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Fünf Generationen VW Golf GTI — AUTO BILD TEST & TUNING 12/2004 — 10.11.2004

Schärfer denn je?

Fünf auf einen Streich: Ist der neue GTI (links) wieder so sportlich wie der Erste (rechts)?
Er ist wieder da. Nicht so gut wie früher, sondern besser und schärfer als je zuvor. Das sagt VW. AUTO BILD TEST & TUNING hat es überprüft.
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GTI – Entstehung eines Mythos
GTI. Ein Name mit gutem Klang, der automobile Wunschtraum einer ganzen Generation. Damals. Ein GTI war schon cool und kultig, als viele von uns noch gar keinen Führerschein hatten. Geschweige denn einen GTI. Leider, muß man sagen. Gegen Ende der 70er Jahre, gab es nichts Besseres, Sportlicheres, Erschwinglicheres. Doch im Lauf der Jahre verblaßte der Glanz der drei Buchstaben. Mutierte allmählich zum müden Abklatsch seiner selbst – und schließlich zur schnöden Ausstattungsvariante für Leute, die noch gar nicht gemerkt hatten, daß es eigentlich gar keinen richtigen GTI mehr gab.

Doch jetzt kommt er wieder, der richtige GTI. Sagt VW: "Schärfer, schneller und eigenständiger denn je. Ein Golf der reinen sportlichen Lehre, ehrlich und markant." So steht es in der Pressemappe. Ein hehrer Anspruch. Denn ein echter GTI ist nicht irgendein Auto. Als er 1975 vorgestellt wurde, stellte er viele Dinge auf den Kopf.

Die vorherrschende Meinung etwa, daß VW nur vernünftige Autos bauen könnte. Oder daß auf der linken Autobahnspur nichts zu suchen hatte, wer nicht im Porsche, Mercedes oder BMW saß. Daran glaubte man zunächst nicht mal in Wolfsburg. "Zu teuer, ihr seid verrückt" beschied der damalige VW-Entwicklungschef Ernst Fiala ein Häuflein mutiger Mitarbeiter, die ihm '74 vorschlugen, auf der Basis des Golf ein sportliches Modell zu konzipieren.

Doch die sportiven Entwickler ließen nicht locker, bis der Vorstand schließlich eine Sonderserie bewilligte. 5000 Exemplare eines Sportgolf – so sein Entwicklungsname – sollten sich schon verkaufen lassen, meinten die hohen Herren. Es kam ganz anders: Schon im ersten, vollen Verkaufsjahr wurden es zehnmal soviel, und im Lauf der Jahre mehr als anderthalb Millionen.
Anfang: Die erste Generation
Wobei sich der erste – und echte – GTI am besten verkaufte: Ein 870 Kilo leichtes Auto, getrieben von einem hochmodernen 110-PS-Einspritzmotor und besohlt mit prallen 175/70er Gummis. Heute schwer vorstellbar, doch das Auto war ein Knaller. Der Grund: Gewichtsintensive Beigaben wie Airbags, Katalysatoren, Klimaanlagen oder sonstige elektrische Extras waren entweder noch nicht erfunden oder aber nur Luxusfahrzeugen vorbehalten. Das ergab ein Leistungsgewicht von 7,9 Kilo pro PS und ein Temperament, das knapp unterhalb der Suchtgrenze lag. Was heute noch durchaus nachvollziehbar ist: Unser Vertreter aus dem Jahrgang 1983 zählt schon zu den letzten seiner Art, mit fünf Gängen und 1,8 Liter Hubraum.

Kompakt im wahrsten Sinn des Wortes, kleidet der Ur-GTI den Fahrer wie ein Handschuh. Die Sportsitze bieten nach 180.000 Kilometern noch ordentlichen Komfort und Seitenhalt, das kantige Cockpit wirkt extrem aufgeräumt: fünf Kippschalter, drei Schieberegler und ein Drehknopf am Armaturenbrett, zwei Fensterkurbeln in den Türen – basta.

