Geisterbahnhof im Rheinland

Geisterbahnhof im Rheinland

Geisterbahnhof im Rheinland

— 08.05.2003

Kein Schotter für die Straße

Im Rheinland sind die Narren los: In Merzenich bei Köln wurde jetzt ein S-Bahnhof eingeweiht, der per Auto kaum zu erreichen ist.

Schildbürgerstreich in Merzenich

Im Großen und Ganzen ist ja alles da: ein schöner Bahnsteig, eine Fußgänger-Unterführung inklusive Aufzug. Dazu Fahrkartenautomaten, Sitzgelegenheiten, Aschenbecher. Der neue Bahnhof Merzenich auf der S-Bahn-Strecke von Köln nach Düren ist an sich eine ganz normale Haltestelle. Wenn da nicht eine Kleinigkeit fehlte: Für eine Zufahrtsstraße, über die man den neuen, 1,8 Millionen Euro teuren Bahnhof auf der grünen Wiese erreichen könnte, für die war plötzlich kein Geld mehr in der Kasse.

Für eine Busanbindung und die geplanten 300 Parkplätze übrigens auch nicht. Kein Schotter für die Straße – und ein Bahnhof ohne Anschluss. Was wie ein schlechter Karnevals-Scherz klingt, ist rheinische Realität: Wer zu dem frisch eingeweihten Bahnhof der 9743-Einwohner-Gemeinde möchte, der muss sein Auto über eine kaum zumutbare Schotterpiste quälen und irgendwo im Matsch abstellen.

Oder diesen Matsch eben gleich von der 200 Meter entfernten Landstraße aus zu Fuß durchqueren. Oder aber, und so machen es die meisten Pendler, er lässt den teuren Geisterbahnhof links liegen und fährt gleich mit dem Auto in die Stadt. "Für uns ist das alles sehr unbefriedigend", grummelt selbst Merzenichs Bürgermeister Peter Harzheim (CDU), "das wirkt wie ein Schildbürgerstreich."

Ursache: Nordrhein-Westfalen ist pleite

Die Sache ist nämlich die: Weil auch in den Kassen von Nordrhein-Westfalen Ebbe ist, wurden die Landesmittel zurückgefahren. Projekte, die schon genehmigt waren (wie der S-Bahnhof), durften noch gebaut werden. Projekte aber, die formal noch nicht genehmigt waren (wie die 2,4 Millionen Euro teure Straßenanbindung), wurden gestoppt.

Dass ein Bahnhof ohne Anbindung ziemlich unsinnig ist, zählte dabei nicht. Bürgermeister Harzheim versucht nun, die Zufahrtsstraße fürs Erste über Gemeindemittel vorzufinanzieren und sich das Geld später zurückzuholen. "Ich bin sehr optimistisch, dass wir das hinbekommen. Die Pläne für die Straße liegen ja schon fertig in der Schublade. Ende des Jahres könnte die Zufahrtsstraße dann fertig sein." Nach dem Motto: Besser spät als nie ...

Der Bund der Steuerzahler meldet derweil übrigens, dass in Salzkotten (Kreis Paderborn) vermutlich eine völlig unsinnige Brücke über die dortige Bahnstrecke gebaut werden muss – weil ein paar Anwohner darauf bestehen und das Recht auf ihrer Seite wissen. Etwa 880.000 Euro der 3,3 Millionen Euro Baukosten soll dann das Land übernehmen. Und jetzt raten Sie mal, wo Salzkotten liegt. Richtig – genau wie Merzenich im armen Nordrhein-Westfalen ...

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