Frauen in der DTM 2006

Frauen in der DTM – lieber schön als schnell? Frauen in der DTM – lieber schön als schnell?

Frauen in der DTM

— 04.04.2006

Lieber schön als schnell

DTM macht auf Show mit hübschen Frauen am Steuer. Eine bei Audi, eine bei Mercedes. Auf der Strecke blieb so eine viel bessere Rennlady.

Blond gegen brünett

Man nehme zwei junge Frauen, beide hübsch anzuschauen. Man gebe ihnen ruhig ganz alte, garantiert nicht mehr siegfähige Autos. Man lasse sie damit getrost gegen 18 Männer in viel besseren Karren Rennen fahren. Und man sei sich trotzdem toller Schlagzeilen über die Vollgas-Amazonen gewiß.

Das ist eines der neuen Konzepte der Deutschen Tourenwagen Masters (DTM). Um der nach Opels Rückzug zum Audi-Mercedes-Zweikampf geschrumpften Rennserie neue Würze zu verleihen. Die Namen der gerade frisch ausgewählten Scharfmacherinnen: Vanina Ickx und Susie Stoddart.

Brünett gegen blond, 31 Jahre gegen 23, die Tochter des belgischen Ex-F1-Vizeweltmeisters und sechsfachen Le-Mans-Siegers Jacky Ickx gegen Großbritanniens hochgelobte Nachwuchspilotin. Gemeinsam haben sie nur: Sie starten in 2004er Gebrauchtwagen – Ickx im Audi A4 des neuen Midland-Teams, Stoddart in der dritten Mercedes C-Klasse der Mücke-Mannschaft.

"Reine PR-Nummer!"

Erst mit 21 Jahren fuhr Vanina Ickx ihr erstes Autorennen. Das war 1996. In den letzten Jahren sammelte sie Erfahrung in diversen Tourenwagen und Sportwagen. Zu ihren größten Erfolgen zählen drei dritte Plätze in der Le Mans Endurance Series 2005 in einem 580 PS starken Dallara-Judd-Prototypen.

Wie die Ickx scheint auch Susie Stoddart – übrigens nicht verwandt mit Ex-Minardi-Teambesitzer Paul Stoddart – bei der Vergabe von Selbstbewußtsein dreimal "Hier!" gebrüllt zu haben. So bezeichnet sie sich auf ihrer Homepage als "beste Rennfahrerin der Welt". Von Kindesbeinen an arbeitete sie sich die klassische Karriereleiter rauf. Als 15. der Kart-WM stieg sie in die Britische Formel Renault auf, belegte dort 2004 Platz fünf in der Meisterschaft und wollte 2005 in der Britischen F3 um Siege kämpfen. Doch mehr als zwei Rennen (P9 und 11) sollten es nicht werden – ein Knöchelbruch abseits der Piste zwang die attraktive Schottin zur Pause für den Rest der Saison. Jetzt ist sie wieder fit, fit zum DTM-Debüt am 9. April 2006 in Hockenheim.

"Was soll das werden – ein Hühnerkampf?", schüttelt Ellen Lohr den Kopf. "An sich finde ich es gut, daß man Frauen in der DTM eine Chance gibt – doch mit 2004er Autos fahren die beiden hoffnungslos hinterher. Das ist doch eine reine PR-Nummer!" Ellen Lohr ist die einzige Frau, die bisher ein DTM-Rennen gewann. 1992 kämpfte sie in einem nervenaufreibenden Rennen ihren Mercedes-Teamkollegen Keke Rosberg nieder.

Es gibt schnellere Rennladys

Gewiß, die beiden neuen Vollgas-Beauties sind nicht lahm, doch: Es gibt anerkanntermaßen schnellere Rennladys als die beiden. Und die wohl beste Tourenwagen-Pilotin der Welt kommt gar aus Deutschland: Claudia Hürtgen. "Die einzige Frau, die derzeit von ihrem Können wirklich in die DTM gehört, ist Claudia. Sie hätte sogar ein 2006er Auto verdient", betont Kollegin Lohr.