Und der vermeintliche Luxus von vier Speichen am Lenkrad relativiert sich schon auf den ersten Metern: Eine Servolenkung brauchten sportliche Menschen vor 20 Jahren ebensowenig wie einen halben Meter Knieraum vor der Rückbank. Wichtiger war die Reduktion auf das Wesentliche: ein straffes, gutmütiges Fahrwerk und ein kraftvoll knurrender Motor.

Technische Daten 1976er Golf GTI I Reihen-Vierzylinder, vorn quer • zwei Ventile pro Zylinder • Hubraum 1588 cm3 • Leistung 81 kW (110 PS) bei 6100/min • max. Drehmoment 140 Nm bei 5000/min • Frontantrieb • Vierganggetriebe • rundum Einzelradaufhängung, vorn McPherson-Federbeine, Querlenker, hinten Längslenker, Stabilisator • vorn Scheiben-, hinten Trommelbremsen • Reifen 175/70 HR 13 • Räder 5,5 J x 13 • Länge/Breite/Höhe 3815/1639/1395 mm • Radstand 2400 mm • Leergewicht 870 kg • Beschleunigung 0–100 km/h in 10,0 s • Höchstgeschwindigkeit 183 km/h • Preis 1976: 13.850 Mark
Aufrüstung: Die zweite Produktion
Der 1,8-Liter wurde mitsamt dem Getriebe nahezu unverändert in die zweite Golf-Generation transplantiert. Sie kam 1984 auf den Markt und huldigte dem Fortschritt in bekannter Weise: Mehr PS, mehr Drehmoment, mehr Platz, mehr Komfort und mehr Gewicht. Und ab 1986 mehr Sauberkeit! Denn unser Kandidat aus dem Baujahr 1991 verfügt über einen Kat, der zwar der Umwelt, nicht aber dem Vortrieb nützte (Katversion mit 107 statt 112 PS).

Was VW damals durch zusätzliche Kraftquellen auszubügeln suchte: Wem der leistungsgesteigerte 16V mit 129 oder katlosen 139 PS zu schwach war, der konnte ab 1990 zur 160 PS starken G-Lader-Version greifen (G60). Ganz selten: die Limited-Edition von 1989 mit 210 PS (G60). Kraft hatten sie beide, nicht aber jene puristische Spritzigkeit, die das Vorgängermodell auszeichnete.

Immerhin: Der Golfball auf dem Schalthebel war noch da – das typische GTI-Accessoire, das bei jedem Gangwechsel die Vibrationen des Motors ungefiltert in die Handfläche übertrug. Mit an Bord waren nun schon eine Servolenkung und zwei elektrische Fensterheber. Der technische Fortschritt ließ sich nicht aufhalten. Komfort war angesagt.

Technische Daten 1984er Golf GTI II Reihen-Vierzylinder, vorn quer • zwei Ventile pro Zylinder • Hubraum 1781 cm3 • Leistung 82 kW (112 PS) bei 5500/min • max. Drehmoment 155 Nm bei 3100/min • Frontantrieb • Fünfganggetriebe • rundum Einzelradaufhängung, vorn McPherson-Federbeine, Querlenker, hinten Längslenker, Stabilisator • rundum Scheibenbremsen • Reifen 175/70 HR 13 • Räder 5,5 J x 13 • Länge/Breite/Höhe 3985/1680/ 1405 mm • Radstand 2475 mm • Leergewicht 970 kg • Beschleunigung 0–100 km/h in 10,0 s • Höchstgeschwindigkeit 191 km/h • Preis 1984: 21.525 Mark
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Absturz: Die dritte Serie
Doch es sollte noch schlimmer kommen: Der GTI der dritten Generation schlug 1983 mit zwei Litern Hubraum und 115 PS völlig aus der bis dahin bekannten Art. Er war wieder gewachsen – und diesmal richtig: Satte 1240 Kilo bringt unser Exemplar von 1997 auf die Waage – im Vergleich zum knackig-handlichen Urvater eine schwere Familienlimousine.

Daran kann auch der 1993 erstarkte Motor nichts ändern: 16 Ventile und zwei Liter Hubraum sind zwar gut für 150 PS, doch die verlieren sich ziemlich sang- und klanglos in der weichgespülten Großraum-Karosse. "Das Kleinwagen-Gehäuse des ersten Golf ist dem soliden Großformat des dritten gewichen", tönte VW stolz – und das sagt alles.

