Geiger-Corvette von 1959 und 2002

Geiger-Corvette von 1959 und 2002

— 05.12.2002

Konzert mit zwei Geigern

In der US-Autoszene ist Karl Geiger "Mr. Corvette". So verwandelte der Tuner aus Mnchen jetzt eine 59er zum Custom Street Car und eine C5 zum absoluten Ferrari-Schreck. Die Ausfahrt mit beiden ist ein unvergessliches Erlebnis.

Tief, breit und gelb Geigers 59er Corvette

Schlimm sah sie aus, sehr schlimm die schne 59er, die Anfang 1999 ihren Weg zu Karl Geiger fand. Eigentlich zum Heulen. Zerschlissen und zerkratzt, Chromteile und Stostangen fehlten, das Verdeck hing in Fetzen, Innenraum und Cockpit ein einziges Desaster. Die Restaurierung in den Originalzustand schied damit aus. Viel zu teuer.

Aber was tun? Schlachten? Auch zu schade. Tuner Geiger rckte dem Fiberglas-Body anders zu Leibe amerikanisch, Hotrod-mig. "Sonst wre das gute Stck nicht mehr zu retten gewesen", so der 43-jhrige USA-Freak. In Amerika ist dieses "Customizing" hunderttausendfach praktiziertes Tuning. Am Ende sieht der Wagen meist besser aus als das Original.

Das gilt auch fr Geigers 59er, die nach fast 18 Monaten Arbeit tief, breit und gelb auf dem Hof stand. Erst auf den zweiten Blick ist zu erkennen, was eigentlich optisch verndert wurde. Der Grill, in dem sonst die Stostangenecken mnden, erhielt verchromte Metalleinstze, "Zhne" wurden ergnzt und sauber eingepasst. Unter den Kotflgeln sitzen breite Speichenrder von einer 67er Corvette. Um ihnen gengend Handlungsspielraum zu geben, musste die Flex her. Geiger pappte nicht etwa ordinre Verbreiterungen an, sondern schnitt die Kotflgel oben der Lnge nach auf und laminierte nchtelang. Das Ergebnis ist so gut, dass nur Kenner ahnen, dass da irgendwas anders ist an diesem Boliden. Auch unter dem Kunststoffkleid.

Am besten gemchlich cruisen und trumen

Ursprnglich mit 230 amerikanischen SAE-PS bestckt, arbeiten jetzt 320 DIN-Pferde in dem alten Roadster. Aus dem 350er-Block (entspricht 5,7 Liter Hubraum) flog alles raus, was sich bewegt. Neue Kolben, Pleuel und der Kurbeltrieb alles hochfeste Spezialanfertigungen. Die neuen Zylinderkpfe vertragen jetzt Bleifrei. Beatmet wird der V8 ber einen greren Vergaser und eine Edelbrock-Spinne. Von Kat und Konsorten wollen wir hier mal nicht reden. Haben andere Oldtimer auch nicht.

Sobald der Anlasser den Smallblock zum Znden bringt, erwacht das alte Amerika und zeigt sich von seiner schnsten akustischen Seite. Es geht nichts ber das dumpfe Blubbern eines Achtzylinders. Der kurze Kick aufs Pedal ebenso. Der lsst die Corvette kurz ber die Lngsachse wippen, so, als wolle sie sagen: "Nun mach mal endlich!"

Okay. Automatik auf D und los. Ohne irgendwelche elektronischen Zgel strmt die alte Lady nach vorn, braucht jedoch eine kundige Hand. Denn das Fahrwerk, auch wenn von Karl Geiger grndlich berarbeitet, stt schnell an seine Grenzen. Die Lenkung (kein Servo) ist abenteuerlich. Schnell wird einem bewusst, wie verwhnt wir von der heutigen Technik sind. So zeigt sich, dass die liebste Freizeitbeschftung der 59er das gemchliche Cruisen war. Boulevard, genssliches Dahinblubbern, den Arm lssig auf der tiefen Trkante, neben sich eine (wenn mglich) zauberhafte Frau und denken: "So war es einmal in Amerika."