Tatsächlich sammelt Hürtgen einen Sieg nach dem anderen. Sie ist Meisterin in der Langstreckenmeisterschaft Nürburgring und schnappte den männlichen Kollegen zuvor bereits in der Deutschen Tourenwagen Challenge und in der DMSB-Produktionswagen-Meisterschaft den Titel vor der Nase weg. Sie gewann auch in der American Le Mans Series in einem MG-Lola-Prototypen und genießt weltweit sehr großes Ansehen.

Auch Hans-Joachim Stuck ist voll des Lobes: "Vor Claudia ziehe ich den Hut dreimal bis zum Boden. Sie könnte auch in der Tourenwagen-WM locker vorn mitfahren." Doch warum wurde ausgerechnet die erfolgreichste Tourenwagen-Pilotin noch nie zu einem DTM-Test eingeladen? Zählen bei Rennfrauen wallende Mähne und perfekter Lidstrich mehr als schwerer Gasfuß und harterkämpfte Meistertitel?

Kaum Chancen, aber ein Einstieg

Claudia Hürtgen versucht die Sicht von der lockeren Seite: "Vielleicht denken alle Sportchefs, ich sei mit BMW (die ihr ja auch noch keinen erstklassigen Werksvertrag gaben; Anmerkung der Redaktion) verheiratet. Aber ich muß wohl auch nicht neidisch darauf sein, daß zwei andere Frauen nun mit zwei Jahre alten Autos mitfahren dürfen."

"In den alten Autos werden Susie und Vanina kaum Chancen haben. Aber als Einstieg ist ein 2004er Auto doch gar nicht schlecht", findet Ex-Formel-1-Weltmeister und Ex-DTM-Racer Keke Rosberg. "Die beiden Mädels bringen sicher frischen Wind in die DTM. Und warum sollte nicht irgendwann auch mal wieder eine Frau ein Rennen gewinnen?" So macht der Finne der weiblichen Racer-Welt vage Hoffnung.

Dieses Jahr können Frau Ickx und Frau Stoddart nur gegeneinander gewinnen oder verlieren. Und dabei geht's nie um Siege oder Titel – sondern nur um die Show.

Drei Fragen an den Rennarzt

Der Sportmediziner Dr. Riccardo Ceccarelli (45) betreut zahlreiche Rennfahrer bis hin zur Formel 1. Auto Bild Motorsport fragte ihn, ob Frauen im Männersport Autorennen überhaupt Chancen haben.

Auto Bild Motorsport: Sind Frauen aus sportmedizinischer Sicht genauso gut für den Motorsport geeignet wie Männer? Dr. Riccardo Ceccarelli: Nach all meinen Untersuchungsergebnissen gibt es keinen Grund, warum Frauen im Rennauto nicht genauso schnell sein sollten wie Männer. Männer sind von ihrer Kraft deutliche bevorteilt. Aber so viel Kraft braucht man gar nicht, um ein DTM-Auto schnell zu fahren. Es kommt eher auf eine gute Kondition und Konzentration an.

Können Frauen denn konditionell genauso fit sein wie Männer? Ganz klar: ja. Frauen müssen zwar knapp 15 Prozent mehr trainieren als Männer, um die gleichen Ziele zu erreichen, aber das ist kein Problem.

Sind Frauen denn genauso risikobereit und aggressiv wie Männer? Männer sind aufgrund des Hormons Testosteron aggressiver und finden auch stärker Gefallen an Sportarten wie zum Beispiel Boxen. Aber im Rennsport ist Aggressivität gar nicht so wichtig. Wer zu aufgewühlt ist, der neigt auch schneller zu Fehlern. Viel wichtiger ist Selbstvertrauen. Und in diesem Bereich konnte ich bisher keinen Unterschied bei den Geschlechtern feststellen.

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