Bilder: Kampf gegen Gaffer am Unfallort

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Gaffer am Unfallort

— 20.04.2012

Guck mal, wer da stirbt

Es ist eine besorgniserregende Tendenz: Polizei und Retter treffen am Unfallort immer häufiger auf skrupellose Schaulustige. Jetzt wird eine neue Maßnahme gegen Gaffer getestet.

Die Beamten hatten alle Hände voll zu tun. Als in Bielefeld eine 56-jährige Autofahrerin bei einem Zusammenprall schwer verletzt wurde, musste die Polizei nicht nur den Verkehr regeln. Schaulustige störten die Rettungsarbeiten, reagierten nicht auf Platzverweise. Erst die Drohung mit der Zelle ließ die hartnäckigen Gaffer verschwinden. Kein Einzelfall: Bundesweit beklagen Rettungskräfte und Polizei die zunehmende Dreistigkeit der Schaulustigen, die mit gezückten Smartphones und Digitalkameras ihr Recht auf reale Unterhaltung einfordern – und damit Menschenleben gefährden.

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"Die Gaffer filmen bis in die Unfallautos hinein", klagt Rainer Wendt, Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft.

Die Arbeitsgemeinschaft der in Bayern tätigen Notärzte (agbn) schätzt, dass Gaffer die Rettungskräfte bei jedem fünften Einsatz behindern – Tendenz steigend. "Das Gaffertum hat sich deutlich verschlimmert", sagt der agbn-Vorsitzende Peter Sefrin. Mittendrin zu sein gebe einigen einen "Kick", glaubt der Notarzt. Neugier auf das Leid anderer war schon immer Teil der menschlichen Natur. "Jeder Mensch hat eine gewisse Gaffermentalität", sagt Roland Mangold, Professor für Medienpsychologie an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Neu aber ist die Abstumpfung, die durch ständige Darstellung von Gewalt, Leid und Tod in den Medien zunimmt. "Wenn man etwas häufig konsumiert, was normalerweise Mitleid hervorruft", erklärt Mangold, "dann lässt das Mitleid insgesamt nach."

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In Nordrhein-Westfalen werden Sichtschutzwände getestet. Kleine Öffnungen sorgen für Stabilität bei starkem Wind.

Nur so ist das Verhalten einiger Unfall-Betrachter erklärbar, die ungeniert ihre Handykameras auf schwerverletzte Unfallopfer richten. "Die filmen bis in die Autos hinein", sagt Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Hinterher verbreiten sie die grausamen Bilder wie Trophäen über soziale Netzwerke und Videoportale im Internet. "Es kann immer passieren, dass ,Schocker- Videos hochgeladen werden", räumt eine Sprecherin des Branchenführers YouTube ein. Allerdings sei das Einstellen untersagt. "Wir nehmen sie runter, sobald wir davon erfahren." Auch Geldbußen und im Extremfall sogar eine Haftstrafe können die Schaulustigen nicht davon abhalten, den Unfallort zu belagern.

Sichtschutz gegen Gaffer

In der Realität kommen diese Strafen ohnehin kaum vor. Die Einsatzkräfte sind mit ihren eigentlichen Aufgaben zu sehr beschäftigt, um auch noch Beweise gegen uneinsichtige Crash-Glotzer sammeln zu können. Die Deutsche Polizeigewerkschaft fordert daher Sichtschutzwände, wie sie in einem Pilotversuch in Nordrhein-Westfalen getestet wurden. "An die Einsicht der Leute zu appellieren, habe ich aufgegeben", sagt Polizist Wendt. Bei gewissenlosen Gaffern hilft nur noch: Vorhang zu.

Autor: Benjamin Gehrs

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