Gefahrenzone Schulbus

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Gefahrenzone Schulbus

— 13.01.2006

"Es ist ein Skandal"

Als Schulbusfahrer braucht man starke Nerven. Aber keine Berufsausbildung. Der Führerschein reicht. Das birgt ein Risiko für unsere Kinder.

Die Fahrt ist eine Gratwanderung

Busfahrer Frank Dittmer beugt sich über das große Lenkrad seines Schulbusses. Jetzt noch einmal tief Luft holen. Draußen bollert eine Horde Sechstkläßler an die Tür. Am Bordstein der Haltestelle kämpfen zwei Jungen um die Pole-Position. Noch drei Minuten bis zur Abfahrt. Dittmer schaut stur geradeaus. Der 41jährige genießt den winzigen Rest seiner Pause, als wäre es der letzte Schluck Kaffee aus seiner Thermoskanne.

Um 13:07 Uhr saugt der Bus die Schüler auf wie ein trockener Schwamm. Schulschluß am Otto-Hahn-Gymnasium in Geesthacht bei Hamburg. Die beiden Jungs aus der ersten Reihe rennen durch den ganzen Wagen, werfen sich auf die letzte Bank. Ein anderer gerät im Gang in den Schwitzkasten eines Klassenkameraden. Binnen einer Minute ist der weinrote Gelenkbus voll und laut. Schulbus fahren ist in Deutschland eine harte Belastungsprobe. Für Fahrer und Passagiere. Die Busse sind fast immer älter als ihre Fahrgäste, am Steuer sitzt meist spärlich ausgebildetes Personal. Und obwohl Busse laut Statistik auf dem Schulweg nach der Bahn das zweitsicherste Verkehrsmittel sind, gehen schreckliche Unfälle wie 1999 in Altlandsberg (Brandenburg) nicht aus dem Kopf. Vier Kinder und der Busfahrer starben damals.

Zurück nach Geesthacht. "Einige Kinder bekritzeln die Scheiben, andere turnen an den Haltestangen. Immer wieder", sagt Busfahrer Dittmer. Er muß sich voll konzentrieren. Die Luft ist so stickig, daß alle Scheiben beschlagen. Julia Krüger dreht ihren Walkman voll auf. Doch gegen den Krach haben ihre Ohrstöpsel keine Chance. "Die Kleinen mußten sechs Stunden still sitzen, jetzt toben sie sich aus", erkennt die 13jährige das Problem. Karl-Heinz Leuchtmann vom Verkehrsverbund Hamburg-Holstein fährt eine andere Tour, die Probleme sind die gleichen: Die Kinder drängeln sich im engen Gang. Die Fahrt ist eine Gratwanderung. Wer sich nicht an eine der Stangen klammert, geht bei einer Vollbremsung unweigerlich zu Boden. Auch schon bei 20 km/h. Trotzdem: Sitzplätze für jeden Schüler sind in Deutschland nicht vorgeschrieben. "Wir bräuchten auf dieser Tour dann drei Busse. Eine Kostenfrage", sagt Leuchtmann. Also paßt er doppelt auf. Seit 14 Jahren macht er den Job bei den Verkehrsbetrieben Hamburg-Holstein. Vorbildlich: Jedes Jahr besucht der 45jährige eine Fortbildung.

Mit 95 statt erlaubter 50 km/h unterwegs

Gesetzlich vorgeschrieben ist das nicht. Eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer (Schwerpunkt Personenverkehr) gibt es zwar, doch die dreijährige Lehre ist bislang freiwillig. So dürfen (wie bei der Pinneberger Verkehrsgesellschaft) häufig sogar Studenten hinter die Lenkräder von Linienbussen. Grundsätzlich gilt: Busfahrer müssen 21 Jahre alt sein, um den Busführerschein (Klasse D) zu erwerben. Alle fünf Jahre müssen die Fahrer zum Gesundheitstest. Wer den Busführerschein hat, darf neun und mehr Fahrgäste chauffieren.

Nicht einmal einen Busführerschein brauchte der 20jährige Zivildienstleistende, der vor Weihnachten mit seinem VW-Bus durch Geitelde (Niedersachsen) gerast ist. Seine "Fracht": sieben sprachbehinderte Kinder. Mit 95 statt erlaubter 50 km/h donnerte er am Dorfgasthof vorbei. Busfahrende Zvildienstleistende sind für viele gemeinnützige Organisationen billige Arbeitskräfte. Ihr Sold: rund 500 Euro monatlich.

Die jungen Männer dürfen meistens mit einem normalen Pkw-Führerschein hinters Lenkrad (heute Klasse B, früher drei). Ein Personenbeförderungsschein ist erst dann Pflicht, wenn die Passagiere für ihre Fahrt zahlen, etwa beim Taxi. Bei Behinderten wie in Geitelde ist das oft nicht der Fall. "Es ist ein Skandal, wie mit den Schwächsten umgegangen wird", sagt Rolf Diederichs. Mit der von ihm gegründeten Schulbusinitiative kämpft der Rheinland-Pfälzer seit Jahren für mehr Sicherheit in Schulbussen und fordert strengere Gesetze: "Auf Schultouren fahren meist die ältesten Fahrzeuge. Abgefahrene Reifen und kaputte Türen sind keine Seltenheit."

Schulleiter Volker Freitag vom Marie-Curie-Gymnasium in Ludwigsfelde (Brandenburg) hat da ein wirksames Gegenmittel. Vor jeder Klassenreise ruft der streitbare Direx die Polizei zum außerplanmäßigen Bus-Check. Das Resultat: Weil er einen übermüdeten Fahrer zum Ausschlafen schickte, ging die letzte Ausfahrt mit zwei Stunden Verspätung vom Schulhof.

Autor: Claudius Maintz

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