Gebrauchtwagentest Alfa Romeo 166

— 28.04.2010

Pizza de Luxe

Einmal mit allem – was bei der Pizza passt, bevorzugten viele Alfisti auch beim Neuwagen: den großen Alfa 166 mit allen Extras. Allerdings vermiesen immense Wartungs- und Reparaturkosten den Appetit.



Nüchterne Rechner rätseln oft, was die Marke Alfa Romeo so begehrenswert macht. Das Design vielleicht? Es hebt sich zumindest von der Masse ab. Wirkt aber für friedfertige Zeitgenossen etwas aggressiv. Fahrkomfort? Eher nicht, die sportlich straffe Federung verzeiht wenig. Also das Preis-Leistungs-Verhältnis? Da kann der Alfa 166 tatsächlich punkten. Die meisten Neuwagenkunden bestellten ihren Romeo wie ihre Pizza: con tutto – mit allem, kreuzten gern nette Extras wie Leder, Navi, Hi-Fi-Anlage, Klima, Metallic oder Xenonlicht an. Unser Foto-Exemplar macht von dieser Regel keine Ausnahme. Sechs Jahre alt, seine Ausstattungsliste füllt ein Buch, keine 90.000 Kilometer auf dem Tacho, nur 9900 Euro.

Noch exklusiver: Lancia Thema 8.32

Dafür lieben wir Alfa: höchst ansehnliche Mixtur aus Tradition (Luftdüsen) und Moderne (Navi-Bildschirm).

Ein vergleichbarer 5er-BMW kostet das Doppelte, eine Mercedes E-Klasse zum gleichen Preis hätte das Dreifache gelaufen. Und trotzdem hat der Italiener einen Haken: Sein Diesel atmet nicht durch einen Partikelfilter aus. Euro 3, mehr ist nicht drin. Das bedeutet: gelbe Umweltplakette. Und damit immer weniger freie Fahrt in immer mehr Umweltzonen. Schade, denn als Diesel ist der 166 eine Wucht. Aber weil niemand weiß, was unseren chronisch klammen Finanzstrategen in Berlin als nächstes einfällt, bleibt nur der Griff zum Benziner. Und weil Alfa fahren nichts für Erbsenzähler ist, empfehlen wir gleich den Dreiliter-V6. Die Preise unten gelten für den von 2000 bis 2005 gebauten Typ mit 220 PS. Gegen den 3.2 24V mit 240 PS ist jedoch auch nichts einzuwenden.

Ganz schön – teuer

Dafür verfluchen wir Alfa: Bis 2007 gebaut, bis zuletzt war kein Rußfilter zu haben – weder neu noch nachträglich.

Eher schon gegen die Folgekosten. Denn die unten aufgeführten Ersatzteilpreise gehören zu den höchsten, die wir je ermittelt haben. Was zum Teil an der verbauten Konstruktion mit dem quer im Bug untergebrachten V6 liegt. Denn am teuersten ist der Arbeitslohn, fünf Stunden für den Zahnriemenwechsel, vier für die Wasserpumpe. Was nahelegt, beides zugleich zu erneuern, denn die Pumpe wird vom Riemen angetrieben. Aber 570 Euro für einen Auspuff-Endtopf oder 650 Euro für eine Überholung der Bremse vorn sind ebenfalls saftige Summen. Zum Vergleich: Bei einem BMW 523i kostet beides je 400 Euro. Es scheint also ratsam, das Konto nicht schon mit der Anschaffung des großen Alfa Romeo abzuräumen, sondern eine Reserve für ungeplante Reparaturen beiseitezulegen. Doch keine Angst, das soll jetzt nicht heißen, dass Alfa Romeo im Allgemeinen und der 166 im Besonderen nun übermäßig anfällig sind. Denn aus den größeren Qualitäts-Diskussionen der letzten Jahre hielt sich Alfa heraus.

Die Probefahrt von AUTO BILD

Satt und silbern steht er auf seinen 17-Zöllern: unser Fotomodell, ein 166 2.4 JTD 20V aus 2003 in nobler Distinctive-Ausstattung. Mit Leder, Automatik, einer Armada von Airbags, dem Alfa-Audio-Navigationssystem ICS, elektrisch verstellbaren Sitzen. Da fehlt nichts. Zumindest auf den ersten Blick. Doch der zweite zeigt: Der Diesel hat keinen Rußfilter. Und er bekommt auch keinen, Nachrüstungsmöglichkeit Fehlanzeige. Das erklärt den günstigen Preis, 9900 Euro sind ein Wort, schließlich steht der Kilometerzähler erst auf 89.000. Und so unverbraucht fährt sich der große Alfa auch, zieht sauber seine Bahn. Nur Querfugen auf der Autobahn mag er nicht, die reicht er unverdaut an seine Passagiere weiter. Kein Glücksgriff ist die Motor-Getriebe-Kombination: Die schon 2003 nicht mehr zeitgemäße Vierstufenautomatik erstickt den Elan des Fünfzylinders im Wandler-Öl, 175 PS sollten sich kräftiger anfühlen. Aber vielleicht ist nur der Luftmassenmesser verschmutzt, was wir auf der Probefahrt nicht prüfen konnten. So bleibt zum Schluss ein bitterer Nachgeschmack: ein schönes Auto, unfallfrei mit gepflegtem Lack, aber keine Anschaffung mit Zukunft. Denn mit gelber Umweltplakette hat der schöne Alfa schon in drei Wochen weder in Berlin noch in Hannover freie Fahrt.

