Fußball-WM-Serie, Folge 3: der Team-Bus

— 06.06.2006

Fahrtziel: Finale

Busfahrer Wolfgang Hochfellner soll Deutschland zum WM-Titel chauffieren. Sein Auto: ein Mercedes mit Hyundai-Aufklebern.
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Die wertvollste Fracht des Jahres
Die Tische. Wer, um alles in der Welt, hat die Tische vergessen? Tische gab es doch schon immer. Für die Bayern-Spieler und wer sich sonst noch auf der Fahrt ins Stadion bei einer Runde Schafskopf oder Skat ablenken wollte. "Das wichtigste am Bus sind die Tische", sagt Wolfgang Niersbach, Marketing-Chef der WM und seit Jahren Begleiter unserer Nationalmannschaft. Und nun: keine Tische.

Wolfgang Hochfellner weiß auch nicht, was mit den Tischen ist. Dabei ist der Reisebus sein Arbeitsgerät. Hochfellner ist der Busfahrer der Deutschen, der Lenker unserer Mannschaft. Der Limburger sitzt in seinem rot-orange-gelben Mercedes-Benz, der ohne die Flagge an der Seite leicht mit dem von Ghana zu verwechseln wäre. Das Modell heißt Travego, 300.000 Euro teuer, zwölf Meter lang, 44 Plätze, Abstandsregeltempomat. "Das gab's früher net", sagt Hochfellner.

Früher gab es einen anderen Nationalbusfahrer, aber der wurde vor der EM 1996 krank. Hochfellner, dessen Vater Busunternehmer war, sprang ein. Seitdem steuert der ehemalige Manndecker des TuS Ahlbach nur noch die ganz großen Stadien an. In diesem Sommer hat der 53jährige nur ein Fahrtziel: das Finale am 9. Juli in Berlin.

Damit es soweit kommt, soll sich die wertvollste Fracht des Jahres in dem 422-PS-Mercedes so sicher und wohl wie nur möglich fühlen. Doch die Ausstattung ist nur bedingt WM-reif. Ablagefächer und Tischchen aus scharfkantigem Plastik, viel Wurzelholzimitat, Stoffsitze in Schwarz-Bronze. Nur zwei kleine TV-Bildschirme, keine Bord-Küche wie 1974. "Wir fahren ja auch höchstens eine Stunde", erklärt der Busfahrer.
Nur neun Nationen bekamen einen Stern
Egal wie lang – für Reinhard Griesgraber (60) ist der Job eine große Ehre. Der Reisebusfahrer aus München bekam das Nationalteam aus England zugeteilt. "Seit 34 Jahren fahre ich Bus. Das hier ist der Höhepunkt meiner Karriere." Griesgraber lenkt einen Setra-Bus, das Schwestermodell des Travego von DaimlerChrysler. Die beiden Busse sind Zwitter: Setra-Sitze auch im Mercedes, ein Mercedes-Lenkrad auch im Setra, der gleiche Motor (Reihensechszylinder, zwölf Liter Hubraum) in beiden. Nur neun der 32 Nationen bekamen von Hyundai einen Mercedes zugeteilt.

Die Koreaner sind automobiler Sponsor der WM, ließen ihre Busse aber in der Heimat und mieteten jene der Konkurrenz. Der WM-Slogan des Autobauers "Dabeisein ist alles ... und Hyundai bringt dich hin" gilt nicht für Spieler und Trainer. Die riesigen blauen Werbeaufkleber machen die Mogelpackung perfekt. Immerhin wurde der Mercedes-Stern nicht überklebt.

WM-Profi Hochfellner ("Für Lukas Podolski bin ich fast schon ein Vaterersatz") und WM-Aushilfsfahrer Griesgraber ("Für mich ist jeder Fahrgast willkommen, ganz gleich ob Beckham oder Tourist") mußten mit ihren Bussen einen Fahrsicherheitslehrgang auf dem Hockenheimring absolvieren. Es gab eine Urkunde. Für sie kann die WM beginnen. Die Busse, das wissen beide, werden die WM nicht entscheiden. Oder vielleicht doch? Die Nationalmannschaft aus Holland hatte jedenfalls noch einen dringenden Änderungswunsch: Tische.
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