Formel E 2015/2016

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Formel E: Jacques Villeneuve exklusiv

— 22.10.2015

Wir sind hier nicht in Hollywood

Jacques Villeneuve spricht im Exklusivinterview mit AUTO BILD MOTORSPORT über sein Comeback. Der Ex-Weltmeister verrät: Keine Glatzen-Wetten mehr!

Herr Villeneuve, 2006 sind Sie für BMW letztmals in der Formel 1 gefahren. Fast ein Jahrzehnt später bestreiten Sie nun wieder eine volle Saison im Formelsport. Warum haben Sie sich für ihr Comeback die Formel E ausgesucht?

Jacques Villeneuve: Wann immer ich mir letztes Jahr ihre Rennen angeschaut habe, sah es faszinierend aus. Ich habe mir gedacht: 'Verdammt, warum fährst du da nicht mit? Das könnte dir Spaß machen!' Das Level, sowohl der Fahrer als auch der Teams, ist sehr gut und es geht professionell zu. Es gab also viele positive Aspekte und dann schließlich den Kontakt zu Venturi.

Wie kam ihr Engagement zustande?

Er ist wieder da: Den knallbunten Helm von Jacques Villeneuve kennen die Rennfans auf der ganzen Welt

Im Rennsport kommt es oft auf die richtige Gelegenheit zur richtigen Zeit an. Das war auch in diesem Fall so. Der Teambesitzer (Gildo Pastor; d.Red.) ist wie ich in Monaco aufgewachsen, unsere Wege haben sich schon oft gekreuzt. Am Samstag des Ungarn GP der Formel 1 haben wir erstmals darüber gesprochen, Dienstag war ich schon testen. Dort lief es mit dem Team und den Rundenzeiten bestens. Die Energie bei der ganzen Sache stimmte einfach und das Gefühl war gut. Daher haben wir gesagt: Machen wir’s!

Senna, Prost, Piquet... nun Vielleneuve. Die Formel E hat große Namen, dank ihnen nun noch einen mehr. Was bedeutet das?

Es ist großartig! Man darf den anderen Jungs aber nicht Unrecht tun. Es sind nicht nur ihre Namen, sie waren auch in anderen Serien konkurrenzfähig, sonst wären sie nicht hier. Klar, die Leute wollen Namen, das ist wichtig – die Jungs hinter den Namen müssen aber auch fahren können. Wir sind hier schließlich nicht in Hollywood!

Nun sitzen Sie im Cockpit ihres ehemaligen BMW-Teamkollegen aus der Formel 1, Nick Heidfeld. Haben Sie mit ihm mal darüber gesprochen?

Ladies oder Gents? Der Rennalltag ist stressig, selbst die Pinkelpause nutzt Villeneuve für ein Telefonat

Nicht wirklich. Man sieht die Kollegen immer nur an der Rennstrecke, aber so wirklich Kontakt gehalten habe ich mit niemandem aus dem Rennzirkus. Es ist wie nach der Schulzeit, man verliert sich aus den Augen. So wie früher auf dem Pausenhof ist es dann einfach nicht mehr, auch wenn das schön wäre. Aber jeder hier im Fahrerlager macht seine Arbeit und das sind lange Tage. Mehr als fünf Minuten redet man da nicht, einfach weil man keine Zeit hat.

Trotzdem lockt dieser Stress Sie ja aber ja auch irgendwie - neben ihrem neuen Job bei Venturi arbeiten Sie weiter als TV-Experte, sind bei allen F1-Rennen. Wie schaffen Sie diesen vollen Terminkalender?

Plus: Ich habe vier Kinder! Die halten mich auch auf Trab. Aber ich habe eine ganz wundervolle Frau (Camilla, verheiratet seit 2012; d.Red.), ohne die ich nicht wüsste, wie das alles gehen soll.

Wo liegen die Besonderheiten der Formel E im Vergleich zu anderen Serien?

Vollgas auf der Strecke: Auch im Rookiejahr lautet die Zielsetzung für den Kanadier auf Sieg zu fahren

Der Lärm ist weg, aber das ist kein Problem. Eigentlich ist es sogar ganz angenehm. Man versteht den Ingenieur im Ohr endlich mal und hat am Ende des Tages keine Kopfschmerzen. Außerdem hat sich beim Sound im Motorsport sowieso viel geändert. Ich mochte den Ton, den die alten Autos hatten - früher in den Sechzigern, dieses Brummen. Aber heutzutage ist es auch in der Formel 1 nicht mehr schön und nur noch laut genug, wenn man nahe dran ist. Also fehlt der Formel E da nichts. Zwar sind hier die Höchstgeschwindigkeiten nicht so hoch, das sorgt allerdings dafür, dass die Bremsdistanz im Vergleich zu sonst sehr kurz ist. Daran muss man sich definitiv gewöhnen. Genauso wie an die Tatsache, dass die Power von Beginn an voll kommt, weil man keine Kupplung hat. Wenn man das aber einmal drin hat, ist das Fahren ziemlich ähnlich.

Für welches Konzept hat sich Venturi im zweiten Jahr der Serie entschieden, nun da erstmals eigene Antriebslösungen vorangetrieben werden dürfen?

