Furtak SLR

Furtak SLR Furtak SLR

Furtak SLR

— 15.05.2003

Heiligs Blechle

Zur IAA im September bringt Mercedes-Benz endlich den Supersportwagen SLR. So lange wollte der Kirchenhistoriker Robert Furtak aber nicht warten – er hat sich das Auto einfach selbst gebaut.

Wie kommt ein Pole an den SLR?

Ein bisschen unheimlich ist mir schon, im Flieger nach Krakau. Da behauptet tatsächlich ein gewisser Robert Furtak, dass er den ersten SLR der Welt besitzt. Dabei zählt der Supersportwagen zu den derzeit am besten gehüteten Mysterien des Stuttgarter Konzerns. Frühestens auf der Frankfurter IAA Anfang September 2003 soll das fertige Auto gezeigt werden. Alle existierenden Prototypen gelten als Staatsgeheimnis. Beklebt. Bedeckt. Bewacht. In Sicherheit gebracht vor den Auto-Paparazzi. Wie, um Himmels willen, kommt ein Mann aus Polen an den etwa eine Million Euro teuren Erlkönig? Ist die osteuropäische Mafia wirklich so schnell, dass sie Autos schon klaut, bevor diese überhaupt auf dem Markt sind?

Auf dem Flughafen treffe ich zunächst auf unseren polnischen Kontaktmann Maciej Pertynski (40). Mit Tarnweste und dunkler Brille sieht er aus wie ein Geheimagent. Doch er ist Journalist wie ich, schreibt für Auto Swiat, das polnische Schwesterblatt von AUTO BILD. Pertynski erzählt stolz: "Ich habe den SLR heute Morgen gesehen. Unglaublich edel. Im Augenblick parkt er gerade bei der Mercedes-Benz Vertretung Kapera im Stadtzentrum von Krakau. Wenn wir uns beeilen, erwischen wir ihn noch."

Pertynski tritt auf die Tube seines geliehenen Renault Kangoo. Mehr als 150 km/h macht die Mühle nicht. Aber das ist genug für ein Land ohne Autobahnen. Und fast zu viel für eine Region, in der hinter jedem Busch ein Polski-Fiat oder Polonez mit Radar-Pistole lauert. Mit quietschenden Reifen erreichen wir den Hof des Mercedes-Benz-Dealers. Tatsächlich, da steht er. Der weltweit erste straßenzugelassene SLR. Kennzeichen: KO-SLR 01. Die breite Spur, die perfekt inszenierten Sicken, Kanten und Lufteinlässe – ein Auto wie eine Skulptur.

Aus 1:18 mach SLR 01

Daneben steht ein hagerer Mann in Strickpulli und grauer Stoffhose. Ein unscheinbarer Typ mit dunklem, krausem Haar. Seine grünen Augen schauen suchend, fast ein bisschen scheu umher. Das ist Robert Furtak (35). Ihm gehört der Silberpfeil. Und nicht nur das. Er hat ihn gebaut. Nach der Vorlage eines Spielzeugautos.

Die Geschichte ist so unglaublich wie genial. Sie beginnt 1999. Da flimmern die Bilder von der Detroit Auto Show über die Mattscheibe von Familie Furtak. Eine Einstellung lässt Familienvater Robert Furtak fast aus dem braunen Cordsessel plumpsen: die Filmaufnahmen der Designstudie Mercedes-Benz Vision SLR. Vor der Glotze beschließt der studierte Kirchenhistoriker und Mercedes-Benz-Fan: Dieses Auto baue ich mir. Unter schallendem Gelächter der Nachbarn beginnt Furtak alles zu sammeln, was mit dem Supersportwagen zusammenhängt: Poster, Bildbände, Zeitungsschnipsel. Sogar an eine Kopie der Pressemappe von Mercedes-Benz kommt er. Und an ein Maesto-Automodell, Maßstab 1:18.

Damit ist der unglaubliche Plan perfekt: Robert Furtak und Karosseriebaumeister Feliks Ciask (45) zerlegen das Spielzeugauto bis zur letzten Schraube und messen es mit einer Schieblehre aus. Dann multiplizieren sie einfach alle Messwerte mit 18, und schon kommt der SLR in Originalgröße heraus. Hört sich naiv an, hat aber tatsächlich geklappt. Und zwar auf der Basis eines Mercedes-Benz 500 SEC mit Front- und Motorschaden.

