Führerschein für Verkehrssünder

Mit neuer Pappe aus Prag Mit neuer Pappe aus Prag

Führerschein für Verkehrssünder

— 24.01.2005

Mit neuer Pappe aus Prag

Dubiose Vermittler lotsen deutsche Promillesünder zur Fahrprüfung nach Tschechien. Reporter Oliver Lauter war heimlich dabei.

EU-Fahrlizenz für 1775 Euro

Promillesünder, Drogenkonsumenten und notorische Verkehrsrüpel zieht es seit einiger Zeit in das benachbarte Ausland. Ihre Reiseziele liegen in Polen, Tschechien oder den Niederlanden. Führerscheintourismus hat Konjunktur – und das aus gutem Grund: In einem Urteil vom April 2004 hat der Europäische Gerichtshof bestimmt, daß die EU-Mitgliedstaaten ihre Führerscheine gegenseitig anerkennen müssen.

Deutsche dürfen ihre Fahrerlaubnis im EU-Ausland absolvieren, wenn sie sich dort mindestens 185 Tage aufgehalten haben. Eine entsprechende Bestätigung läßt sich mit allerlei Tricks ergaunern, etwa durch Anmeldung an einem Scheinwohnsitz oder mit der Bestechung von Beamten.

Bei Führerscheintouristen hoch im Kurs stand zuletzt Tschechien, denn dort gilt die Wohnsitzregelung erst seit wenigen Tagen. Um live dabeizusein, wie dubiose Schlepper deutsche Promillesünder für viel Geld in den Osten locken, melden wir uns verdeckt bei einem bayerischen Führerscheinvermittler an – der Firma EPK-Media im grenznahen Waldmünchen. 1775 Euro kostet hier die tschechische EU-Fahrlizenz.

"90 Prozent der Leute bestehen beim ersten Mal", sagt der Führerscheinvermittler von EPK am Telefon. "Das wird ein Spaziergang für Sie."

Geheimzeichen für die Prüfung

Montag, 12.00 Uhr: An einem trüben Wintertag komme ich auf dem Bahnhof in Pribram an, einer trostlosen Kleinstadt, etwa eine Stunde von Prag entfernt. Es riecht nach verbrannter Braunkohle, der Smog hängt tief über dem Talkessel. Viele sind hier arbeitslos. Nur eine Branche boomt: der Fahrschultourismus. Minütlich fahren neue Ford Fiesta und Citroën C2 mit Fahrschulaufkleber an uns vorbei. "Deml und Stefan" heißt meine Fahrschule. Sie liegt direkt am Bahnhof und ist nur durch eine Hintertür zu erreichen.

14 Uhr: Ich lerne die anderen aus der Gruppe kennen: einen Ministerialbeamten, einen Landwirt, den Personalchef einer Handelskette, einen Therapeuten und ein Rentnerpaar. Allesamt erwischt mit Alkohol oder Drogen am Steuer. Der Dolmetscher fragt, wer schon mal schwarz, also ohne Führerschein, gefahren ist. Alle heben die Hände. Rund 1000 Deutsche, so wird erzählt, schleust allein dieser Betrieb pro Jahr durch. In Pribram gibt es etwa 20 Fahrschulen. Unseren Ausbildern ist das Wurscht, sie wollen uns nur durch die Prüfung bringen. Daß der Beamte mit Alkoholfahne in den Fahrschulwagen steigt, interessiert sie nicht. Ich soll derweil Fragebögen ausfüllen. Die Texte sind schlecht ins Deutsche übersetzt und die Fragen oft kaum zu verstehen. Da hilft nur auswendig lernen.

17.30 Uhr: Endlich darf ich fahren. Lehrer Deml erklärt mir die Geheimzeichen für die Prüfung: Zeigefinger heben bedeutet blinken, Hand anheben heißt anhalten. Aha. Nebenher erzählt er, daß die Fahrschulen nur einen Hungerlohn erhalten. Während EPK-Media 1445 Euro einstreicht, bekommen Deml und Stefan lediglich 280 Euro und der Dolmetscher 50.

19.30 Uhr: Einchecken in der Unterkunft. Das Hotel Asia ist fast ausgebucht mit deutschen Führerscheinanwärtern. In der Lobby geht die große Sauferei los. Jack Daniels auf ex, Bier und etliche Wodka stehen auf dem Programm. Ich halte mich am Mineralwasser fest. Schließlich ist übermorgen Prüfung. Als die Taxis Richtung Bordell geordert werden, verabschiede ich mich zum Lernen aufs Zimmer.

Gefälschte Fahrtenbücher für alle

Dienstag, 4.30 Uhr: Ich werde wach, weil der Beamte nebenan lautstark ins Klo erbricht. Beim Frühstück treffe ich ihn wieder. Die Stimmung ist aggressiv. Mal lacht er dich an, mal will er zuschlagen, dann heult er wie ein Schloßhund. Ein Alkoholiker auf Entzug.

