Sebastian Vettel in Monza vor Teamkollege Mark Webber

Formel 1: Vettel steigert WM-Chancen

— 13.09.2010

Vettel der Taktiker

Mit einem späten Boxenstopp überrumpelte Vettel seine Konkurrenz beim GP von Italien, wurde Vierter und verringerte so seinen Rückstand in der WM auf 24 Zähler. Hamilton fiel aus, Webber neuer Spitzenreiter.

So schnell kann es gehen: Am Samstagabend noch saß ein zerknirschter Sebastian Vettel (23) im Red-Bull-Motorhome und war sichtlich angespannt. Die Frage eines englischen Journalisten hatte ihn aus der Fassung gebracht. "Wenn Mark Webber auch in Monza vor Dir ins Ziel kommt: musst Du dann in den letzten fünf Rennen für Webber fahren?" Vettel reagierte cool, war es aber nicht: "Nein, das denke ich nicht!" In seinem Innern brodelte es noch Stunden später. Zum Abendessen scharte er deshalb seine beiden engsten Vertrauten im Fahrerlager um sich: Vater Norbert und Ex-Teamchef Franz Tost. Mit Tost als Toro-Rosso-Boss hatte er 2008 in Monza sein erstes Formel-1-Rennen gewonnen. Nach dem einstündigen Essen ging es ihm besser.

Nachrichten aus der Formel 1

Übermütig: Bereits in der ersten Runde rammt Hamilton Massa und muss mit einer gebrochenen Vorderradaufhängung aufgeben.

Und es war einer der mentalen Schlüssel zum Erfolg nur 24 Stunden später. Denn da strahlte Vettel im Red-Bull-Motorhome wieder so unbekümmert wie ein Lausbub. Der vierte Platz bei Fernando Alonsos Ferrari-Triumph in Monza (Italien) war für ihn wie ein WM-Sieg. Der Grund: Nach seinem sechsten Platz im Qualifying, zwei Plätze hinter Teamkollege Mark Webber und einen Rang hinter WM-Spitzenreiter Lewis Hamilton, schien der WM-Zug schon abgefahren. Doch während Hamilton sich nach einer Kollision mit Felipe Massa kurz nach dem Start selbst aus dem Rennen warf, brachte ein Genie-Streich Sebastian Vettel wieder zurück in den WM-Kampf. Während alle anderen Fahrer vor ihm ihren Pflicht-Boxenstopp mit erforderlichem Reifenwechsel gegen Rennmitte absolvierten, wartete Vettel damit bis eine Runde vor Schluss und kam dank schneller und konstanter Rundenzeiten auf den weichen Reifen und dem mit drei Sekunden Standzeit schnellsten Boxenstopp der Saison zwei Plätze vor dem neuen Tabellenführer Webber ins Ziel. Folge: zwar nur WM-Platz fünf hinter Webber (187 Punkte), Hamilton (182/McLaren), Alonso (168/Ferrari) und Button (165/McLaren), aber ebenfalls nur noch 24 Punkte Rückstand - einen Zähler weniger als der Lohn für einen Rennsieg seit diesem Jahr.

Unter Druck blüht Red-Bull-Pilot Sebastian Vettel richtig auf

Erleichtert: Nach Fehlern in den letzten Rennen stand Vettel in der Kritik. Seine starke Leistung in Monza ließ diese verstummen.

Vettel fuhr eines seiner besten Rennen, als der Druck der Öffentlichkeit und die Kritik wegen seiner zuletzt hohen Fehlerquote am größten war. Entsprechend glücklich betonte er gegenüber autobildmotorsport.de: "Das neue Punktesystem scheucht die Leute etwas mehr auf als nötig. Mit 24 Punkten Rückstand fünf Rennen vor Schluss muss keiner Panik schieben. In der Ruhe liegt die Kraft, denn am Speed hat es sowieso nie gemangelt." Vettel macht sich selbst Mut. "Kopf hoch und weiter. Ich habe nie einen Grund gehabt in Panik zu verfallen oder die Welt andersrum zu drehen, auch wenn das manche Leute so gesehen haben."

