Gala Auto1 von Europa

Auto1 von Europa Auto1 von Europa

Gala Auto1 von Europa

— 10.03.2006

In Europa weht ein neuer Wind

Der Passat ist das "Auto1 von Europa". Bei der Gala in Genf bläst VW-Markenvorstand Bernhard zum Groß-Angriff auf die Konkurrenz.

"Wir sind immer für eine Überraschung gut"

Der Mann ist selbst im Sitzen effizient. Gerade mal zehn Zentimeter Platz hat er zu jeder Seite, wenn überhaupt, aber die nutzt Dr. Wolfgang Bernhard aus. Rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Reibt die Hände aneinander. Wippt mit den Füßen. Und nickt, wie ein aufmerksamer Beobachter später erzählen wird, immer wieder zustimmend mit dem Kopf, wenn da oben auf der Leinwand ein Jury-Mitglied etwas Positives über sein Auto sagt. Schon bemerkenswert, wie jemand auf sowenig Raum soviel in Bewegung sein kann.

Dann wird es dunkel im Saal. Zarte Bläsertöne erklingen, eine Tänzerin wirbelt in einem luftigen weißen Etwas über die Bühne, und von hinten schiebt sich, ganz langsam ein VW Passat durch den Kunstnebel. In diesem Moment ist den 500 Gästen im Espace Sécheron in Genf klar: Das ist der Sieger, das ist das "Auto 1 von Europa" 2006, zum ersten Mal seit neun Jahren geht der Preis der AUTO BILD-Gruppe wieder nach Wolfsburg. Und der erste, der da klatscht, ist Bernhard selbst – der Markenchef von VW.

Was für ein ungleiches Paar: Volkswagens Vorstandsvorsitzender Dr. Bernd Pischetsrieder, der vier Plätze weiter links sitzt, scheint geradezu in sich zu ruhen. Als Moderatorin Désirée Nosbusch ihn fragt, ob er denn vor der Bekanntgabe des Siegers nervös gewesen sei, antwortet er: "Nein, ich bin immer ruhig", was man ihm selbst hier in Genf abnimmt, wo gerade über seine Ablösung spekuliert wird.

Ganz anders Bernhard. Mit einer Dankesrede hält er sich nicht auf, sondern nutzt die Bühne zum Frontalangriff: "Wir sind immer für eine Überraschung gut, wir kommen mit einer großen Produktoffensive, also behalten Sie uns gut im Auge." Das klingt wie eine Drohung, und wer Bernhard mal erlebt hat, kann zu dem Schluß kommen, daß es auch so gemeint war.

Auto1 – der härteste Autotest überhaupt

Klar ist an diesem Abend: Es weht ein neuer Wind. Zum einen beim VW-Konzern, den Pischetsrieder und Bernhard wieder zukunftsfähig machen müssen. Und zum anderen durch Europas Autowelt, wo der Passat seit der Genfer Gala als Maß aller Dinge gilt. Denn es ist ja nicht so, daß der Titel "Auto1 von Europa" einfach zu gewinnen wäre. Im Gegenteil: Er gilt als der härteste Autotest überhaupt. Der Sieger mußte nicht nur die Leser der europäischen AUTO BILD-Gruppe überzeugen, sondern auch eine 40köpfige internationale Expertenjury aus Rennfahrern, Technikern und Journalisten. Sie haben die Finalisten nicht etwa untereinander vergleichen, sondern jeweils mit den Wettbewerbern ihrer Klasse.

"Wenn mehr als 35 Millionen Leser in Europa und zahlreiche renommierte Experten zur Wahl des besten Autos aufgerufen sind, ist das ein ganz besonderes Ereignis für die Hersteller – und eine ganz besondere Auszeichnung für den Sieger", sagt Dr. Andreas Wiele, Vorstand Zeitschriften und Internationales der Axel Springer AG. Und Audi-Vorstandschef Prof. Dr. Martin Winterkorn, der im vergangenen Jahr mit dem A6 den Titel holte, scherzte: "An diesem Abend sind die Vorstände der großen Automobilkonzerne oft nervöser als vor den Entscheidungen im Aufsichtsrat." Bis auf den Pischetsrieder, versteht sich.

Vielleicht ist es auch ein Signal, das von dieser 15. "Auto1 von Europa"-Verleihung ausgeht. Denn fassen wir mal zusammen: Der Passat gewinnt vor dem 3er-BMW, dem Audi Q7, der Mercedes S-Klasse und dem Porsche Cayman. Die ersten fünf Plätze haben die internationalen Leser und Jury-Mitglieder also allesamt nach Deutschland vergeben, erst dann kommt der Honda Civic auf Rang sechs. Und ganz leise, noch ein bißchen zaghaft, hört man aus den Managermündern auch so etwas wie Zuversicht. "Die letzten Jahre waren natürlich schwer", sagt Audi-Chef Winterkorn, "aber in einigen Märkten stellen wir bereits eine Verbesserung fest. Deutschland stagniert zwar noch, doch auch da habe ich ein optimistisches Gefühl."

Es gab also Grund zum Feiern, und das haben die 500 Gäste nach der Preisverleihung auch ordentlich getan. Allen voran BMW-Kommunikationschef Richard Gaul, der zu später Stunde und mit Unterstützung der Coverband "Giants Club" auf der Bühne den Schlager "Marmor, Stein und Eisen bricht" schmetterte, dabei das Sakko mit einem Bandmitglied tauschte und sein eigenes, anschließend klitschnaß geschwitzt wieder zurückbekam – worunter auch einige Arbeitspapiere in den Innentaschen gelitten haben sollen.

Man munkelt, daß sich die letzten Gäste erst morgens um vier aus dem Espace Sécheron verabschiedet haben. Wolfgang Bernhard freilich war da schon lange weg, wie ein Phantom durch den Hinterausgang verschwunden. Mag sein, daß er einfach nur nach Hause wollte. Wahrscheinlicher aber ist, daß er sich gleich wieder an die Arbeit gemacht hat. Damit VW auch nächstes Jahr wieder ganz vorn dabei ist ...

Autor: Alex Cohrs

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