Das macht Ärger

Anfällig: Die zahlreichen Gelenke und Buchsen schlagen recht schnell aus.

Ein Alfa geht nicht kaputt, er ist höchstens mal etwas unpässlich – so argumentieren die Fans. Worauf der Techniker dann eine ganze Reihe dieser Unpässlichkeiten aufzählen kann. Die lassen sich grob in drei Kategorien einteilen: Karosserie, Elektrik, Fahrwerk. Motor? Fehlanzeige, die halten nahezu ewig. Nur der Zahnriemen verlangt Beachtung, und etwas Gefühl beim Warmfahren schadet auch nicht. Die Karosserie hingegen nervt mit allerlei Klapper- und Knistergeräuschen, erst recht mit einem harten Sportfahrwerk. Außerdem regnet es oft rein, meistens durch defekte Türfolien oder -dichtungen. Weiter mit dem Fahrwerk: Die aufwendigen Konstruktionen an Vorder- und Hinterachse mit entsprechend vielen Gelenken bekommen oft frühzeitig Spiel. Die Traggelenke sind nicht einzeln ersetzbar, dann müssen komplette neue Lenker rein – pro Achse ein Tausender. Und nun zur Elektrik: Die ist teilweise lausig verlegt und abgedichtet, wichtige Stecker für die Motorsteuerung liegen im Spritzwasser. Und weil wir gerade beim Regen sind: Die Achsen der Wischerarme rosten häufig fest. Wenn es irgendwo Sensoren gibt (OT-Geber, Nockenwellenposition), so fallen diese recht gern aus. Dann springt der Motor nicht mehr an, was auch vorkommt, wenn die Wegfahrsperre den Zündschlüssel nicht mehr erkennt. An der Tankuhr liegt es meistens nicht, denn die bleibt sogar nach dem Volltanken auf Reserve hängen.

Der Vorgänger

Alfa Romeo 164: Erster großer Alfa mit Frontantrieb, die extreme Keilform war ein Hingucker auf der IAA 1987.

Gemeinschaftsproduktionen gab es schon 1987, damals musste sich der neue Alfa 164 die Bodengruppe mit Fiat Croma, Saab 9000 und Lancia Thema teilen. Eigenständig hingegen sein futuristisches Design, das sich innen fortsetzt. Wobei der 164 eher geräumiger ist als sein Nachfolger 166. Heute durchschreitet der Donnerkeil als Gebrauchtwagen gerade sein Jammertal, doch seine Zukunft als kommender Klassiker scheint gesichert. Dank Vollverzinkung, interessanter Motoren und auch Allradantrieb.
Technische Daten Alfa Romeo 166
Motor 6-Zylinder-V-Motor
Ventile/Nockenwellen 24/4
Hubraum 959 cm³
kW (PS) bei U/min 162 (220)/6200
Nm bei U/min 275/5000
Höchstgeschwindigkeit 220 km/h
Von 0–100 km/h 9,6 s
Abgasnorm Euro 3
Getriebe/Antrieb Vierstufenautomatik/Vorderrad
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 72 l/Super
Kofferrauminhalt 490 l
Leergewicht/Zuladung 1640/420 kg
Kosten für die empfohlene Motorvariante 3.0 V6 24V (162 kW/220 PS)
Unterhaltskosten
Testverbrauch – CO2 13,0 l Super/100 km – 305 g/km
Inspektion 400 bis 800 Euro
Haftpflicht1) 630 Euro
Teilkasko1) 292 Euro
Vollkasko1) 1383 Euro
Kfz-Steuer (Euro 3) 202 Euro
1) Onlinetarif der HUK24-Versicherung, Zulassung in Hamburg, Fahrer: Versicherungsnehmer+ Partner (25 Jahre alt), jährliche Fahrleistung 15 000 km, Beitragssatz 100 %
Ersatzteilpreise2)
Lichtmaschine 625 Euro
Anlasser 900 Euro
Wasserpumpe 580 Euro
Zahnriemen 760 Euro
Endschalldämpfer 570 Euro
Kotflügel vorn, lackiert 780 Euro
Bremsscheiben und -klötze vorn 650 Euro
2) inklusive Lohnkosten und 19 % Umsatzsteuer
Hendrik Dieckmann

Hendrik Dieckmann

Fazit

Alfa benötigen viel Liebe, am besten von einem solventen Liebhaber. Wenn der noch ein Herz hat für elegantes Design und schöne Motoren, kann es eine glückliche Beziehung werden. Nüchterne Rechner oder Freunde des Spaltmaßes hingegen
treibt die Bella Donna in den Wahnsinn.

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