Formel E 2015/2016

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Formel E: Nelson Piquet Jr. exklusiv

— 24.10.2015

Manche Fahrer wollen alles sein

Nelson Piquet Jr. spricht im Exklusivinterview mit AUTO BILD MOTORSPORT über den Geltungsdrang vieler Kollegen und ein europäisches Ego-Problem.

Herr Piquet, Sie starten als Titelverteidiger in die zweite Saison der Formel E. Ist der Druck für Sie auf Grund der erhöhten Erwartungshaltung nun besonders groß?

Nelson Piquet Jr.: Ganz im Gegenteil – ich sehe das entspannt. Mehr Druck als letztes Jahr geht nicht. So viel Druck wie in London beim Saisonfinale habe ich vorher in meinem Leben noch nie gefühlt. An dem Wochenende lief zunächst alles schief. Trotzdem haben wir am Ende irgendwie doch noch die Meisterschaft gewonnen und damit bewiesen, dass wir das können. Dieses Jahr wird also viel einfacher, denn wir wissen jetzt woran wir sind.

Da sich an der Antriebsfront allerdings sehr viel geändert hat, würden einige Experten ihrer Einschätzung wohl nur bedingt zustimmen...

Angespannter Blick: Nelson Piquet Jr. weiß, dass ihn die Konkurrenten diese Saison besonders jagen werden

Es stimmt schon, dass jetzt jeder verschiedene Antriebe hat und einige werden sicher besser arbeiten als andere. Trotzdem geht es nun einfach darum, langfristig das richtige Motorenkonzept und die besten Einstellungen zu finden. Wenn es aktuell noch nicht passt, ist es wichtig, hart zu arbeiten und für die dritte Saison richtig zu planen. Ich bin auf lange Sicht hier und schaue daher nicht primär auf das morgige Resultat sondern auf die Zukunft.

Vor dem Hintergrund der eher bescheidenen Zeiten ihres Teams beim Test hört sich das fast so an, als dürfte es mit ihrer Titelverteidigung schwierig werden. Stimmen Sie mir da zu?

Klar, unsere Tests hätten besser laufen können. Wir wollen natürlich immer schneller sein. Aber es kommt darauf an, worauf man sich fokussiert. In Zukunft möchten wir einen noch besseren Job machen, aber wir wissen aktuell ja noch nicht, wie gut unser Konzept ist. Das sehen wir erst jetzt beim ersten Rennen in Peking. Wenn wir merken, dass wir nicht gut genug sind, müssen wir eben hart zusammenarbeiten für das dritte Jahr. Wir dürfen nicht in Panik verfallen, müssen ruhig bleiben und dann ein gutes Comeback planen.

Ist es auch deshalb so schwierig, das Kräfteverhältnis unter den Teams einzuschätzen, weil die Formel E auf engen Stadtkursen ihre Rennen fährt, aber auf einem klassischen Kurs wie Donington testet? Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie kein besonders großer Fan davon sind.

Schlechte Testergebnisse: An sechs Tagen in Donington kam Piquet nur ein einziges Mal in die Top-10

Die Strecke bei den Tests ist einfach nicht nützlich für die Strecken, auf denen wir später fahren. Es ist wie mit einem Rallycross-Auto in Silverstone zu fahren. Es bringt nichts.

Sie sind der Meister, haben also genügend Reputation um dieses Anliegen auch bei den Verantwortlichen auf den Tisch zu bringen. Haben Sie das getan?

Ich motze nicht so gerne. Nicht so, wie manch andere Fahrer. Das ist nicht mein Job. Ich setzte mich hin, mache meine Arbeit. Für das, was Sie ansprechen, gibt es einen Teammanager und ähnliche Leute. Jeder hier hat seinen eigenen Aufgabenbereich. Manche Fahrer wollen aber natürlich am liebsten alles sein: Der Ingenieur, der Teamchef und der scheiß Präsident – alles in einer Person! Ich bin gut im Fahren. Darauf konzentriere ich mich.

Scheinbar hat das gut geklappt. Der Titel gibt ihnen sportlich natürlich Recht. Hat ihr Erfolg dem Interesse an der Formel E in ihrem Heimatland Brasilien auch nochmal einen Schub verliehen und wie steht es dort um den Sinn für nachhaltigen Motorsport?

Markante Sprüche und klare Ansagen: Nelson Piquet Jr. beim Interview mit ABMS-Reporter Frederik Hackbarth

Die Formel E ist in Brasilien bekannt, aber nach erst einer Saison orientieren sich die Leute natürlich noch. Es gibt auch welche, die es nicht interessiert, weil sie denken, dass das Auto keinen Lärm macht und nicht schnell genug ist. Leider schauen diese Leute nicht über den Tellerrand hinaus. Allerdings muss man auch dazusagen, dass man Brasilien nicht mit Amerika oder Europa vergleichen kann. Es ist kein Erste-Welt-Land. Man muss es eher mit Indien oder Russland vergleichen. Bis sich solche Technologien bei uns durchsetzen, wir es dauern. Brasilien ist ein armes Land.

Sie waren in ihrer Karriere schon in der Formel 1, auch in Amerika... wo sind Sie am liebsten gefahren?

In Amerika.

Warum?

Bekanntes Muster: Auch Vater Nelson Piquet Sr. trug den Tropfen auf dem Helm und holte drei WM-Titel

Ich habe gelernt, dass die Leute dort Rennen fahren, weil sie es lieben. Das fehlt mir hier manchmal ein bisschen. Gerade heutzutage fahren in der Formel 1 viele Fahrer nur für den Glamour und um zu sagen, dass sie Formel-1-Fahrer sind. Das ist hier mittlerweile leider das Problem im Motorsport, vor allem im Vergleich zu Amerika. In Europa wollen die meisten Leute lieber Letzter mit einem kleinen Team in der Formel 1 sein, als in der Formel E, DTM oder bei den IndyCars Rennen zu gewinnen. Das ist schade.

Was glauben Sie, woran liegt das?

Die Leute hier haben ein Ego-Problem, das ich nicht verstehen kann. Wenn jemand einmal in der Formel 1 war, kann er nirgendwo anders mehr fahren, weil alles als Rückschritt gewertet werden würde. Das ist selbst bei den Teammanagern und Mechanikern so. Weil sie in der Formel 1 waren, können sie nie wieder in der GP2 oder Formel 3 arbeiten.

In Amerika ist das anders?

Wohin steuert der Meister? Mit einer Titelverteidigung wird es im Auto seines Teams NEXTEV TCR wohl schwer

Ja, es ist ein europäisches Problem. Wie gesagt: Die Leute in Amerika fahren, weil sie es lieben. Egal ob jemand zum Beispiel ein Star in der NASCAR-Szene ist – er fährt in jeder Serie, wenn es ihm Spaß macht. Hier ist das nicht so. Das mag ich an der europäischen Motorsport-Kultur nicht, es langweilt mich. Mir gefällt diese Mentalität nicht. Mich persönlich interessiert es einen Scheiß, ob ich in der Formel Renault, Formel 3 oder sonst wo fahre. Ich will einfach nur Rennen fahren und Spaß haben. Gute Fahrer gibt es sowieso überall und damit immer auch eine Herausforderung.

Autor: Frederik Hackbarth

Fotos: Frederik Hackbarth

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