Hier haben wir keinen agilen Flitzer mehr, sondern eine stämmige Limousine. Daran ändert auch das GTI-Logo nichts. Verschwunden ist der Golfball auf dem Schalthebel, hinzugekommen ein Airbag im Lenkrad. Immerhin gab es ihn noch in Rot.

Technische Daten 1993er Golf GTI 16V III Reihen-Vierzylinder, vorn quer • vier Ventile pro Zylinder • Hubraum 1984 cm3, Leistung 110 kW (150 PS) bei 6000/min • max. Drehmoment 166 Nm bei 3200/min • Frontantrieb • Fünfganggetriebe • rundum Einzelradaufhängung, vorn McPherson-Federbeine, Dreieckquerlenker, hinten Verbundlenkerachse, Längslenker • rundum Scheibenbremsen, vorn innenbelüftet • Reifen 205/50 R 15 V• Räder 6,5 J x15 • Länge/Breite/ Höhe 4020/1695/1405 mm • Radstand 2475 mm • Leergewicht 1240 kg • Beschleunigung 0–100 km/h in 8,7 s • Höchstgeschwindigkeit 215 km/h • Preis 1993: 37.980 Mark
Ausfall: Die vierte Baureihe
Aber es kam noch schlimmer. Den Beweis liefert unser Vertreter der vierten Generation ab 1997: 150 Turbo-PS stark, 216 km/h schnell, aber ein GTI? Abgesehen von den sportlich anmutenden Rädern und dem Schriftzug am Heck erinnert nichts mehr an die einstige Herrlichkeit. Mit dem Jubi-GTI von 2001 erstarkt der Turbo zwar auf 180 PS, doch Fahrspaß klingt anders: Flüsternd bläst der Turbolader den Golf über die Piste, weiche Sitze bieten viel Komfort, aber wenig Seitenführung, und Holzpaneele am Armaturenbrett befriedigten zwar den Premium-Anspruch des großen Vorsitzenden Ferdinand Piech, nicht aber die Wünsche der sportlichen Kundschaft.

Das war’s dann endgültig, könnte man denken. Das Ende der Ära GTI. Schade, aber leider vorbei. Doch ganz so leidenschaftslos mochte man sich in Wolfsburg denn doch nicht von dem umsatz- und imageträchtigen Kürzel verabschieden.

Technische Daten 1997er Golf GTI IV Reihen-Vierzylinder, vorn quer • fünf Ventile pro Zylinder • Turbolader mit Ladeluftkühler • Hubraum 1781 cm3 • Leistung 110 kW (150 PS) bei 5600/min • max. Drehmoment 210 Nm bei 2000/min • Frontantrieb • Fünfganggetriebe • rundum Einzelradaufhängung, vorn McPherson-Federbeine, Dreiecks- Querlenker, hinten Verbundlenkerachse, Längslenker • Scheibenbremsen, vorn innenbelüftet • Reifen 205/55 R 16 W • Räder 6,5 J x 16, Länge/Breite/Höhe 4150/ 1735/1440 mm • Radstand 2515 mm • Leergewicht 1270 kg • 0–100 km/h in 9,3 s • Höchstgeschwindigkeit 216 km/h • Preis 1997: 39.900 Mark
Auferstehung: Nummer fünf lebt
Wir erinnern uns: "Schärfer denn je" soll der GTI der fünften Generation schmecken. Was sich äußerlich nur bedingt belegen läßt. Denn abgesehen von der aggressiv gestylten Frontpartie und den mächtigen 18-Zoll-Fünfloch-Rädern kommt der GTI daher wie jeder andere Golf V. Einen halben Meter länger und trotz Tieferlegung um 15 Millimeter immer noch zwölf Zentimeter höher, läßt der Neue den Alten ziemlich winzig aussehen – und die halbe Tonne (!) Mehrgewicht kommt optisch deutlich zum Ausdruck.