Wir haben ein normales Konzept, eine Evolution von letztem Jahr, wenn man so sagen will. Ich weiß gar nicht, ob ich dir das verraten darf – aber in unserem Fall bedeutet das ein Getriebe mit vier Gängen, auch wenn wir es wie ein Dreigang-Getriebe fahren. Den ersten Gang benutzen wir nicht, weil wir ihn zu kurz gemach haben. (lacht)

Wir haben eben schon über den Sound gesprochen. Eine Ausnahme gibt es in der Formel E aber dennoch: Der Wagen von ABT ist deutlich lauter als alle anderen. Wie erklärt sich der Fachmann das?

Es stimmt, ihr Motor macht wirklich sehr viel Lärm. Er scheint also irgendwo Hitze zu entwickeln, aber es ist komisch: Denn eigentlich ist es schlechter, je lauter der Motor ist, weil das bedeutet, dass irgendwo Energie verbraucht wird. Je weniger Geräusche der Motor machen kann, desto besser ist es - so lautet zumindest die Theorie. Aber der ABT-Motor scheint trotzdem sehr gut zu sein, obwohl er so laut ist!

Alter Hase oder Neuling – in welcher Rolle sehen Sie sich selbst?

Gespräch mit dem Weltmeister: ABMS-Reporter Frederik Hackbarth und Jacques Villeneuve in der Box

(schmunzelt) Mit 44 Jahren bin ich ein erfahrener Rookie. Trotzdem muss ich hier viel lernen. Zum Beispiel wie man Energie spart. Aber ich mag es, wenn Dinge komplex sind und mich herausfordern. Wie auch die Strecken der Formel E. Die anderen kennen sie alle schon. Diese manchmal schon etwas zu engen Kurse, mitten in der Stadt und mit vielen Bodenwellen, hatte ich auch in meiner IndyCar-Zeit. Ich mochte das immer sehr.

Sowohl bei den IndyCars als auch in der F1 haben Sie in ihrem ersten Jahr für Aufsehen gesorgt. Ich erinnere mich an eine Wette mit David Coulthard und Mika Salo 1996, dass Sie auf Anhieb den WM-Titel gewinnen. Am Ende hat es knapp nicht geklappt und Sie standen alle drei mit einer Glatze da. Sehen wir das heuer wieder?

(lacht und kratzt sich an einer kahlen Stelle am Hinterkopf) Nein, bloß nicht! Mit sowas bin ich wirklich durch. Ich habe ja schon alles und jeden Quatsch mitgemacht. Aber sie haben Recht: Wenn ich der Neuling war, hat es meistens gut geklappt. Ein paar Rennen Eingewöhnung braucht man sicherlich immer. Aber das Ziel ist schon, in der Formel E irgendwann Rennen zu gewinnen. Ich nehme die Aufgabe sehr ernst und bin nicht hier, um Urlaub zu machen!

Wie lange wollen Sie denn in der Formel E fahren?

Da der ganze Deal sehr kurzfristig kam, gibt es noch keine konkrete Vereinbarung für die Zukunft. Aber wenn es gut läuft, wüsste ich nicht, warum nach einem Jahr schon wieder Schluss sein sollte.

Wie sieht es mit weiteren Herausforderungen aus: Auf der Langstrecke in Le Mans zum Beispiel. Oder bei den IndyCars, wo Sie vor einem Jahr in Indianapolis ihr Comeback gegeben haben?

Voll fokussiert: Villeneuve ist bei Venturi ganz in seinem Element - nur zum Spaß fährt er nicht in der Formel E

Es wäre toll in Le Mans zu siegen. Das ist ein Rennen, dass ich unbedingt gewinnen will – den zweiten Platz habe ich dort geschafft (2008; d. Red.), aber das ist nicht gut genug. Nur ist es im Moment schwer, bei einem gutem Team zu landen. Aktuell werden dort nur junge Leute aus anderen Serien genommen – für jemanden wie mich ist da gerade kein Platz, was es schwieriger macht. Gleiches trifft auch auf Indy zu, zumindest wenn man das Extra-Auto eines Teams ist, so wie ich es letztes Jahr war. Das Material ist zwar das gleiche, aber wenn irgendetwas passiert und sie wählen müssen, geben sie die Top-Sachen zuerst den regulären Fahrern, was auch normal ist. Nur fehlt einem dadurch ein bisschen was. Auch hat man nicht den Ingenieur, der das die ganze Saison lang macht. In meinem Fall hat es 2014 aber sowieso noch gut funktioniert, weil das Rennen gut lief...

Letztes Jahr sind Sie in der Steilwand von Indianapolis noch mit 400 Sachen durchs Oval geschossen – im Vergleich dazu muss der Unterschied zur Formel E doch gewaltig sein?

Ja, aber der Speed ist eigentlich gar kein Problem. An den gewöhnt man sich immer. Es geht mehr um den Rhythmus. Und spätestens auf den welligen und winkeligen Straßenkursen wird es sich hier auch wieder schnell anfühlen.

Die Formel-E-Saison beginnt am Samstag (24.10.) in Peking. Lesen Sie morgen in unserem großen Special zum Saisonstart bei AUTO BILD MOTORSPORT, wie Bruno Senna, der Teamkollege von Nick Heidfeld bei Mahindra, seine Zusammenarbeit mit dem Deutschen bewertet.

Autor: Frederik Hackbarth

Fotos: Frederik Hackbarth

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