe und somit mein erstes Stammcockpit fix hatte, in dem ich mich dann weiter beweisen konnte. 2008 hat mein erster Sieg in Monza dann alles Weitere ins Rollen gebracht.

Sie wechselten ein Jahr später zu Red Bull, wurden dort viermal Weltmeister. Damals soll aber auch Ferrari schon auf Sie aufmerksam geworden sein.
Naja, ich fuhr damals immerhin mit einem Ferrari-Motor (lacht). Im Ernst: Den ersten seriösen Kontakt hatte ich tatsächlich 2008 mit Teamchef Stefano Domenicali. Schon damals redeten wir über eine gemeinsame Zukunft. Genau wie mit Michael (Schumacher; d. Red.). Auch er sagte, wie speziell Ferrari ist, wie besonders die Atmosphäre dort ist. Aber zu diesem Zeitpunkt war ich noch zu sehr mit Red Bull verbunden und dankbar, dass sie mir die Chance gegeben haben. Deshalb war ein Wechsel da noch kein Thema. Das wurde es erst im vergangenen Sommer. Da merkte ich, dass ich bereit war quasi von zu Hause auszuziehen.
 
Spätestens seit Ihrem Wechsel zu Ferrari gelten sie als einer der Spitzenverdiener der Formel 1. Hätten Sie sich das an jenem 17. Juni 2007 erträumt?
So sehe ich das nicht. Klar kann ich mir viele Dinge leisten. Aber man merkt relativ schnell, dass es andere Werte im Leben gibt: Freundschaft, Familie, Glück. Die kann man sich mit keinem Geld der Welt kaufen. Zelten im Regen kann genauso schön sein wie ein Urlaub auf einer Trauminsel – wenn man die richtigen Leute um sich hat.

Also würde Sebastian Vettel nicht groß auffallen, wenn man ihn auf dem Campingplatz trifft.
Oder wo auch immer... Ich mache in meiner Freizeit, was normale Leute in meinem Alter so machen. Manchmal gehe ich aus, bin aber kein besonders guter Tänzer. Ich bin eher der Typ, der an der Bar rumsteht und sein Bier genießt. Ich gehe gerne ins Kino und mache ganz normale Sachen. Zu Hause habe ich im Haushalt natürlich Hilfe, ich mache viele Sachen aber auch selbst. Ich bin so viel unterwegs, dass ich es liebe, in meinem eigenen Bett zu schlafen und mein eigenes Frühstück zu machen.

Formel 1: 10 Jahre Vettel in der Formel 1



Über Privates wollen Sie trotzdem nie sprechen. Warum nicht?
Ich will einfach nicht, dass mir die Kameras bis nach Hause, in mein Hotelzimmer oder auf die Toilette folgen. Deshalb schütze ich mein Privatleben und hoffe, dass die Öffentlichkeit das akzeptiert.

Wie hat sich Ihr Leben durch den Erfolg noch geändert – außer dass die Öffentlichkeit ein Stück von Ihnen haben will?
Der erste Titel hat mich entspannter gemacht, weil ich das große Ziel, das ich in meinem Leben hatte, erreicht habe. Das heißt nicht, dass mein Leben danach langweiliger geworden ist – ganz im Gegenteil. Aber während ich früher vielleicht etwas verkrampfter war, genieße ich das alles heute mehr. Natürlich ohne den Fokus zu verlieren. Ich gehe nicht auf jede Party und lasse überall die Sau raus.

Wie genießen Sie denn dann?
Ich habe mehr Blick für die Leute auf der Tribüne, erlebe die Begeisterung und fühle mich als Teil des Ganzen. Beim Rennen in Kanada, als ich mich von Platz 18 vorkämpfen musste, sind die Fans bei jedem Überholmanöver aufgesprungen und haben ihre Fahnen geschwenkt. Irgendwann werde ich nicht mehr Formel 1 fahren, also muss ich solche Momente jetzt aufsaugen so gut es geht.

Sind Sie sich eigentlich manchmal bewusst, was Sie seit Ihrem Debüt erreicht haben?
Ja, für mich ist wirklich ein Traum in Erfüllung gegangen. Dessen bin ich mir bewusst. Schon als Kind habe ich versucht mir vorzustellen, wie es wohl wäre,  in der Formel 1 mit diesem roten Auto zu fahren. Michael Schumacher war halt mein großes Idol – und er fuhr seine großen Erfolge mit Ferrari ein. Aber, halt, stopp:  Ich will hier nicht Red Bull vergessen zu erwähnen. Ich gehörte immerhin 15 Jahre oder mehr dem Red-Bull-Kader an und habe dort große Erfolge gefeiert. Aber, trotzdem: Es ist etwas ganz Besonderes bei Ferrari fahren zu dürfen.

So wie damals bei BMW. Herr Vettel, danke für das Gespräch.

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach

Fotos: Picture-Alliance

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