Für 1000 Euro im Internet

Der gekaufte Führerschein Der gekaufte Führerschein

Für 1000 Euro im Internet

— 19.03.2007

Der gekaufte Führerschein

Keine Fahrstunden, keine Prüfung. Für 1000 Euro gibt es einen druckfrischen EU-Führerschein frei Haus – das versprechen dubiose Geschäftemacher im Internet. AUTO BILD schuf einen Lockvogel: Angelika Schneider.

Mein zweites Ich hat braune Haare, ein hübsches Lächeln und die Augen von Kathy, einer Hausfrau aus Alabama.

Mein zweites Ich, das existiert nur auf dem Computer – als Bildmontage, als Datei. Ich muss sie Anton schicken, dem Mann, der mir meinen neuen Führerschein besorgen will. Ohne Unterricht und ohne Prüfung. Nur 1000 Euro soll ich zahlen. Mein erstes Ich sitzt in der Redaktion von AUTO BILD. Beim Surfen ist es auf eine dubiose Offerte gestoßen: EU-Führerschein aus Tschechien. Ohne Anreise. Weitere Infos per E-Mail. Ein Trick, mit dem Betrüger ihren Opfern das Geld aus der Tasche locken? Oder werden hier illegal echte tschechische Führerscheine verkauft? Das will ich herausfinden. Meine Hilfsmittel sind eine neue E-Mail-Adresse, ein aus vier Gesichtern zusammengesetztes Passfoto und ein falscher Name: Angelika Schneider, so nenne ich mich nun. Angelika, 22, ist nicht blond, aber ein Dummchen mit Alkoholproblemen. Wegen 1,44 Promille ist die Fahrerlaubnis für ein Jahr futsch. Die Anzeige im Internet kommt also gerade recht.

Angelika fragt per E-Mail an und bekommt eine schnelle Antwort: Es meldet sich ein Anton, der angeblich gute Kontakte zu tschechischen Behörden pflegt. Die, so verspricht er, würden einen neuen Führerschein ausstellen.

Kriminelle Angebote im Anzeigenblatt "Wolfenbütteler Schaufenster".

Nicht einmal Angelikas Anwesenheit sei nötig. Sie müsse ihm nur eine Kopie ihres Personalausweises und ein Passfoto schicken. 500 Euro soll sie vorab überweisen, den Rest später. Eine Garantie gäbe es zwar nicht, doch Angelika könne Anton vertrauen. Schließlich lebe sein Geschäft von Mund-zu-Mund-Propaganda. Auf zufriedene Kunden sei er angewiesen. Die Sache wird also ernst. Angelika braucht ein Passfoto und einen fingierten Personalausweis. Ein Fall für die Grafikabteilung von AUTO BILD. Nach zwei Tagen ist alles fertig. Ich schicke Anton den Ausweis in digitaler Form als PDF-Dokument und überweise die Anzahlung. Jetzt ist das Geld weg. Und Anton vielleicht auch. Seit zwei Tagen hat er auf Angelikas E-Mails nicht geantwortet. Er hatte ihr auch zwei Telefonnummern gegeben. Auf Anrufe reagiert er aber nicht.

PDF-Datei mit billiger Fälschung

Allmählich gebe ich die Hoffnung auf. Doch plötzlich meldet sich Anton wieder. Das Dokument sei in Arbeit, schon in knapp zwei Wochen könne Angelika es haben. Und tatsächlich: Mit leichter Verspätung erreicht uns per E-Mail die freudige Nachricht,

Abwicklung übers Internet. Anton gibt Anweisungen per E-Mail.

dass die Lizenz zum Fahren fertig und der Restbetrag fällig sei. Den angeblich eingescannten Führerschein schickt Anton in Form einer PDF-Datei gleich mit. Der tschechische EU-Führerschein sieht etwas anders aus als der deutsche. Also besorgen wir uns ein Muster aus Prag und vergleichen. Während Angelikas Führerschein für den Laien auf Anhieb wie echt aussieht, entlarvt der erfahrene AUTO BILD-Grafiker Antons Machwerk bereits beim genaueren Hinschauen als billige Fälschung, die sich "jeder halbwegs Talentierte mit einem Bildbearbeitungsprogramm auf dem Computer basteln kann". Ist alles bloß ein digitaler Trick? Gibt es die Plastikkarte, angeblich ausgestellt von geschmierten tschechischen Beamten, am Ende gar nicht?

Anton soll den Führerschein vor einer Zeitung fotografieren, fordert Angelika per E-Mail. Vor-und Rückseite, dann könne sie sehen, dass der Führerschein nicht nur auf dem Bildschirm existiert. Anton hat kein Problem damit, er schickt die Bilder.

Die Fälschung würde ein Polizist auf die Schnelle nicht erkennen. Oder?

Und wieder findet unser Grafiker Hinweise, die auf eine Fälschung hindeuten. Kleinigkeiten, die nur der Fachmann sieht? Wir legen Carsten Schröder vom Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) in Flensburg das Machwerk vor. Spontaner Eindruck des Experten: "Herrje, der ist ja echt!" Erst als zum Vergleich ein Originalmuster vorliegt, bemerkt er die Fehler. Das Foto in Angelikas Führerschein wurde dem Personalausweis entnommen. Mit seiner Linienstruktur passt es nicht zum Führerschein, und an Angelikas Hals leuchtet ein rötlicher Fleck – ein Sicherheitsmerkmal, das nur beim Einscannen echter Personalausweise sichtbar wird. Vor und Nachname hätten in Großbuchstaben gedruckt werden müssen. Außerdem hat Anton die Unterschrift so unsauber in das Dokument einkopiert, dass man die Ränder erkennt. Und noch ein Malheur ist dem Pfuscher unterlaufen: Das "b" in "Hamburg" wurde leicht angeschnitten und das Hintergrundmuster versetzt.

Für KBA-Experte Schröder kein Grund, Entwarnung zu geben: "Auf die Schnelle würde wohl ein Polizist die Fälschung als solche nicht erkennen." Das einzige Merkmal, das die Beamten stutzig machen könnte, seien die vielen Führerscheinklassen. "Es wirkt unglaubwürdig, wenn eine junge Frau von 22 Jahren schon Lkw und Bus fährt." Der tschechische Führerschein ist der meist gefälschte in Deutschland. Seit Juli 2004 wurden beim KBA 4509 Exemplare registriert – bislang aber noch nicht das recht neue Kreditkarten-Format. Anton drängt, er will das restliche Geld haben. Ich schlage ein Treffen vor – Führerschein gegen Bargeld. Anton ist prinzipiell einverstanden, doch mehrfach scheitert die Übergabe. So spare ich AUTO BILD 500 Euro, übergebe den Fall den Ermittlungsbehörden und verabschiede mich von meinem zweiten Ich.

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