Fußball-WM-Serie, Folge 1

Sturmlauf gegen den Stau Sturmlauf gegen den Stau

Fußball-WM-Serie, Folge 1

— 19.05.2006

Sturmlauf gegen den Stau

Der Ball rollt, aber der Verkehr steht – das wäre noch peinlicher als ein Vorrunden-Aus der deutschen Kicker. Über drei Millionen Fußball-Fans machen sich ab dem 9. Juni auf den Weg in die deutschen WM-Arenen, davon mehr als eine Million aus dem Ausland. Die meisten greifen mit dem Auto an. Deutschland kontert mit ausgefeilter Technik.

3,7 Milliarden Euro teures Abwehrbollwerk

Das Bundesligaspiel zwischen Hertha BSC Berlin und Bayern München am 7. Februar 2006 endete 0:0 – Verlierer gab es dennoch reichlich. Die Berliner Verkehrsplaner mußten entsetzt mit ansehen, wie Tausende Fans in einem Mega-Stau rund um das Olympiastadion steckten. Sie hätten den Anpfiff verpaßt, wäre nicht auch der Mannschaftsbus der Bayern Opfer des Verkehrschaos gewesen. Das als Generalprobe für die Fußball-Weltmeisterschaft angesehene Top-Spiel begann zehn Minuten verspätet.

Ein derartiger Stau-GAU bei den 64 Spielen der WM vom 9. Juni bis 9. Juli wäre für das Autoland Deutschland so peinlich wie ein Vorrunden-Aus unserer Kicker. Doch die Herausforderung ist gigantisch. Allein drei Millionen Zuschauer aus ganz Europa werden in die zwölf WM-Städte reisen – die Mehrzahl davon wohl mit dem Auto. Dazu kommen die Fans, die auf den Autobahnen in die Stadtzentren fahren, um an den vielen Fan-Festen teilzunehmen.

Dem Angriff der Autofahrer setzt Deutschland ein 3,7 Milliarden Euro teures Abwehrbollwerk entgegen. Soviel Geld ist Deutschland eine WM mit freier Fahrt wert. Damit das Motto des Turniers "Die Welt zu Gast bei Freunden" nicht umgeschrieben werden muß in "Die Welt zu Gast im Stau".

Mit drei Spitzen gegen den Superstau

Dafür hat WM-Organisationschef Franz Beckenbauer einen Mann in seinem Team, für den es bei der WM eher um den Verkehrsfluß als den Spielfluß und mehr um den Parkraum als den Strafraum geht. Andreas Maatz (43) leitet die Abteilung Verkehr und Transport. Der gelernte Verkehrsplaner ist ein Realist. Er sagt: "Ein WM-Spiel kann nie ganz staufrei ablaufen." Es müsse aber erträglich sein. Und damit es für die Autofahrer auszuhalten ist, stellt Maatz drei Spitzen gegen den Superstau auf:

• Ausbau der Infrastruktur. Knapp 70 Verkehrsprojekte wurden seit der WM-Vergabe an Deutschland umgesetzt. Einige auf Bundesstraßen, die meisten auf Autobahnen. Schwerpunkt: die Erweiterung von vier auf sechs Spuren. In Gelsenkirchen entstand sogar eine neue Anschlußstelle. Insgesamt wurden 370 Kilometer Straße für die WM neu gebaut. In einigen Städten wird es bis Ende Mai dauern, bis auch die letzte Maßnahme umgesetzt worden ist.

• WM-Beschilderung. Hinweistafeln an Autobahnen sollen den Besucher über ein Farbsystem frühzeitig zu seinem Parkplatz am Stadion lenken. Die Farben finden sich auf den Tickets wieder. Für den Fall, daß die Stellplätze nicht ausreichen, werden sogenannte Überlaufparkplätze eingerichtet.

• Vorab-Informationen. Erste Anreisetips bekommt der Fan bereits mit seiner Eintrittskarte zugeschickt, die als ganztägiger Fahrschein für den öffentlichen Nahverkehr gilt. Im Internet (www.fifaworldcup.com) ist ein Reisezentrum mit aktuellen Staumeldungen eingerichtet. Dazu sollen zusätzliche Verkehrssendungen im Radio die Autofahrer informieren, in Grenzgebieten auch auf Polnisch oder Französisch.

Tiefensee verspricht streßfreie Wege

Ihre Informationen bekommen die Radiostationen unter anderem von den Forschern des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Die werden bei der WM an drei Standorten ihre "Luftgestützte Verkehrsdatenerfassung für Großveranstaltungen" einsetzen. Dabei wird der Verkehr auf den Zufahrtsstraßen zu den Stadien aus der Luft fotografiert, die Daten sekundenschnell auf eine digitale Straßenkarte projiziert und den Verkehrsleitzentralen zur Verfügung gestellt.

In Berlin wird ein Kleinflugzeug starten, in Stuttgart ein Helikopter. In Köln werden zwei Kameras unter die Gondel eines Zeppelins geschraubt. Eine Thermal-Infrarot- und eine weitere Digitalkamera senden fünf Einzelbilder pro Sekunde an den Boden. Das Forschungsprojekt, das beim Weltjugendtag 2005 in Köln sein Debüt feierte, hört auf den amerikanischen Begriff für Fußball – SOCCER. Das steht für – Achtung! – die "systematische Analyse und Prognose des durch die Fußballweltmeisterschaft induzierten Individualverkehrs unter Berücksichtigung der besonderen Gegebenheiten verschiedener Austragungsorte".

Rund 1,2 Millionen Euro hat sich das Forschungsministerium das Projekt SOCCER kosten lassen. Doch der Zeppelinflug über Köln hat zwei harte Gegenspieler: das Wetter und die aus Sicherheitsgründen eingerichteten Flugverbotszonen über den Stadien. Dennoch verspricht Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee schon mal Weltmeisterliches: "Fußballfreunde aus 32 Ländern dürfen sich über streßfreie Wege in die Stadien freuen." Auch Andreas Maatz sagt: "Wir haben aus den Fehlern in Berlin gelernt." Gut so. Sonst heißt es im Sommer frei nach Sepp Herberger: Nach dem Stau ist vor dem Stau.

Autor: Hauke Schrieber

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