Formel 1: Zoff bei Red Bull

F1 in São Paulo: Webber allein gegen alle F1 in São Paulo: Webber allein gegen alle

Formel 1: Zoff bei Red Bull

— 06.11.2010

Webber allein gegen alle

Vor dem Rennen in São Paulo will man bei Red Bull nichts von einer Stallorder zu Gunsten von Mark Webber wissen. Der fühlt sich benachteiligt und teilt kräftig gegen Sebastian Vettel und sein Team aus.

Mindestens fünfzig Journalisten-Augen warten am Donnerstagnachmittag in der engen Red- Bull-Hospitality des Autodromo Jose Carlos Pace in São Paulo auf eine Antwort von Mark Webber (34). Ob er sich an diesem GP-Wochenende schon mit seinem Teamkollegen Sebastian Vettel (23) über mögliche Szenarien im Rennen unterhalten hätte oder dies noch vorhabe, war die Frage. Webber schaut vielsagend in die Runde, sagt aber nichts. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Denn noch immer wartet der Australier, der auf WM-Rang zwei 14 Punkte Vorsprung auf Vettel hat, auf die Schützenhilfe seines Teams und seines Teamkollegen. Doch die viel diskutierte Stallorder wird nicht kommen. Weil Red Bull-Boss Dietrich Mateschitz lieber den Titel verliert, als einen seiner Piloten auf eine für ihn unsportliche Art und Weise für den anderen fahren zu lassen. Und weil Sebastian Vettel mit 25 Punkten Rückstand auf Fernando Alonso zwei Rennen vor Schluss immer noch Chancen auf den Titel hat.

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Mark Webber kann das nicht verstehen, fühlt sich im Team allein gelassen und unterstellt Red Bull, den Deutschen emotional zu bevorzugen: "Technisch betrachtet war alles sehr, sehr gut", deutet der Australier an. Und menschlich? Webber: "Das ist doch verdammt offensichtlich, oder? Wenn ein junger Spund daherkommt, dann fliegen ihm immer die Herzen zu. So ist das einfach" Vorher schon sprach er Vettel jegliches außergewöhnliches Talent ab, von dem die Red Bull-Verantwortlichen so gerne schwärmen. Webber stellte im italienischen Fachmagazin Autosprint fest: "Sebastian arbeitet auch nicht anders als ein Heikki Kovalainen bei Lotus." Was Webber zudem aufstößt: Das Teamchef Christian Horner gegenüber AUTO BILD MOTORSPORT erneut bestätigt hat, er werde das Team um den Heppenheimer herum aufbauen. Horner: "Sebastian ist noch jung und die Zukunft. Um ihn im Team zu halten, müssen wir ihm ein gutes Auto und Umfeld bieten." Webber dagegen sei schon "im Herbst seiner Karriere."

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Und dann war da noch Gerhard Berger. Der Ex-Toro-Rosso-Teambesitzer, der dem Australier unterstellte, er hätte nach seinem Unfall in Korea mit Absicht nicht gebremst, um seine WM-Rivalen Fernando Alonso oder Lewis Hamilton abzuräumen. Webber: "Besonders überrascht mich, dass er das ausgerechnet in einer Red Bull-Fernsehshow gesagt hat. Aber ich habe eine dicke Elefantenhaut." Genau die hat er eben nicht. Denn wie ein verwundetes Tier greift er jetzt seine Gegner an. Das bekam Sebastian Vettel mit dem Kovalainen-Vergleich zu spüren. Und Red Bull-Motorsportchef Dr. Helmut Marko, ein glühender Fan des Heppenheimers, ebenfalls. ABMS liegt exklusiv eine Aussage vor, in der Webber auf Markos permanente Schützenhilfe für Sebastian Vettel reagiert. O-Ton: "Helmut schießt ziemlich oft aus der Hüfte. Das interessiert mich aber nicht. Für mich sind Dietrich (Mateschitz; d. Red.), Christian (Horner; d. Red.) und Adrian (Newey; d. Red.) die wichtigsten Leute im Team." Doch selbst die kritisiert der Red Bull-Pilot plötzlich für ihr fehlendes Bekenntnis zur Stallorder. "Ich glaube natürlich, dass das Risiko steigt, wenn wir gegeneinander fahren und uns möglicherweise aus dem Rennen schießen", sagt er. "Wenn du bis zum Schluss volle Attacke gehen musst, kann dich das vielleicht die Weltmeisterschaft kosten. Aber das entscheiden die Leute, die das Team leiten."

Webber mit Rücktrittsgedanken?

Webber ist mittlerweile so frustriert, dass er Fahrerlagergerüchten zufolge mit Rücktrittsgedanken spielt, sollte er doch noch den Titel gewinnen. Das hat er angeblich einem Fahrerkollegen anvertraut. Gegner Webbers behaupten sogar: Sollte er kein Weltmeister werden, wird Red Bull sich von dem aufmüpfigen Australier trennen, obwohl sie erst im Sommer den Vertrag bis Ende 2011 verlängert haben. So oder so: Der Stallkrieg könnte Red Bull den Titel kosten. Erstens, weil Webber auf und neben der Strecke immer mehr von seiner Souveränität verliert. Zweitens, weil Ferrari-Fahrer Felipe Massa (29) Fernando Alonso (29) seine Hilfe im WM-Kampf jetzt sogar offiziell anbietet. Massa: "Ich habe 2007 schon einmal einen Teamkollegen auf dem Weg zum Titel vorbeigelassen. Ich bin ein professioneller Fahrer." Teamchef Stefano Domenicali bekräftigt gegenüber ABMS: "Die Beziehung zwischen Fernando und Felipe ist tatsächlich okay – auf einer professionellen Ebene. Ehrlich gesagt habe ich noch nie Teamkollegen gesehen, die Freunde sind. Sie müssen zusammenarbeiten und das tun sie. Es gibt keine Geheimnisse, alles ist offen. Und am Samstagabend vor dem Rennen hat Felipe uns und auch Fernando sogar zum Abendessen bei ihm zu Hause eingeladen." 

Domenicali weiter: "Wir arbeiten mit Felipe seit vielen Jahren zusammen und wollen ihn natürlich für die Gegenwart und die Zukunft motiviert halten. Er soll sich weiter als Teil dieser Familie fühlen. Deshalb habe ich nach Hockenheim (wo Massa Alonso den Sieg überlassen musste; d. Red.) unter vier Augen mit ihm gesprochen, ihm versucht die Situation zu erklären und ihn weiter zu pushen. Denn unter der Reaktion einiger Medien hatte er schon etwas gelitten. Dazu kommt: Mit Fernando als Teamkollegen ist es wirklich nicht leicht. Aber Felipe ist mental sehr stark. Immer, wenn er abgeschrieben wurde, kommt er zurück. So wie letztes Jahr nach seinem schweren Unfall. Und er wird auch im nächsten Jahr wieder die gleichen Chancen haben wie Fernando." Ein Problem könnte der kleine Brasilianer aber haben. Ein Staatsanwalt aus São Paulo hat angekündigt, Massa einsperren zu lassen, wenn er Alonso erneut passieren lassen sollte. Hintergrund: In Brasilien gibt es ein Sondergesetz, das die Interessen von Sportfans schützt und ihr Recht, einen fairen Wettkampf zu sehen. Eine Stallorder oder – noch schlimmer – einen freiwilligen Verzicht auf ein besseres Ergebnis könnte man als Verstoß dagegen interpretieren.

Autor: Bianca Garloff

Stichworte:

Mark Webber

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