Im C5 knackig um die Kurven

Ganz anders: die heutige Neue Welt. Die Corvette C5 hat sich ber die vergangenen vier Jahrzehnte zu einem vollwertigen und ernst zu nehmenden Sportwagen entwickelt, der es fahrtechnisch durchaus mit Porsche und Co aufnehmen kann, dabei aber ein Drittel weniger kostet. Kraft im berfluss gibt es schon ab Werk in Bowling Green, Kentucky: 344 PS und 509 Newtonmeter. Aus wie sollte es anders sein einem 5,7-Liter-V8. Ihre etwas lssigen Cowboy-Manieren bereiten eine Menge Fahrspa. Knackig und direkt lsst sie sich um die Ecken scheuchen, unerhrt kraftvoll beschleunigen und dies in Begleitung eines grollenden V8-Orchesters. Herrlich.

Fr Karl Geiger nicht herrlich genug. Auch aus der C5 flogen die Kolben, die Pleuel und die Kurbelwelle, wurden ersetzt durch fein ausgewogene Rennteile. Weitere Bearbeitung erfuhren die Kpfe und die Einspritzanlage. Alles zusammen fruchtet in 476 PS und 603 Newtonmetern mit entsprechenden Fahrleistungen. Die hier handgeschaltete C5 geht wie die sprichwrtliche Sau, allerdings sind die Schaltwege

hart und schwer. Fast unmglich: das Tempolimit einzuhalten. Ortsdurchfahrten erfordern hchste Konzentration. Man ist immer schneller, als man denkt.

Zur Not hilft ein Tritt ins mittlere Pedal. Fr optimale Verzgerung sorgen Porsche-Bremsen, die Geiger seinem amerikanischen Freund spendiert hat. Auch das Fahrwerk verlangte nach berarbeitung, fand Geiger. Dass er dabei gleich die vorderen Blattfedern rausschmiss, neue Aufhngungen konstruierte und Schraubenfederbeine einsetzte, war anfnglich gar nicht geplant. So gesehen, ist sowohl die neue als auch die alte Geiger-Corvette ein wahres Einzelstck.

Fazit und Technische Daten

Bei unserer Fotoausfahrt im herbstlichen Bayern zog vor allem die 59er alle Blicke auf sich, symbolisiert sie doch Amerikas Sportwagenlegende wie kein zweites Auto. Besonders ihr puristisches Design und die beraus harmonische Form faszinieren.

Die C5 wirkt dagegen wie eine Macho-Maschine. Brutal, aggressiv. Doch auch mit ihr lsst sich gemtlich cruisen, immer so ein bisschen in Lauerstellung. Knnt ja doch mal jemand anrauschen, der es wissen will. Geiger verspricht 335 km/h. Wer Mnchens Autobahnen kennt, wei, dass wir das niemals testen konnten. Dafr standen wir auf dem Weg zum Flughafen im Stau, eingepfercht zwischen viel gesichtslosem Einheitsblech. Fr Corvette-Fans die Hchststrafe.

Technische Daten Geiger-Corvette 1959 Wassergekhlter V8-Motor, vorn lngs eingebaut zwei Ventile je Zylinder Hubraum 5735 cm3 Leistung 235 kW (320 PS) bei 4800/min Vierfachvergaser Edelbrock-Ansaugspinne Dreistufenautomatik vorn Einzelradaufhngung mit Trapez-Dreieckslenker, hinten Starrachse mit Blattfedern vorn Scheiben-, hinten Trommelbremsen Reifen 205/60 R 15 vorn, 215/65 R 15 hinten Felgen 7-Zoll vorn, 8-Zoll hinten Lnge/Breite/Hhe 4500/1950/1280 mm Radstand 2591 mm 0100 km/h in 5,5 s Hchstgeschwindigkeit ca. 220 km/h Preis 43.000 Euro

Technische Daten Geiger-Corvette C5 Wassergekhlter V8-Motor, vorn lngs eingebaut eine unten liegende Nockenwelle zwei Ventile je Zylinder Hubraum 6300 cm3 Leistung 350 kW (476 PS) bei 5590/min maximales Drehmoment 603 Nm bei 4700/min manuelles Sechsganggetriebe, Transaxle Hinterradantrieb einstellbares Gewindefahrwerk vorn Porsche-4-Kolben-Bremsanlage von Brembo, Scheiben-Durchmesser 322 mm, hinten Serie Reifen 245/45 R 17 vorn, 275/40 R 18 hinten Lnge/Breite/Hhe 4560/1870/117 mm 0100 km/h 4,3 s Hchstgeschwindigkeit 335 km/h Preis 98.000 Euro

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