Führungskrise bei Volkswagen?

Piëchs langer Schatten Piëchs langer Schatten

Führungskrise bei Volkswagen?

— 09.09.2002

Piëchs langer Schatten

Der neue VW-Chef Bernd Pischetsrieder hat bislang wenig bewegt. Und die Probleme wachsen.

Piëch, scheint es, gibt weiter den Ton an

Freitag (6.9.) war es so weit. Die erste Aufsichtsratssitzung nach seinem Abgang, zu der Piëch den Konzernvorstand in das rot verklinkerte VW-Hochhaus bat. Alles wie früher. Die Konzernvorstände am Tisch, Piëch mittendrin. "Es war wie in alten Zeiten", schwärmten Manager. Vorstandsboss Pischetsrieder musste seinem Chefaufseher Rede und Antwort stehen. Und zwar lange.

Ist da jemand? Allerdings. Ferdinand Piëch, immer noch. Obwohl der vor fünf Monaten seinen Chefsessel beim Volkswagen-Konzern räumte, obwohl der längst nicht mehr in Wolfsburg, sondern in Salzburg wohnt, setzt der neue Chef Bernd Pischetsrieder Duftmarken allenfalls mit seinen edlen Zigarren. Das wahre Sagen im Hause VW hat, so scheint es, noch immer der alte Chef, Ferdinand Piëch, der "große Meister", wie ihn seine Manager nennen.

Und der Neue eifert dem Alten nach, bisweilen übereifrig: Noch stärker als Piëch bündelt Pischetsrieder die Macht bei sich. Der frühere BMW-Chef sitzt nicht nur dem Konzernvorstand vor. Er führt auch die VW-Gruppe (VW, Skoda, Bentley und bald Bugatti), er leitet die neuen Ausschüsse für Produktplanung, Entwicklung und Qualität und er ist Chef der Aufsichtsräte von Audi und Seat. Er ist für den wichtigsten Absatzmarkt Europa verantwortlich und er steht dem Finanzierungs- und Strategieausschuss vor. "Pischetsrieder verantwortet nicht nur, welche Neuheiten es gibt, sondern auch, wer das Geld dafür lockermachen muss", sagt ein VW-Manager.

Pischetsrieder übt sich in Geduld

So eine Machtkonzentration gab es bei VW noch nie, sagen sich die Wolfsburger, um der Skepsis gleich eilfertig das Lob folgen zu lassen: "Eine ungeheure Leistung sei das", "auch menschlich" sei Pischetsrieder "auf Draht". Der Neue begegne Mitarbeitern "häufig mit einem Lächeln" und lege "sympathische Züge" an den Tag.

"Netter, fleißiger Kerl", könnte man all das zusammenfassen, doch die Bewährungsprobe für Pischetsrieder ist hart; in keinem Bereich ist der Konzern derzeit so aufgestellt, wie es sein sollte. Die Markteinführung des VW-Flaggschiffs Phaeton läuft langsamer an als geplant. Die wichtigsten Umsatzträger Golf und Passat kommen in die Jahre, was zu sinkenden Verkaufszahlen führt. Die tschechische Tochter Skoda muss neu ausgerichtet werden. Das Gleiche gilt für die VW-Tochter Seat, weil deren Verluste auf die Konzernbilanz drücken. Bei Audi laufen die Geschäfte zwar sehr gut, doch wird an der Donau zurzeit an zahlreichen neuen Prototypen gefeilt, mit der die Ingolstädter BMW Konkurrenz machen wollen. Vor allem die Entwicklung eines Sportwagens, der zwischen dem Zweisitzer TT und dem zur Audi-Markengruppe gehörenden Superflitzer Lamborghini positioniert werden soll, verlangt viel Kraft.

Aktion ist angesagt, doch Pischetsrieder übt sich in Geduld, vor allem in Personalfragen. Da setzt er auf Vorstände, die schon unter Piëch Dienst leisteten: Rechtsvorstand Jens Neumann, Personalleiter Peter Hartz, Produktionschef Folker Weißgerber, Vertriebsmanager Robert Büchelhofer und der frühere Chefentwickler und jetzige Audi-Boss Martin Winterkorn gehören nach wie vor dem Konzernvorstand an. Und dass Finanzvorstand Bruno Adelt zum Jahresende durch Hans Dieter Pötsch, Chef des Stuttgarter Autozulieferers Dürr, abgelöst wird, ist seit langem geplant.

Audi-Chef Winterkorn setzt Zeichen

In Wolfsburg guckt man sich den Neuen an und rätselt: Geht Pischetsrieder auf Schmusekurs mit seinem Aufsichtsratschef? Oder ist er mit den Grundregeln der Machterhaltung des 350.000 Mitarbeiter zählenden Großkonzerns nicht vertraut? "Es gibt keinen Handlungsbedarf", winkt man in der Chefetage ab. Die Vorstände hätten schon Piëch zum Erfolg verholfen.

Dabei macht Audi-Chef Winterkorn Pischetsrieder vor, wie man Zeichen setzt: Kurz nachdem der Schwabe vom Mittellandkanal an die Donau wechselte, tauschte Winterkorn seinen Kommunikationschef aus. Das dürfte nicht die letzte Personalveränderung sein: Nach Informationen von WELT am SONNTAG steht auch der Abgang von Entwicklungschef Werner Mischke bevor. Der Grund: Mischke habe das Desaster mit dem Audi TT (musste kurz nach der Markteinführung aufwendig nachgebessert werden) zu verantworten.

Winterkorn ist um das Vertrauen seiner Belegschaft bemüht, die vor allem eines fürchtet: von den Wolfsburgern an die kurze Leine genommen zu werden, zumal der Audi-Chef bei VW im Vorstand bleibt. Doch Winterkorn beschwichtigt: "Der Draht nach Wolfsburg ist künftig kürzer, was zum Vorteil von Audi ist", um dann nachzulegen, dass, um Geld zu verdienen, "Entscheidungen natürlich im Interesse des Konzerns gefällt werden müssten, bei denen die Marke Audi auch mal geben muss statt zu nehmen". Offenheit, die in Ingolstadt verblüfft – und für Vertrauen gesorgt hat.

Winterkorn muss als Chef der Audi-Markengruppe nicht nur die Ingolstädter auf der Erfolgsspur halten, sondern auch Seat profitabel machen. Und bleibt dabei ganz dem Vorbild des "großen Meisters" treu: Auch nach seinem Wechsel an die Vorstandsspitze habe Piëch die Hälfte seiner Zeit der Entwicklung gefrönt. Bei ihm, Winterkorn, werde es nicht anders sein. Die Parallelen versprechen noch mehr: Auch Piëch stellte als Audi-Chef seine Fähigkeiten unter Beweis. Und ging dann nach Wolfsburg – als Chef.

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