Gewagtes Heckleuchten-Experiment

Vor gut zwei Jahren wurde der 500er komplett gestrippt, der Radstand um 29 Zentimeter gekürzt. Die Abmessungen kennt Furtak aus besagter Pressemappe. Karosseriemann Ciask überträgt die hochgerechneten Spielzeugautomaße auf solides Stahlblech. Zeichnet die Ausschnitte und Kanten an. Dann wird ein Bauteil nach dem anderen ausgesägt, über einem Amboss zurechtgeklopft und gedengelt. Selbst die Frontschürze und der Instrumententräger sind aus Stahl. Wer jetzt grinst, hat keine Ahnung. Denn genau das ist die hohe Kunst des Karosseriebauers. Genau so wurden früher Nobelautos hergestellt. Im Fall des legendären Ferrari 250 GTO ließ Enzo Ferrari sogar eine Holzform bauen, über der die Bleche bearbeitet wurden – zu besichtigen heute in der Galleria Ferrari in Maranello.

Nach und nach wächst die polnische Raubkopie des Vision SLR. Den lästernden Nachbarn bleibt die Spucke weg. Vom Fortgang des Projekts motiviert, helfen immer mehr Freunde und Bekannte beim Autobau in der heimischen Garage. Bis zu 20 Leute müssen tagsüber von Ehefrau Isabella Furtak (30) mit Frühstück, Mittag- und Abendessen versorgt werden. Und mit Bier.

Jedes noch so kleine Detail am Maesto-Modell wird reproduziert. Die Zeiger vom Feinmechaniker, die chromumrandeten Instrumente vom Büchsenmacher. Ein Sattler bezieht die selbst gebauten Sitze und Innenverkleidungen mit edlem Leder und Alcantara. Die Scheiben lässt Robert Furtak in einer Glashütte anfertigen. Die schwarz gepunkteten Glas-Ränder werden in einer Fabrik für Parfümflaschen eingebrannt. Nicht weniger als fünf verschiedene Kunststoffe müssen für das gewagte Heckleuchten-Experiment herhalten. Die Leucht-LEDs stammen aus dem Elektrofachhandel. Robert Furtak grast halb Europa ab, um an Bauteile zu kommen, die denen auf den Fotos des echten SLR irgendwie ähnlich sehen. Die Türgriffe stammen aus einem Fiat Barchetta, die Fensterheber vom Peugeot 206+. Das Mercedes-Benz Multimediasystem wird einer aktuellen S-Klasse mit Totalschaden entnommen.

Kauf-Angebot von Mercedes-Benz

Nur einmal, da hat er sich mächtig vertan. Zur IAA 2001: Er hetzt mit seinen Kumpels nach Frankfurt, um den nagelneuen Mercedes-Benz SL zu besichtigen. Hat er doch gehofft, dass der aktuelle SL bereits die Frontleuchten vom künftigen SLR bekommt. Doch Fehlanzeige. Statt zwei Xenonfunzeln übereinander besitzt der neue SL nur eine. Wieder heißt es "selbst erfinden". Aus Epoxydharz gießt Furtak eine Frontscheinwerfer-Form, schraubt VW-Passat-W8- und VW-Phaeton-Leuchten übereinander hinein. Sehr praktisch in diesem Zusammenhang, dass Furtaks Freunde im Crash-Zentrum von Audi arbeiten. Da fällt so was schon mal ab.

Natürlich bleibt die SLR-Schrauberei nicht unbeobachtet. Stuttgart riecht Lunte und schickt gleich zwei Abgesandte aus der Mercedes-Benz-Forschung nach Krakau. Die wollen den halbgaren SLR sofort kaufen. Doch Robert Furtak will nicht. Muss er auch nicht. Ist ja sein Privatvergnügen. Also wächst das Projekt weiter und findet immer mehr Freunde. Der örtliche Mercedes-Benz-Vertragshändler Krysztof Kapera kann Publicity gut gebrauchen und bietet 30 Prozent auf alle Arbeiten und Ersatzteile an.

So kommt es, dass Stuttgarts größter Albtraum, die Frühgeburt des SLR, ausgerechnet in einer Mercedes-Benz-Werkstatt vollendet wird. Die Mercedes-Benz-eigene Lackiererei grundiert, schleift und lackiert, was das Zeug hält. Das Silber ist an Perfektion kaum zu überbieten. Kfz-Meister Artur Lew (38) kümmert sich liebevoll um die Technikmarotten des betagten Achtzylinders.

Im April 2003 ist der SLR fertig. Und er sieht verdammt gut aus. Sofort merkst du, dass hier ein Perfektionist am Werk war. Die weit nach oben schwingenden Flügeltüren passen genau in die sauber gearbeiteten Führungen. Die Schlösser stammen vom alten SEC, die ölgedämpften Teleskoparme vom Mercedes-Benz Vito. Fast alle Spaltmaße stimmen. Nur zwischen Haube und A-Säule klafft noch ein Loch. Die Fensterdichtungen sind exakt zugeschnitten. Die verchromte Schaltkulisse ist per Laserstrahl auf ein Tausendstelmillimeter genau herausgeschnitten.

