Gebrauchtwagentest Porsche 911

Porsche 996 Porsche 996

Gebrauchtwagentest Porsche 911

— 26.04.2010

Spiegeleier zum Sonderpreis

Porsche zum Golf-Tarif! Den Elfer vom Typ 996 gibt’s schon ab 20.000 Euro – weil keiner seine Augen mag. Das ist günstig, wird aber nicht billig. Die Pflichttermine in der Fachwerkstatt gehen ins Geld.

Schon mal "Strammer Max" gegessen? Steht in der Speisekarte ganz vorn, in der Rubrik "Für den kleinen Hunger". Dann gibt es ein Schwarzbrot mit Schinken und Spiegelei. Schmeckt gut und kostet nicht viel. Was das mit dem Porsche 911 zu tun hat? Schauen Sie dem Typ mal in die Augen. Was sehen Sie? Spiegeleier! Ein bisschen ist der Elfer mit der Bezeichnung 996 wie "Strammer Max": Fährt gut und kostet nicht viel. Wenn diese Bemerkung bei Gebrauchtwagenpreisen ab 20.000 Euro erlaubt ist. Ja, kein Witz: Bei 20.000 Euro geht der Porsche-Spaß los. Von 1997 bis 2006 bauten die Zuffenhausener das Modell 996. Es war der erste Elfer mit Wasserkühlung. Und mit den ungeliebten Spiegeleier-Augen, bei denen Scheinwerfer, Nebelleuchten und Blinker eine Einheit bilden.

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Wer so einen Arbeitsplatz hat, der hat’s geschafft: Elfer-Cockpit mit klassischen Rundinstrumenten und Becker-Kassettenradio.

Jetzt also gibt’s Spiegeleier zum Sonderpreis. Aber mit Beigeschmack: Die ganz billigen sind ohne Garantie, sie hatten drei, vier oder mehr Besitzer, sie haben einen polnischen oder italienischen Brief, sie haben astronomische Laufleistungen. Und einen undichten Motor. Denn der 996er hat ein schmieriges Problem: Ein Wellendichtring (Simmerring) im Boxermotor will nicht dicht halten. Es geht beim Wasserboxer um den getriebeseitigen Simmerring der Kurbelwelle. Er hielt anfangs einfach nicht durch, Porsche tauschte auf Kulanz sogar komplette Motoren. Seit dem Modelljahr 2005/2006 gibt es die Lösung: eine neue Dichtung für die Kurbelwelle mit doppelter Lippe. "Damit ist der 996-Motor absolut dicht", sagt Dennis Neumann, Service-Meister beim Porsche Zentrum Hamburg.

Regelmäßig stempeln gehen

Sportsitze mit Lederbezug, aber ohne Gebrauchsspuren. Die Verstellung erfolgt elektrisch.

Dieser Eingriff kostet 1000 Euro. Und noch ein Tipp: Wenn das Getriebe demontiert ist, am besten gleich nach dem Zwischenwellenlagerdeckel schauen lassen. Und zwar nur bei Porsche! Beim Elfer gilt: Keine Hinterhofwerkstatt basteln lassen, nur Porsche-Spezialisten. Und das kostet. In Hamburg kommt die Arbeitsstunde an Fahrzeugen, die älter als acht Jahre sind, auf 105 Euro plus Steuer. Immerhin 30 Euro weniger als bei einem neuen Elfer. Wer seinen Porsche lange fahren will, sollte das investieren (können). Und beim Kauf Folgendes wissen: Das Service-Heft muss alle Stempel haben – auch in Zukunft. Der kleine Service alle 20.000 km kostet 500, der große alle 40.000 km 850 Euro. Wer das nicht bezahlen kann, der verdirbt sich den Appetit am Spiegeleier-Porsche. Auch wenn er billig ist.

