Gefährliche Trucks

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Gefährliche Trucks

— 26.03.2002

An der Grenze zum Wahnsinn

Überalterte Bremsen, überladene Trucks, übernächtigte Fahrer - ein Spezialtrupp kämpft am deutsch-tschechischen Grenzübergang Waidhaus gegen die rollende Gefahr aus dem Osten.

Um Ausreden nicht verlegen

Die Sache ist längst entschieden, aber es ist Teil des Rituals: Stefan Turan, Brummifahrer aus der Slowakei, stochert mit den Armen im Wind und redet derart auf den deutschen Beamten ein, dass dieser einen Schritt zurücksetzt. Wirre Worte der Erklärung, schließlich ein devotes Lächeln. Nützt alles nichts. Der Beweis parkt direkt hinter dem Überführten und ist nicht zu übersehen: sein 7,5-Tonner, den Blick in den Laderaum freigelegt.

Die Holzteile, die mal ein Fertighäuschen in Kassel werden sollen, sind auf seinem Auflieger so sehr verrutscht, dass die Schräglage des Hängers bereits bedrohliche Ausmaße angenommen hat. "Der hängt aber scho' g'scheit schief", kommentiert Stefan Völkl die ungesicherte Ladung lakonisch. Doch die Gegenseite gibt nicht auf: 600 Kilometer sei er so doch schon gefahren, kontert der Fernfahrer aus Banská Bystrica. Und nichts, gar nichts sei passiert. Stefan Völkl kennt das alles. "Immer die gleichen Ausreden."

Der Polizeihauptmeister fällt sein Urteil mit einem Lächeln: "Musite se vratit." Wie zur Entschuldigung zieht Völkl die Schultern hoch, aber die Botschaft ist eindeutig und unwiderruflich: "Umkehren!" Sein Job ist es, zu verhindern, dass solche Gefahren für den Verkehr deutsche Straßen benutzen. Völkl (39) ist zwar nicht der Chef der "Schwerverkehrskontrollgruppe" am Grenzübergang Waidhaus in der Oberpfalz, aber er ist der Einzige, der ein paar Brocken Tschechisch spricht.

Überladene Hänger, geflickte Fahrwerke

Die anderen Mitglieder der sieben Mann starken Spezialtruppe behelfen sich mit einer Art Gebärdensprache, wenn sie täglich 160 Lkw bei der Überfahrt nach Deutschland zur Inspektion rauswinken. Im vergangenen Jahr wurden bei 5553 der über 47.000 untersuchten Fahrzeuge Mängel festgestellt; 1910-mal verweigerten Völkl und Kollegen die Einreise. "Die meisten Fahrer, die mit eingerissenen Bremsscheiben, geflickten Fahrwerken oder total überladenen Hängern Richtung Westen rollen, wissen sofort, dass sie ertappt sind, wenn wir auftauchen", sagt Wolfgang Eckert (32), der Leiter der Sondereinheit.

Die Mehrzahl sei sogar erleichtert, weil sie es ihrem Chef jetzt schwarz auf weiß geben können, dass der Lkw ohne Reparatur nicht so einfach über EU-Autobahnen brettern darf. "Es gibt sogar Fahrer, die uns Tipps geben, wo wir noch versteckte Mängel an ihrem Truck finden", sagt Eckert. Sprachlos macht den Polizeihauptkommissar und Maschinenbauingenieur schon lange nichts mehr. Seine Eliteeinheit hat schon Dutzende Lkw an der Grenze zum Wahnsinn gesehen.

Die glorreichen sieben leisten verantwortungsvolle Arbeit: Jeder bröckelnde Brummi, der ihnen durchs Netz geht, hat ab Waidhaus (kontroll)freie Fahrt quer durchs EU-Land. Praktisch bis nach Lissabon. So wie der Reisebus, der mit total zertrümmerter Frontscheibe noch bis nach Spanien wollte. Oder der Sattelzug aus Tschechien, bei dem der Fahrer eine radlose Achse mit einem Gurt hochgebunden hatte. Für die Beamten ist das auf den ersten Blick zu erkennen - und vergleichsweise leichte Beute. Anders bei Bremsschäden.

Fahren mit Bremsen Marke Eigenbau

Polizeiobermeister Johann Lang weiß nach Hunderten von Prüfungen, dass "der Einfallsreichtum der Fahrer ganz erstaunlich" ist. "Mit einem Nagel, einem Stück Draht und einem Tropfen Öl reparieren die ihre Bremsanlage." Und wenn Lang dann mit dem Kopf schüttelt, ruft der Trucker nur: "Kollega, komma, funktioniera - hier!", und tritt stolz auf die Bremse Marke Eigenbau. Ein lebensgefährlicher Spaß. Und kein Einzelfall. Die Gesellschaft für technische Überwachung (GTÜ) hat gerade bekannt gegeben, dass auf unseren Straßen 47 Prozent der Nutzfahrzeuge Bremsenmängel aufweisen. Tendenz steigend.

Doch die Gefahr sitzt nicht nur tief im Radkasten, sondern auch hinter dem Lenkrad. Immer wieder haben es die Beamten mit manipulierten Tachoscheiben zu tun - und mit den Folgen. Erst neulich sei ein Busfahrer aus der Ukraine während der Kontrolle eingeschlafen. Dann die polnische Pilgergruppe, die den Polizisten lauthals singend entgegenkam. Nur so ließ sich der Busfahrer wach halten. Und schließlich war da noch der ungarische Trucker, der während der Wartezeit am Grenzübergang durstig wurde und den Kontrolleuren 2,82 Promille entgegenhauchte.

Doch die Geschichten der Männer aus Waidhaus könnten bald Geschichte sein. Die geplante EU-Osterweiterung würde für den Grenzübergang das Ende bedeuten. Tschechische Kollegen müssten Hunderte Kilometer weiter östlich das EU-Gebiet vor den rollenden Wracks schützen. Die Spezialeinheit um Wolfgang Eckert wird in jedem Fall weiter gebraucht: Als mobile Einsatztruppe soll sie dann in einem Kleinbus auf die Jagd gehen.

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