Meisterwerk her, Altersversorgung hin

Dieses Auto hätte man kaum einem Technik-Genie zugetraut, geschweige denn einem Kirchenhistoriker von der päpstlichen Akademie in Krakau. Dazu sollte man wissen: Seit Jahren schon hat Robert Furtak die Bibel beruflich ad acta gelegt und restauriert stattdessen im Kundenauftrag Jaguar Mk II und Ponton-Mercedes-Benz. Der SLR ist gewissermaßen sein Referenzobjekt. Sein Meisterwerk.

So, wie der Traum aus Stahl aussieht, so fährt er auch. Fest, solide, unerschütterlich. Der Fünfliter-Achtzylinder (Baujahr 88, ohne Katalysator) meldet sich knurrend zu Wort. Der riesige Luftfilter schnorchelt lautstark nach draußen. Kraftvoll setzen sich die 265 Pferde in Bewegung. Gut sieben Sekunden von null auf Tempo 100 scheinen glaubwürdig. Das Ganze funktioniert leider noch nicht ganz perfekt: Beim Kickdown haut die Viergangautomatik ihre Zahnräder gewalttätig wie mit dem Vorschlaghammer ineinander.

Die sensationelle Optik kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Fahrgestell bereits 300.000 Kilometer und 21 Jahre auf dem Buckel hat. Das sind Kleinigkeiten, die Furtak später in Ordnung bringen will. Aber: Erst mal in Fahrt, begeistert der handgedengelte SLR mit hoher Laufruhe. Ganz im Gegensatz zu den Kitcars aus Plaste und Elaste knistert und klappert hier nix. Die Design-Burg mit Dreieckquerlenker vorn und Schräglenkerachse hinten bügelt selbst übelste Fahrbahnunebenheiten aus. Der polnische Sportwagen ist einfach nicht aus der Ruhe zu bringen. Die Windgeräusche halten sich in Grenzen.

Für diesen PS-Zauber hat Robert Furtak sämtliche Sparbücher geplündert. Man munkelt von 75.000 Euro – Altersversorgung ade. Dazu passt das alte polnische Sprichwort: "Alles stimmt. Bis auf die Kasse." Doch das tangiert den gottesfürchtigen Autobauer wenig. Sein nächstes Bauvorhaben? "Der Maybach!" Wir glauben ihm aufs Wort ...

Technische Daten: Mercedes-Benz-V8 • 2 Ventile pro Zylinder • Hubraum 4973 cm³ • 195 kW (265 PS) bei 4800/min • max. Drehmoment 430 Nm bei 4000/min • Hinterradantrieb • Vierstufenautomatik • Doppelquerlenker vorn, Schräglenkerachse • rundum Scheibenbremsen • Reifen 245/40 R 20 auf Felge 9 J x 20 vorn, 275/35 R 20 auf 10,5 J x 20 hinten • Radstand 2555 mm •Kofferraumvolumen 200 l • Tankinhalt 70 l • Leergewicht 1600 kg • Zuladung 200 kg • 0–100 km/h in 7,2 s • Höchstgeschwindigkeit 235 km/h

Vom Uhlenhaut-Coupé zur Vision SLR

Seinen größten Erfolg feiert der Mercedes-Benz SLR schon 1955: Sterling Moss gewinnt die 1600 km lange Mille Miglia mit einer irrwitzigen Durchschnittsgeschwindigkeit von 157,65 km/h. Ein Rekord, der nie gebrochen wurde. Von diesem Sportwagen wurden auch zwei geschlossene Autos gebaut, nach dem damaligen Mercedes-Benz- Entwicklungschef "Uhlenhaut-Coupé" genannt.

Mit der Design-Studie Vision SLR will Mercedes-Benz 1999 auf der Detroit Auto Show an den Mythos SLR anknüpfen. Nach vierjähriger Entwicklungszeit wird im Herbst auf der IAA endlich der serienreife Wagen präsentiert. Allerdings nur als Coupé, die angedachte Cabrio-Variante wurde verworfen. Gebaut wird das Auto zusammen mit Formel-1-Partner McLaren im englischen Woking. Die wichtigsten Daten: V8-Kompressormotor, rund 600 PS, mehr als 750 Newtonmeter, Höchstgeschwindigkeit rund 320 km/h. Preis: ca. eine Million Euro. Verkaufsstart: 2004.

Autor: Oliver Lauter

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