Red Bull erleichtert

Auch sein Red-Bull-Teamchef Christian Horner konnte strahlen. "Monza war mit ihren langen Geraden die für uns schwierigste Strecke im ganzen Jahr. Wenn man mir vorher gesagt hätte, dass wir unseren Rückstand in der WM hier sogar verringern, hätte ich das keinem geglaubt." Der Brite betont weiter: "Jetzt kommen nur noch Strecken, die unserem Auto extrem gut liegen. Deshalb bin ich optimistisch, was unsere Chancen in der WM angeht - auch die von Sebastian Vettel." Zumal der Heppenheimer nach zuletzt zwei Fehlern in Folge beim Rennen in Monza zu alter Stärke und Genialität zurückgefunden hat. Mehr noch: Vettel erwies sich mit seinen 23 Jahren erstmals als gewiefter Taktiker. Es war seine Idee, den Trick mit dem späten Boxenstopp zu versuchen. Vettel: "Schon am Anfang des Rennens hatte ich das Gefühl, dass ich lange mit den weichen Reifen draußen bleiben kann, wenn ich sanft genug mit ihnen umgehe."

Newey: "Sebastian ist unser Reifenflüsterer"

Glücklich: Teamchef Christian Horner und Konstrukteur Adrian Newey (r.) blicken positiv auf die letzten Saisonrennen.

Sein Technikchef Adrian Newey schwärmt: "Fast das ganze Rennen auf einem Reifensatz durchfahren zu können, ist eine besondere Spezialität von Sebastian. Während Mark Webber empfindlich auf bestimmte Aerodyamikvarianten reagiert, ist Sebastian unser Reifenflüsterer. Er weiß genau, wie er mit den Gummis umgehen muss und wie er das Beste aus ihnen rausholt." Auch dass Red Bull sich im WM-Endspurt auf Spitzenreiter Mark Webber konzentriert, muss Vettel nicht befürchten. Zwar dachten die meisten Beobachter beim GP Italien zunächst an Stallorder, als Vettel in Runde 20 seinen Teamkollegen passieren lassen musste und so bis auf Rang acht zurückfiel. Doch den kurzfristigen Leistungsverlust erklärte man bei Red Bull mit einem Feuer innerhalb der Airbox und einer schleifenden Bremse. Teamchef Horner musste lachen, als ABMS ihn auf die Situation ansprach: "Ich weiß genau, wie das ausgesehen hat, aber glauben Sie mir, solange beide Fahrer mathematisch Weltmeister werden können, dürfen sie das bei uns auch!"

Heidfeld übernimmt ab Singapur das Sauber-Cockpit von de la Rosa

Vorfreude: Bereits beim nächsten GP in Singapur übernimmt Heidfeld das Steuer des Sauber-Ferrari und fährt dort die Saison zu Ende.

Beim nächsten Rennen in Singapur darf Vettel zudem auf die Unterstützung eines weiteren Deutschen bauen. Nick Heidfeld (33) gibt seinen Job als Pirelli-Reifentester auf und übernimmt für die letzten fünf GP das Sauber-Cockpit von Pedro de la Rosa. Für die kommende Saison ist das zwar noch keine Stammplatz-Garantie, aber McLaren-Teamchef Martin Whitmarsh, der Heidfeld Ende vergangener Saison selbst auf seiner Fahrerliste hatte, betont: "Ich mag ihn sehr und denke, dass er für Teams mit freien Cockpits noch attraktiver ist, weil er nach seinen zwei Tests den Pirelli-Reifen besser kennt als andere Fahrer. Grundsätzlich finde ich, Nick ist einer der am meisten unterschätzten Fahrer in der Formel 1. Wenn ich ein freies Cockpit hätte, würde ich ihn jedenfalls sofort verpflichten." Pirelli löst in der kommenden Saison Bridgestone als exklusiven Reifenlieferanten in der Königsklasse ab.

Autoren: Bianca Garloff, Ralf Bach

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