Die Probefahrt von AUTO BILD

Unser Testwagen: Das dunkelblaue 911 Carrera Cabrio wurde 1998 erstmals zugelassen, hat einen 3,4 Liter starken Boxer im Heck, 92.500 km auf der Uhr und ein lückenlos geführtes Serviceheft. Mit 18-Zöllern und Leder-Sportsitzen kostete der Elfer mal 87.000 Euro. Das Porsche Zentrum Hamburg will noch 31.900 Euro.
Unsere Probefahrt : Es regnet. Porsche-Wetter. In schnellen Kurven wackelt der Elfer leicht mit dem Popo, fängt sich dann gleich wieder ein. Das Fahrwerk weckt Vertrauen. Überhaupt: Der Elfer fährt und funktioniert wie am ersten Tag. Hat der wirklich knappe 100.000 km runter? Leder, Lenkrad, Lack – alles macht einen neuen, unverbrauchten Eindruck. Der Motor tritt so vehement an wie kurz nach der Auslieferung, die Gänge flutschen rein wie das heiße Messer in die Butter. Nichts klappert, nichts vibriert – so muss ein Auto sein, das auch noch in zehn, zwanzig Jahren Spaß macht.
Unser Urteil: Mit 31.900 Euro ist dieser Elfer kein Schnäppchen. Dafür wurden alle Wartungen immer bei Porsche gemacht, dafür stimmt die Laufleistung, dafür stimmt der Gesamtzustand. Reparaturstau? Nix da. Kaufen und glücklich sein.

Das macht Ärger

Undicht: Der Simmerring an der Kurbelwelle ist ein 911-Problem.

Undichtigkeit: Über das ölige Problem der ersten Wasserboxer haben wir bereits geschrieben. Bitte achten Sie auf das Getriebe – tritt hier Öl aus, muss der Simmerring der Kurbelwelle gewechselt werden, so etwas kostet rund einen Tausender. Zu den anfälligen Teilen zählen die Koppelstangen an der Vorderachse. Sie sind unterdimensioniert, können ausschlagen. Aber keine Sorge: Die Reparatur der Koppelstangen kostet 200 Euro, eine Achsvermessung ist nicht nötig. Ist der Elfer nur gefahren oder geheizt worden? Wer genau hinsieht, erkennt Raser-Autos an den Steinschlägen am Stoßfänger. Dann ist Vorsicht geboten, denn Steine können auch die beiden Kühler erwischt haben: Auf Wasseraustritt achten! Und genau hinhören, wenn Sie den Elfer starten. Rasselt er, muss die Steuerkette neu gespannt werden. Ein ganz spezielles Cabrio-Problem ist Feuchtigkeit im Innenraum. Bedrohlich wird es, wenn Laub den Wasserablauf verstopft. Denn Wasser sucht sich seinen Weg, der Teppich saugt sich voll, Steuergeräte können beschädigt werden. Tipp: Bei Kauf von privat den Elfer von Porsche checken lassen. Seriöse Werkstätten machen das.
Technische Daten Porsche 911 (Typ 996)
Motor Sechszylinder-Boxer/hinten quer
Ventile/Nockenwellen 4 pro Zylinder/2
Hubraum 3387 cm³
kW (PS) bei U/min 221 (300)/6800
Nm bei U/min 350/4600
Höchstgeschwindigkeit 280 km/h
0–100 km/h 5,2 s
Getriebe/Antrieb Sechsgang/Hinterrad
Tankinhalt/Kraftstoffsorte 64 l/Super plus
Kofferrauminhalt 130 l
Leergewicht/Zuladung 470/325 kg
Länge/Breite/Höhe 4430/1765/1305 mm
Kosten für die empfohlene Motorvariante 3.4 (300 PS)
Unterhaltskosten
Testverbrauch – CO2 14,9 l SP/100 km – 345 g/km
Inspektion 500 bis 850 Euro
Haftpflicht (13)1) 556 Euro
Teilkasko (28)1) 353 Euro
Vollkasko (27)1) 1613 Euro
Kfz-Steuer (Euro 3) 229 Euro
1) Onlinetarif der HUK24-Versicherung, Zulassung in Hamburg, Fahrer: Versicherungsnehmer + Partner (25 Jahre alt), jährliche Fahrleistung 15 000 km, Beitragssatz 100 % für die empfohlene Motorvariante 3.4 (300 PS)
Ersatzteilpreise2)
Lichtmaschine 1285 Euro
Anlasser 735 Euro
Wasserpumpe 525 Euro
Zahnriemen entfällt, Kette
Endschalldämpfer 605 Euro
Kotflügel vorn, lackiert 1030 Euro
Bremsscheiben und -klötze vorn 670 Euro
2) inklusive Lohnkosten und 19 % Umsatzsteuer
Andreas May

Andreas May

Fazit

So ein Spiegeleier-Porsche ist die günstigste Art, einen Elfer zu fahren. Die Augen sind Geschmackssache, alles andere ist top – wenn Historie und Pflegezustand stimmen. Aber Achtung: Wer „nur“ 25.000 Euro auf der hohen Kante hat, sich den Elfer vom Mund abspart, sollte die Finger vom 996 lassen. Auch ein Spiegeleier- Porsche gehört regelmäßig in die Fachwerkstatt, die Folgekosten sind immens.

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