Fußball-WM-Serie, Folge 4

Serie zur Fußball-WM, Folge 4: Taxifahrer im Trainingslager Serie zur Fußball-WM, Folge 4: Taxifahrer im Trainingslager

Fußball-WM-Serie, Folge 4

— 08.06.2006

Taxifahrer im Trainingslager

Damit ausländische WM-Fans freundlich und kompetent durch Berlin gefahren werden, bekommen Taxifahrer dort ein Extra-Training in Englisch und Höflichkeit.

Service-Kampagne kostet drei Millionen Euro

Eduard Schilling (58) kommt an diesem Vormittag nur zäh voran: "I was driving to the, na ja also hier, äh, football station, nee Stadion, äh, stadium, soccer-stadium. Oder?" Juliane Bannert lächelt gütig und sagt: "Very good, Mister Schilling." Der Berliner Taxifahrer entspannt sich. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 steht bevor, und Schilling und seine Kollegen befinden sich im Trainingslager.

Berlin-Tempelhof, Schulungsraum der "Berlin Language Academy". Sechs Taxifahrer zwischen 38 und 59 Jahren sitzen um einen schlichten Holztisch. An der Wand eine Plastiktafel, Fußballtrikots, Fan-Schals. Die Männer hier pauken freiwillig WM-Englisch bei Mrs Bannert. 50 Einheiten à zwei Stunden; jede Sitzung für den Sonderpreis von nur 6,84 Euro. Das Angebot der privaten Sprachenschule und der Taxifahrerinnung ist Teil einer nationalen Service- und Freundlichkeitskampagne, die sich Wirtschafts- und Innenministerium drei Millionen Euro kosten lassen.

Thomas Schacht (43) soll "Ich habe leider kein Wechselgeld" übersetzen. Er will ab dem 9. Juni 2006 von Fußball-Fans aus der ganzen Welt verstanden werden. Außerdem spreche auch sonst jeder zweite Fahrgast in Berlin kein Deutsch mehr. Daß Wechselgeld "change" heißt, hat Schacht schon gelernt. "Vokabeln sind wichtiger als korrekte Grammatik", sagt Lehrerin Bannert. Hauptsache, man könne sich grob verständigen.

Gütesiegel "Preference Taxi 2006"

AUTO BILD macht am Bahnhof den Praxistest. Der Reporter gibt sich als Amerikaner aus und fragt auf Englisch: Wie lange dauert die Fahrt zum Stadion? "Zirka twenty minutes", antwortet der Taxifahrer gut gelaunt. Nachfrage auf Englisch: So lange? "Na ja, it is Stau." Klingt irgendwie charmant.

Wirtschaftsminister Michael Glos fordert für die WM: "Selbst die Berliner Polizisten müssen lächeln." Oder die Taxifahrer. Franz Beckenbauer will nach der WM den freundlichsten küren. Tourismus-Chef Hanns Peter Nerger erklärt: "Berliner Schnauze findet bei der WM nicht statt."Vor allem nicht bei Taxifahrern, die während der WM mit dem Schild "Preference Taxi" auf fußballbegeisterte Kundschaft warten wollen. Wer dieses Gütesiegel der Industrie- und Handelskammer an sein Autos heften will, muß zuvor Kurse für "Dienstleistung und soziale Kompetenz" besuchen und eine Prüfung ablegen.

Ein Dutzend Taxifahrer sitzt am Tisch und bekommt Nachhilfe in Sachen gute Manieren: Tür aufhalten, Gepäck tragen, Ausflugs-Tips geben. Kein Vergleich zum Englisch-Kurs – hier hocken fast nur Studienabbrecher um die 40, die gern reden. Da wird über den "Fahrgast als Partner" philosophiert und über das "Fingerspitzengefühl des Taxifahrers". Eckehard Ehle (46), seit 22 Jahren in Berlin unterwegs, sagt: "Die Fahrer, die es am nötigsten haben, kommen hier nicht her."

Die Schulung zum "Preference-Taxifahrer" ist auch Gruppentherapie für Männer mit geringem Selbstwertgefühl. "Taxifahrer sind Lebensberater, seelische Mülleimer", predigt Referent Benecke: "Wir sind Multitalente!" Leider oft mürrische. Doch für Benecke ist Höflichkeit keine "Kernleistung", sondern "etwas Besonderes". Einen guten Rat für den Umgang mit den WM-Gästen hat der Taxi fahrende Dozent noch für seine Kollegen. "Zettelt bloß keine Diskussionen über Politik und Religion an."

Autor: Hauke Schrieber

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