Freiwillige Selbstbeschränkung

VW Phaeton W12 VW Phaeton W12

Freiwillige Selbstbeschränkung

— 10.07.2002

Fällt die Tempobarriere?

Die Beschränkung auf 250 km/h Spitze beginnt bei einigen Autoherstellern leise zu bröckeln.

Phaeton und SL 55 AMG ungebremst

Bei Tempo 250 ist Schluss - diese Regel gilt seit den achtziger Jahren für die stärksten Fahrzeuge aus deutscher Produktion. Denn bis auf den Sportwagenhersteller Porsche und einige Tuner hatten sich einst alle Autobauer des Landes auf diese freiwillige Selbstbeschränkung geeinigt. Nun allerdings beginnt das selbst auferlegte Limit zu bröckeln. So hat Volkswagen erklärt, sein neues Top-Modell, die Luxuslimousine Phaeton, auf Wunsch auch ohne elektronisches Abregeln zu liefern. Experten vermuten, dass weitere Hersteller nachziehen.

"Serienmäßig wird der Phaeton mit einer auf 250 km/h beschränkten Höchstgeschwindigkeit angeboten", sagt Volkswagen-Sprecher Jens Bobsien. "Auf speziellen Kundenwunsch wird es jedoch auch eine ungebremste Ausführung geben, die eine Geschwindigkeit von etwa 285 km/h erreicht." Wie hoch der Anteil der schnellen Phaetons sein wird, lässt sich laut Bobsien noch nicht absehen.

Bei Mercedes können gut Betuchte dagegen schon jetzt fündig werden. Dort wird der SL 55 AMG als betont sportliche Ausführung des Luxus-Roadsters auf Wunsch bereits ohne Tempobegrenzung ausgeliefert. "Die Maßnahme kostet 1500 Euro inklusive neuer Reifen für die höhere Geschwindigkeit", sagt Mercedes-Sprecher Florian Moser. Möglich sind mit dem schnellen SL demnach 275 bis 280 km/h. Allerdings weist Moser darauf hin, dass dieses Auto ohnehin nur in "homöopathischen Dosen" verkauft wird. Bei den übrigen Modellen mit dem Stern bleibe es dagegen bei Tempo 250 - vorerst. Moser: "Wenn der Kunde vermehrt Autos ohne Begrenzung verlangt, müsste man sicher noch einmal darüber nachdenken."

Audi und BMW bleiben eisern – vorerst

Als nächster Kandidat für das Durchbrechen der selbst errichteten Tempobarriere wird von vielen Experten Audi angesehen. Schließlich präsentierten die Ingolstädter mit dem 450 PS starken RS6 gerade eine Kraft-Limousine, die ohne technische Eingriffe knapp 300 km/h erreichen würde. Gemunkelt wurde daher bereits von einer Version, die zumindest bis 280 km/h fahren dürfte. Doch eine solche Ausführung wird es vorerst auch "nicht für Geld und gute Worte" geben, so Audi-Sprecher Udo Rügheimer. "Bei uns bestehen derartige Überlegungen nicht. Wir halten uns bis auf weiteres an die Selbstbeschränkung." Wobei man aber immer die Konkurrenz im Auge hat: "Wenn alle Mitbewerber davon abrücken, müssen wir neu nachdenken." Bei BMW gibt es laut Sprecher Andreas Sauer zur Zeit auch keine Überlegungen, die Höchstgeschwindigkeiten zu erhöhen. "Alle Fahrzeuge werden bei 250 abgeregelt." Das gelte auch für die besonders sportlichen M3- und M5-Modelle.

Wenn sich jedoch die Liga der deutschen Luxushersteller einmal doch nicht mehr damit abfinden sollte, dass ungebremste Phaeton die Überholspur beherrschen, muss sie sich nicht einmal auf einen großen Aufschrei der Verkehrssicherheitsexperten einstellen. "Für uns ist das kein fundamentales Thema", sagt Rainer Hessel von der Deutschen Verkehrswacht. "Man kann mit einem Auto auch unterhalb von Tempo 250 viel Blödsinn anstellen." Und gerade in den vielen anderen Bereichen des täglichen Verkehrs geschehe ein Großteil der Unfälle - Hochgeschwindigkeitsunfälle seien dagegen relativ selten.

Allerdings weist Hessel darauf hin, dass sehr große Geschwindigkeitsdifferenzen auf den Autobahnen auch Gefahren bergen. Wer mit durchschnittlichem Tempo auf die Überholspur ausschert, wird vermutlich arg überrascht sein, wie schnell sich ein mehr als 250 km/h schnelles Auto nähert. Dessen Fahrer wiederum dürfte alle Mühe haben, die brisante Situation zu entschärfen. Die Justiz hat längst erkannt, dass es schon bei niedrigeren Geschwindigkeiten gefährlich wird. "Eine Entscheidung des Bundesgerichtshofes besagt, dass die Betriebsgefahr im Auto ab Tempo 180 steigt", sagt Maximilian Maurer vom ADAC. "Bei höherem Tempo muss immer damit gerechnet werden, dass man bei einem Unfall eine Mitschuld bekommt."

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