10 Uhr: Zurück in der Fahrschule. Wir müssen Fahrtenbücher unterschreiben. Für Touren, die wir nie gemacht haben: im Oktober, November, Dezember... Die Fahrlehrer stehen nur auf dem Papier, keiner von denen hat uns jemals gesehen. Der Erste-Hilfe- Kurs mit Krankenschwester Brokova ist reine Erfindung. Der Beamte bekommt plötzlich Skrupel: "Das ist doch Urkundenfälschung..." Schließlich unterschreibt er. Nach neun Jahren Autoabstinenz und zwei vergeigten MPUs will er endlich wieder fahren.

15 Uhr: Wir füllen Prüfungsbögen aus. Für den praktischen Teil gibt man uns drei Tips: 1. Nach jeder Kreuzung ist das Tempolimit aufgehoben. 2. Blinken, wenn man in den Kreisverkehr fährt; blinken, wenn man herausfährt. 3. Vor dem Bahnübergang maximal Tempo 30. "Das war's, bis morgen."

17.30 Uhr: Im Hotel frage ich den Personalchef, was ihn nach Pribram treibt. Er sei mit 1,7 Promille in die Leitplanke gekracht, berichtet er. "Bis ich die MPU schaffe, kann es noch Jahre dauern. Wenn ich nicht bald wieder fahren darf, bin ich meinen Job los."

19.45 Uhr: Erneutes Zechgelage. Auch das obligatorische Rotlicht-Taxi wird wieder bestellt. Ich fühle mich hundeelend, will nur raus aus der Führerscheinhölle von Pribram. Bis ein Uhr nachts lerne ich noch für die Prüfung. Dann falle ich in einen Dämmerschlaf, das Grölen aus der Bar in den Ohren.

Im Vollrausch durch den Test

Mittwoch, 7.30 Uhr: Frühstück. Auf dem Tisch liegen Kassenbons von unserem Beamten: drei Wodka. Und das am frühen Morgen.

9 Uhr: Als ich in die Fahrschule komme, sind die tschechischen Prüfer bereits da. Der schriftliche Ankreuztest ist leicht. Im Gegensatz zur deutschen Prüfung (750 Fragen) gibt es in Tschechien nur etwa 300 Fragen. Alle bestehen. Nur der alkoholkranke Beamte, mittlerweile im Vollrausch, rasselt durch den Test. Mit geröteten Augen springt er auf den Prüfer los, schreit: "Ich reiß dir den Kopf ab." Auch den Fahrlehrer will der rabiate Führerscheinanwärter verpügeln. Um den Kerl loszuwerden, läßt man ihn den Test wiederholen. Im zweiten Anlauf packt er es schließlich.

11.30 Uhr: Die praktische Fahrprüfung läuft. Ich muß 25 Minuten um den Block fahren. Kein Einparken. Kein Anfahren am Berg. Geschafft!

14 Uhr: Ich gebe die Dokumente in der Gemeinde ab. In nur 48 Stunden habe ich meinen EU-Führerschein. Die Schlepper von EPK-Media haben Wort gehalten und uns durch die Prüfung geboxt. Was sie unseren Alkoholikern verschwiegen haben: Die deutschen Behörden sind berechtigt, eine MPU nachzufordern. Wer sie nicht liefern kann, dem nützt der neue Führerschein gar nichts.

Die Rechtslage

Wer mit einer EU-Fahrerlaubnis in Deutschland fährt, die er nach Ablauf der in Deutschland verhängten Sperrfrist erworben hat, macht sich nicht wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis strafbar. Noch unklar ist aber, ob die deutsche Fahrerlaubnisbehörde nicht über das Kraftfahrt-Bundesamt prüfen darf, ob bestehende Eignungszweifel im Verfahren auf Erteilung der EU-Fahrerlaubnis berücksichtigt und ausgeräumt wurden.

Es besteht für die deutsche Führerscheinstelle grundsätzlich die Möglichkeit, auch gegenüber dem Inhaber einer ausländischen Fahrerlaubnis eine MPU anzuordnen, wenn ihr Tatsachen bekannt werden, die Bedenken an dessen Eignung zum Führen von Kraftfahrzeugen begründen. Dem Betroffenen kann dann bei negativem Ausgang oder Nichtvorlage der MPU das Recht versagt werden, von der EU-Fahrerlaubnis in Deutschland Gebrauch zu machen.

Daß die Hoffnung mancher Verkehrssünder aufgeht, sich wegen Fahrerlaubnisentziehung nach Ablauf der Sperrfrist durch Begründung eines (Schein-)Wohnsitzes im EU-Ausland wieder einen Führerschein zu besorgen, muß bezweifelt werden. Diese Gesetzeslücke wird geschlossen werden.

Diesen Beitrag empfehlen

Anzeige

Automarkt

Finden Sie im Automarkt von autobild.de Ihren Gebrauchtwagen.

Bei autohaus24.de Neuwagen günstig kaufen und Geld sparen.