Gebrauchtwagen-Kriminalität

Deutschlands fiesester Auto-Abzocker Deutschlands fiesester Auto-Abzocker

Gebrauchtwagen-Kriminalität

— 12.08.2004

Deutschlands fiesester Auto-Abzocker

Wie Gebrauchtwagenhändler Oliver Weidling gutgläubige Autobesitzer generalstabsmäßig ums Geld geprellt hat.

Der Preis sank plötzlich auf ein Zehntel

"Jeden Morgen stehen eine Million Idioten auf." Das Lebens- und Arbeitsmotto von Oliver Weidling (39) ist zynisch und menschenverachtend. Noch nie hat ein Händler seine Kunden so dreist gelinkt wie der Autoschieber aus Münster. Nun ist das Spiel aus. Vorerst jedenfalls. Das Insolvenzverfahren läuft, Staatsanwalt und geprellte Kunden wollen Weidling an den Kragen. Mehr als 20 Strafanzeigen und 99 Zivilklagen sind gegen ihn anhängig. Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Zeitweise beschäftigte Weidling 35 Mitarbeiter, die bundesweit vertrauensselige Gebrauchtwagenverkäufer köderten. Am Telefon wurden Spitzenpreise versprochen – um die Kunden nach Münster zu locken. Viele machten sich auf den Weg. In Erwartung des Bargelds nahmen die Autoverkäufer mehrere 100 Kilometer Anreise in Kauf. Doch damit waren sie erpressbar. Denn wer will nach so langer Fahrt unvollrichteter Dinge wieder heimfahren? Erst einmal in den Klauen des Händlers, sank der Angebotspreis plötzlich drastisch ab. Manchmal bis auf weniger als ein Zehntel der versprochenen Summe.

Wie bei Daniela Kelm (40) aus Passau, die für ihren Chrysler Voyager statt der zugesagten 2000 nur 150 Euro bekam. Auf diese Art, so prahlte Ferrari-Fan Weidling, habe er jährlich 3000 bis 4000 Gebrauchtwagen billig angekauft und mit Gewinn vertickt. Manchmal klappte auch eine andere Masche: Weidling zahlte mit zwei Schecks, ließ einen der beiden im Nachhinein sperren. Begründung: "Unser Mechaniker hat noch versteckte Mängel gefunden, die Sie uns verschwiegen haben. Das müssen wir Ihnen jetzt vom Kaufpreis abziehen."

Auto weg, Brief weg, Geld weg

Viele Opfer hatten weder Beweise noch den Mut, gegen diese Art der Abzocke vorzugehen. Mängel als fadenscheinige Vorwände waren immer zu finden. Und wenn es die Farbe war: "Gold geht gar nicht. 50 Prozent Abzug." Wer aufmuckte, wurde eingeschüchtert. Weidling eiskalt: "Bei Klagen wenden Sie sich bitte an unseren Rottweiler, der leitet die Beschwerdestelle." In Internet-Foren (www.aergerforum.de, www.jeepforum.de) finden sich Hunderte von Einträgen zur schmierigen Abzockfirma.

Goldschmied Michael Sierks (42) wurde um seinen Rolls-Royce Silver Shadow gebracht. Oliver Weidling lockte den Reinbeker mit einem Kaufangebot über 10.000 Euro nach Münster. Vor Ort hieß es dann: "Wir haben heute so viel Autos angekauft, dass kein Geld mehr in der Kasse ist. Ich muss Ihnen einen Scheck mitgeben." Erst unterwegs bemerkte Michael Sierks, dass dieser nicht unterschrieben war. Auto weg. Brief weg. Geld weg. Und Oliver Weidling ist telefonisch plötzlich nicht mehr erreichbar.

Achim Rindtorff (47) aus Rödermark wurde der Ford Explorer abgegaunert. Die Agentin aus Weidlings Callcenter umgarnte den Explorer-Besitzer tagelang: "Wir geben Ihnen ungesehen 8000 Euro für den Wagen, haben bereits einen Käufer." Rindtorff fuhr daraufhin die 734 Kilometer nach Münster. Dort angekommenn, schmolz der Kaufpreis auf 5800 Euro zusammen. Und die wurden – selbstverständlich – als Scheck überreicht.

Kaum Chancen auf Schadenersatz

Doch Achim Rindtorff blieb misstrauisch und nahm den Fahrzeugbrief erst einmal mit nach Hause, "bis der Scheck gutgeschrieben ist". Der Scheck platzte. Rindtorff machte sich erneut auf nach Münster, um sein Auto zu holen. Oliver Weidling hatte den Geländewagen derweil längst ins Ausland verkauft – für 6500 Euro. "Besonders in skandinavischen Ländern reicht oftmals der gutgläubige Kauf", sagt Staatsanwalt Wolfgang Schwer (57) vom Landgericht Münster. "Wer einen Kaufvertrag vorweisen kann, ist auch ohne Brief Besitzer des Autos. Das hat Weidling ausgenutzt."

Zuletzt wickelte der Auto-Dealer seine Geschäfte über eine Firma namens Dalla Mora GmbH ab. Als Geschäftsführer und Gesellschafter fungierte Weidlings Strohmann. Der ist im Telefonbuch von Münster als Besitzer eines Eiscafés eingetragen, das seit Jahren geschlossen ist. Am 6. Juli 2004 meldete der dubiose Gebrauchtwagenhandel Insolvenz an. "Es gibt den Anfangsverdacht der Insolvenzverschleppung und des Insolvenzbetruges gegen Herrn Weidling", sagt Staatsanwalt Schwer. "Und dann gibt es da noch Honorarentnahmen aus der GmbH, die nicht geklärt sind."

Chancen, ihr Geld zu bekommen, haben die geprellten Autoverkäufer kaum. Oliver Weidling ist laut Staatsanwaltschaft für längere Zeit im Urlaub. Wo, wird nicht verraten. Der Insolvenzverwalter hat derweil rund 100 Gebrauchtwagen der Dalla Mora GmbH konfisziert. Übrigens: "Mora" heißt übersetzt "Zahlungsverzug". Hätten die Kunden doch bloß Italienisch gekonnt ...

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