Innen geht es ähnlich zu: Viel Premium, wenig Sport. Aber immerhin: Das unten abgeflachte Lenkrad und die massive Stütze für den Kupplungsfuß verströmen sportives Flair, und die Sitze zählen zum Besten, was es in dieser Kategorie ab Werk gibt: Straff gepolstert und gut konturiert, unterstützen sie die Anatomie genau dort, wo es nötig ist – hier läßt man sich richtig gern nieder. Und möchte so schnell auch nicht wieder aufstehen.

Denn im Unterschied zu seinen letzten Vorläufern steckt im neuen GTI ein Triebwerk unter der Haube, das dem honorigen Kürzel alle Ehre macht. Das fängt an mit dem lasziv-heiseren Sound, der aus den beiden Edelstahl-Endrohren strömt, setzt sich fort mit einem wuchtigen Drehmoment, und endet schließlich bei einer runden PS-Zahl: 200 heißt sie und wird bei 5000 Umdrehungen von der Welle geworfen.
Wirklich ganz schön scharf!
Damit erreicht der Abgasturbolader-geladene Benzin-Direkteinspritzer in Drehmoment (exakt) und in Leistung (fast) die doppelten Werte seines Urvaters. Folglich übertrifft der neue GTI trotz gravierender Gewichtszunahme sogar dessen Leistungsgewicht: 6,64 Kilo pro PS – da kommen selbst anerkannt sportliche Konkurrenten wie ein Audi TT (6,73 Kilo) nicht mehr mit.

Mit anderen Worten: wirklich ganz schön scharf! Tatsächlich kommt es noch schärfer. Denn die Dynamik des neuen Triebwerks, das bei Bedarf geradezu freudig bis weit in den roten Bereich dreht, paßt perfekt zu den imposanten Fahreigenschaften des Wiedergängers. Der abgesenkte Schwerpunkt, steifere Stabilisatoren und die direkter ansprechende Lenkung lassen den Chauffeur schon in der ersten zügig angegangenen Kurve komplett vergessen, daß er hier mit einem 1,3-Tonner unterwegs ist.

Ecken aller Art umzirkelt das neue Spielmobil der Wolfsburger mit filigraner Präzision, die hoch angesiedelte ESP-Eingriffsschwelle läßt genug Spielraum, um die Qualitäten des Fahrwerks exzessiv zu erfahren – und bei den Bremsen beschränkt sich die Sportlichkeit nicht auf die rot lackierten Sättel: Auch nach fünf rennmäßigen Runden im Motopark Oschersleben glänzten sie noch mit exakter Dosierbarkeit und energischem Zugriff.
Fazit: Lohnt der neue GTI?
Womit wir zur abschließenden Diagnose kommen, die da lautet: Operation gelungen, Patient lebt, schärfer denn je. Aber auch teurer denn je. Verglichen mit den 13.850 Mark, zu denen der erste GTI wohlfeil war, muten die 24.300 Euro für seinen Ur-Ur-Enkel sehr heftig an.

Doch das kommt auch in anderen Familien vor: 1977 kostete ein Porsche 911 noch 39.900 Mark, heute fängt das Elfer-Glück erst bei 75.200 Euro an – und eine Heckklappe hat er immer noch nicht. Beim GTI ist sie serienmäßig.

Technische Daten 2004 Golf GTI V Reihen-Vierzylinder, vorn quer • vier Ventile pro Zylinder • Benzindirekteinspritzung • Turbolader mit Ladeluftkühler, 1984 cm3 Hubraum , Leistung 147 kW (200 PS) bei 5100/min • max. Drehmoment 280 Nm bei 1800/min • Frontantrieb, Sechsganggetriebe • rundum Einzelradaufhängung, vorn McPherson-Federbeine, Dreieckquerlenker, hinten Vierlenkerachse, Stabilisatoren • Scheibenbremsen, vorn innenbelüftet • Reifen 225/45 R 17 W • Räder 7,5 J x 17 • Länge/Breite/ Höhe 4216/1759/1466 mm, Radstand 2578 mm, Leergewicht 1328 kg • 0–100 km/h in 7,2 s • Höchstgeschwindigkeit 235 km/h • Preis 2004: 24.200 Euro
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